Diese französische Kleinfamilie ist für den Geschmack der Zeit wie geschaffen. Sie ist gebildet und weltoffen, tolerant und aufgeklärt. Sie liebt Bücher und bajuwarische Autos. Der pubertierende Sohn ist ein aufgewecktes Bürschchen und tummelt sich wie ein Fisch im Wasser. Frau Mama (Juliette Binoche), von Beruf Lektorin, versüßt ihrem schmachtenden Verleger mit schönen Verkaufserfolgen das Leben. Nur Herr Papa schießt den Vogel ab. Georges (Daniel Auteuil), Starmoderator einer französischen Literatursendung, ist ein Dr. Mustermann des öffentlich-rechtlichen Kulturauftrags. Im Studio hat er die Crème de la Crème der französischen Intelligenz zu Gast, alles Spezialisten für Spezielles. Ist ein Gedanke zu klug, lässt Georges ihn herausschneiden, aber das macht nichts, für die postmoderne Bourgeoisie reicht es allemal, denn eigentlich geht es ihr – um nichts.

Auch die zivilisierten Freunde, nette akademische Yuppies, stammen aus der Kulturbranche, und auch für sie ist Literatur ein Adelsprädikat auf dem Weg zum bürgerlichen Ruhm. Jede Phrase wird in Champagner getaucht, es perlt und zischt, man zitiert Spengler, Nietzsche oder gern auch Baudrillard. Einmal sitzt die Kulturgesellschaft plaudernd zu Tisch, und jemand erzählt eine Anekdote von grausamer Komik. Ob sie wahr sei, will jemand wissen. Der Erzähler schweigt.

Tatsächlich ist die Frage eine Schlüsselszene in Michael Hanekes Film Caché. Gibt es eine verborgene Wahrheit unter dem Häkelwerk des Wohllebens – eine Wahrheit jenseits der jovialen Gleichgültigkeit? Eine, die nicht bloß ein Diskurseffekt ist, eine Redeweise im zivilen Leben?

Es gibt diese Wahrheit, und wie bei Ibsen ist sie schwarz wie die Nacht und entsteigt dem Keller der Lebensgeschichte. Eines Tages liegt sie in Gestalt eines Videobandes auf dem Esstisch, einfach so, ohne Erklärung, ohne Absender. Zu sehen ist auf dem Video eigentlich nichts, nur das Wohnhaus von außen, eine Hand voll Passanten, später der Bauernhof, auf dem Georges aufwuchs. Unheimlich ist, dass es nichts Unheimliches gibt. Die Drohung bleibt stumm und fordert nichts. Aber sie weckt unheilvolle Erinnerungen und Schuldgefühle. Diese zersägen die familiäre Idylle und kehren das Unterste nach oben. Unter Hanekes unerbittlichen Kameraeinstellungen verwandeln sich dunkle Ahnungen in nackte Angst, in die Panik vor Deklassierung und Verlust: "Was tut man nicht alles, um nichts zu verlieren."

Michael Haneke hat einen Thriller gedreht, man kann ihn auf vielen Ebenen lesen, politisch, historisch, existenziell. Unter dem Albdruck der Videos erinnert sich Georges, wie er als Sechsjähriger seinen Adoptivbruder Majid denunziert hatte, den Sohn eines algerischen Gastarbeiterehepaars, das 1961 dem Massaker französischer Polizisten zum Opfer gefallen war. Majid (Maurice Bénichou) wird vom Bauernhof entfernt, in ein Waisenhaus verbracht und seiner Tage nicht mehr froh. Es gibt keine Wiedergutmachung, keinen Ausgleich; sein Leben ist verpfuscht. Das ist sie – die Wahrheit im Paradies der Bürger.

Aber wer ist der Absender der Videobänder? Majid versichert, er sei es nicht, der Zuschauer glaubt ihm. Damit beginnt Haneke ein raffiniertes Spiel mit der Perspektive, mehrfach wird der drohende Blick der Videos deckungsgleich mit der Perspektive der Kamera. Auf der "metaphysischen" Ebene von Caché wäre es also der Film selbst, der die Botschaften abschickt, das hieße: Die Kunst ist die Gerechtigkeit, aber eine, die weder ein Urteil spricht noch nach Rache verlangt. Sie ist gerecht, weil sie sichtbar macht und uns die Unterseite der zivilisierten Gesellschaft vor Augen führt.

Diese Unterseite ist, wie immer bei diesem großartigen Regisseur, barbarisch und schuldbeladen. Sie ist schreiendes Unrecht, verweigerte Anerkennung oder, wie in diesem Fall: Frankreichs verdrängter Algerienkrieg und die Vertreibung eines Jungen aus dem Asyl der Kindheit. Weil Schuld weder getilgt noch vergessen werden kann, herrscht Krieg im Frieden, und die ganze Welt scheint von diesem Gesetz beherrscht. Ständig läuft im Hintergrund ein riesiger Fernseher und zeigt Terrorvideos aus Bagdad, für Haneke nur ein anderer Schuld-Schauplatz der zivilisierten Welt. Erst am Schluss, wenn keines der Rätsel gelöst und dieser ungeheure Film an seiner Präzision zu zerbersten droht, gewährt Haneke einen Waffenstillstand im Weltbürgerkrieg. Minutenlang ruht die Kamera auf den Gesichtern der Schulkinder, auf dass eine andere Geschichte beginne.