Kultur Leben im ZwiespaltSeite 4/4
Unleugbar bleibt bei alledem der unterschätzte, hartnäckige, Neonazismus – und auch die sich seit Jahrzehnten manifestierenden antijüdischen Ausfälle, bis in die Spitzen der deutschen Gesellschaft – vom Bürgermeister in Korschenbroich über Martin Walser bis zu den Bundestagsabgeordneten Fellner und Hohmann. Nichts ist dafür bezeichnender als die von der FDP wahltaktisch tolerierten Töne Jürgen Möllemanns – ausgerechnet der Partei, für die sich Ignatz Bubis lange engagiert hatte und die ihm damit als Dank noch posthum eine Ohrfeige verabreichte.
Doch auch Bubis darf nicht nur von seinen pessimistischen letzten Monaten her gesehen werden; sein langjähriger Optimismus über jüdisches Leben in Deutschland muss ebenfalls gewürdigt werden; gewürdigt werden muss auch die heute gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus weitgehend immunisierte öffentliche Meinung.
Wenn wir also auf die erste jüdisch-deutsche Jahrhunderthälfte nach der Schoah zurückblicken, so sehen wir eine langsam wachsende, zerbrechliche, doch gleichzeitig erstarkende Selbstbehauptung jüdischen Lebens in Deutschland. Selbst Jahrzehnte nach dem Morden sind die Überlebenden und deren Kinder in Deutschland noch von Scham und Angst gezeichnet. Das andere Element sind die deklamatorischen Loyalitätsbekundungen gegenüber Israel, die immer dann zunehmen, wenn israelische Politik unter stärkere Kritik in Europa gerät. Diese Ambivalenz, mit allen öffentlichen Bekundungen der Zugehörigkeit zu Deutschland, wird ausgedrückt mit dem Satz auf dem Poster am jüdischen Gemeindehaus: »Berliner Juden für Israel«.
Der Autor lehrt Soziologie an der Universität Toronto. Von ihm erschien zuletzt: »A Jewish Family in Germany Today. An Intimate Portrait« (Duke University Press, 2005)
- Datum 26.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 26.01.2006 Nr.5
- Kommentare 7
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kb26919: "Ich weiss nicht ob ich einem Land vergeben koennte dass meine Eltern,Grosseltern und Mitmenschen umgebracht hat." Wie vergibt man denn einem Land?
Ich kann diese Frage nicht beantworten...
Dieser Beitrag macht nachdenklich.Persoenlich empfinde ich die systematische Toetung der Juden im 3.Reich als einen enormen Verlust fuer Deutschland denn dadurch wurden genau die Buergerschicht eliminiert die auch heute noch das intellektuelle,wissenschaftliche und gebildete Milieu ausmacht.Wenn man heute wieder von einer juedischen Gemeinde in Deutschland reden kann dann ist das Fortschritt auch wenn man in Israel es lieber haette dass alle Juden dorthin kommen.
Ich bin überwältigt von diesem wundervollen Artikel. Seit Micha Brumliks Buch "Kein Leben als...." hatte ich damit nicht mehr gerechnet(verworfen d.Verf.) - hatte ich damit nicht mehr gelebt. Der Autor soll wissen, dass ich weder sein Urteil über Martin Walser noch das über Jürgen Möllemann teile, aber ich könnte mir vorstellen, dass z.B. Jürgen Möllemann aus dem Himmel im Nachhinein Verständnis für die Reaktion der jüdischen Gemeinde und viele mehr hat. Ich bin in NRW geboren und ich sage es Ihnen einfach mal so. Möllemann wäre niemals derart für Johannes Rau eingetreten, wenn er auch nur im Entferntesten antisemitisch gedacht hätte.
Ich akzeptiere die USA als d i e Schutzmacht Israels und deshalb sollte Israel meines Erachtens auch etwas entspannter sein. Die USA werden Deutschland oder auch ein anderes Land einfach platt machen, wenn jüdisch-Herkünftige oder Gläubige oder Israelis auch nur rudimentär bedroht wären.
Ich fürchte das und vertraue darauf. Das ist meine Ambivalenz.
In diesem Zusammenhang appelliere ich an das iranische Volk, seinen Präsidenten in dieser Richtung zu beschränken. Saddam Hussein fordere ich auf, seine antisemitischen Äußerungen zu widerrufen und sich entschieden zu distanzieren - dann hat er Chancen auf so etwas wie ein Urteil, ansonsten bleibt er außen vor - die Hamas bitte ich inständig, als Deutsche und damit NachkommIn von schlimmstem Geschehen, gebt Euch und Israel eine Chance.
Shalom
ich fuehle mich genoetigt, den zweiten kommentar zu kritisieren. da wird beklagt, dass die "Buergerschicht eliminiert" wurde, "die auch heute noch das intellektuelle,wissenschaftliche und gebildete Milieu ausmacht". ein "persoenlicher" verlust sei das. das ist so perfide so zu schreiben wie traurig, so etwas von einem zeit-leser zu hoeren.
zu beklagen sind danach die akademiker vor allem, nicht jedoch die armen juden, die ungluecklicherweise nicht dieser bildungsschicht angehoerten. ein schriftsteller oder chemiker ist daher schwerer zu "verschmerzen" als ein juedischer arbeiter, einfacher angestellter, handwerker etc.
und vor allem ist der verlust ein verlust fuer deutschland. wie konnten die schlaechter des 3.reiches deutschland das nur antun?! wie verkehrt ist dieser blick.
wenn der "verlust fuer deutschland" alles ist, was einem heute einfaellt zur shoa, finde ich das sehr schlimm.
armes deutschland!
Da es nun wieder moeglich ist in Deutschland Rabbis auszubilden empfinde ich diese Entwicklung als einen noetigen Schritt in die Zukunft des Judentums in Deutschland.
@Brendele, wenn ich schrieb dass Deutschland durch den Mord an den Juden einen enormen Verlust in einer gewissen Bevoelkerungs-Schicht hatte dann wollte ich damit nicht sagen dass es okay war alle anderen Juden zu eliminieren.Alles war mit dem Holocaust zusammen haengt ist wohl das dunkelste Kapitel in der deutschen Geschichte und es gibt dafuer weder Entschuldigungen noch Erklaerungen.
Deswegen ist es umso bemerkenswerter dass sich nun besonders in Berlin wieder eine juedische Gemeinde bildet.
Ich weiss nicht ob ich einem Land vergeben koennte dass meine Eltern,Grosseltern und Mitmenschen umgebracht hat.
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