irak Verschollen im Terror-Dreieck

Zwei deutsche Ingenieure wurden im Irak entführt. Der Tatort verheißt nichts Gutes, denn dort agiert auch al-Qaida. Doch selbst diese Gefahr schreckt einige Unternehmen nicht ab

Wie genau Alexander Christof sich in Bagdad vor Entführungen schützte, soll nicht in der Zeitung stehen. Künftige Entführer könnten Schlüsse daraus ziehen. »Man muss sich«, so viel darf gesagt sein, »unsichtbar machen.« Der 47 Jahre alte Architekt ist einer der ganz wenigen Deutschen, die bis vor kurzem noch im Irak tätig waren. Mittlerweile koordiniert er die Arbeit der Hilfsorganisation Architekten für Menschen in Not von der jordanischen Hauptstadt Amman aus. »Ich kenne keine Deutschen, die sich noch permanent im Zentralirak aufhalten.« Christof selbst hat es jahrelang getan. Bis der Terror zu nahe kam. Kurz vor Weihnachten traute er sich zuletzt nach Bagdad – allerdings nur für eine Woche.

Simona Pari, Simona Torretta, Margret Hassan, Susanne Osthoff – Alexander Christof zählt die Namen der entführten oder ermordeten Helferinnen auf wie Beweismittel. »Irgendwann war deutlich, dass die Terroristen sich ›weiche Ziele‹ aussuchen«, sagt er, da habe man einfach den Posten räumen müssen.

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Und doch, selbst übers Telefon lässt sich spüren, wie schwer es Christof fällt, den Schrecken siegen zu lassen über die Sorge. »Der Irak ist einer der gefährlichsten Orte der Welt«, sagt er, »und gleichzeitig einer derjenigen, die am dringendsten Hilfe brauchen.« Immerhin, 25 locals, einheimische Mitarbeiter, kümmerten sich weiter um die Projekte der NGO, berichtet er, sie bauten Schulen und Trinkwasserleitungen auf. Expats hingegen, Ausländer, steuern den Aufbau nur noch von Jordanien aus. Als er am Montagmorgen hörte, dass in Baidschi, im umkämpften sunnitischen Dreieck, zwei Ingenieure aus Sachsen entführt worden seien, war der erfahrene Helfer überrascht. »Dass dort Deutsche sind, das wundert mich schon.«

Wie viele Deutsche sind im Irak noch unterwegs?

Doch sie waren dort, die beiden Deutschen, deren Namen irakische Behörden mit »Thomas Wischke und Rebiti Drata« angaben. Offenbar sollten die Ingenieure helfen, neue Maschinen in einer Reinigungsmittelfabrik zu installieren, als schwer bewaffnete Täter sie am frühen Dienstagmorgen in ein Auto zerrten und verschleppten. Mehr war am Dienstagabend bei Redaktionsschluss über die Entführung nicht bekannt.

Allerdings wirft der ernste Fall ein paar grundsätzliche Fragen auf. Zum Beipiel: Wie viele Deutsche sind mit ähnlichen Arbeitsaufträgen womöglich noch unterwegs zwischen Basra und Kirkuk? Gut 100 Deutsche, schätzt das Auswärtige Amt in Berlin, halten sich derzeit im Irak auf – oder, vielleicht besser, wohnen dort. Denn die meisten Personen, die auf der so genannten Deutschenliste der Botschaft in Bagdad stehen, sind verheiratet oder haben Familie im Land – Deutsche also, die in Deutschland vermutlich als »Fremde« gelten würden. Wie viele Handelsreisende hingegen im Zweistromland Technik, Waren und Know-how unters Volk bringen, wagt kaum jemand zu sagen. Das Auswärtige Amt hält Unternehmensvertreter zwar an, mit der Botschaft in Bagdad in Kontakt zu treten, falls sie unbedingt persönlich Geschäfte im Land erledigen wollen, aber ob sie diese Empfehlung befolgen, ist nicht zu kontrollieren. Denn Regel Nummer eins für Geschäfte im Terrorland lautet: Kein Wort darüber.

Das gilt auch für das Unternehmen aus Sachsen, das die beiden nun entführten Ingenieure in die Bürgerkriegszone entsandte. Weder das Auswärtige Amt noch der Bundesnachrichtendienst wollen die Öffentlichkeit über Näheres unterrichten, solange nicht einmal feststeht, wer genau die beiden Deutschen in seiner Gewalt hat. Jedes Stück Information zu viel kann den Entführern in die Hände spielen.

Er tue sich schwer damit, Details über die Unternehmensaktivitäten im Irak preiszugeben, sagt ein Sprecher von Siemens. Dass der Technikriese im Irak Mobilfunknetze aufgebaut hat und Anlagenbau betreibt, bestreitet er nicht. Aber mehr gibt er nicht preis. »Das Sicherheitsbedürfnis unserer Mitarbeiter geht einfach vor«, sagt er und bittet um Verständnis. Doch die Unternehmen fürchten nicht nur Risiken für Leib und Leben ihrer Angestellten, sondern auch schlechte Presse. Das Engagement im Irak lässt sich zwar durchaus als mutige private Aufbauleistung beschreiben, doch sensationslüsterne Schlagzeilen könnten dies auch schnell in bloße Profitgier umdeuten. Vor allem dann, wenn der Eindruck entsteht, deutsche Firmen gingen über Leichen.

So mag man bei Siemens aufgeatmet haben, als in deutschen Zeitungen ein Fall weitgehend unerwähnt blieb, der im August 2004 in Indonesien für Aufsehen sorgte. Im irakischen Mossul wurde damals ein 27-jähriger indonesischer Telekommunikationstechniker erschossen, der für Siemens arbeitete. Die indonesische Botschaft in der syrischen Hauptstadt Damaskus teilte damals in einer Pressemitteilung mit, sie habe die persönlichen Gegenstände des Opfers erhalten, »überreicht von Siemens-Vertretern«. Das ist PR, wie sie selbst Weltkonzerne fürchten.

Etwa 30 Deutsche, schätzt der Nahost-Experte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Jochen Clausnitzer, arbeiten derzeit für Firmen im Irak. Sie bedienen sich vielfach der Hilfe privater Sicherheitsdienste. Dazu zählt auch die deutsche Firma Command Risks Management. Sie bietet Unternehmern Gefahrenanalysen, Sicherheitstrainings und Personenschutz an. »Die Unternehmer bleiben höchstens eine Woche im Land, um Beziehungen aufzubauen beziehungsweise wiederherzustellen«, sagt Alex Breingan von Command Risks. »Zu unseren Diensten gehört die Vorbereitung von Kontakten im Landesinneren oder die Unterbringung in sicheren Unterkünften.« Breingan war im Oktober selbst für einen Monat in Mossul. Was er berichtet, bestätigt die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes. Er habe selbst mehrere Angriffe erlebt: »Von Heckenschützen, Panzerfäusten, Bomben, Angriffe von kleinen Gruppen mit kleinen Waffen. Zum Schluss hat uns die amerikanische Armee rausgeholt, weil wir eingekesselt waren.«

30 bis 40 deutsche Firmen sind trotzdem im Irak aktiv. Die meisten ihrer Mitarbeiter dürften sich allerdings im kurdischen Norden aufhalten. Die Region gilt als verhältnismäßig sicher. Vor wenigen Wochen appellierte der Vorsitzende der Gesellschaft für bedrohte Völker, Tilman Zülch, an die Bundesregierung, die drei kurdischen Provinzen Dohuk, Arbila und Suleimania aus der scharfen Reisewarnung des Auswärtigen Amtes auszuklammern. Dort habe es in den vergangenen drei Jahren nur zwei Bombenexplosionen gegeben. »Deutsche können sich hier sicher fühlen«, beschwört Zülch.

Aufgrund dieser Einschätzung will Austrian Airlines ab diesem Frühjahr dreimal pro Woche von elf deutschen Flughäfen aus via Wien in die kurdische Stadt Erbil fliegen. »Eine Marktanalyse hat Verkehrsbedarf ergeben«, heißt es in der Wiener Zentrale der Fluggesellschaft. Von bestimmten Unternehmen? Man bitte um Nachsicht, dass man über Kunden nicht spreche. Allerdings: Ja, es handele sich um »wirtschaftliche Nachfrage«. Goldgräberstimmung wäre sicherlich das falsche Wort; doch in der Szene gilt der Irak immerhin als so genannter Potenzialmarkt. Und wer zuerst kommt, mahlt zuerst – auch in der Kriegsruine. »Die Firmen stehen auf Stand-by«, sagt Klaus Friedrich, der Außenwirtschaftsexperte des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Bisher allerdings sei der Erfolg »eher schlapp«.

Wenn die Täter Fanatiker sind, hilft kein Lösegeld

Deutsche Firmen lieferten 2004 nach VDMA-Berechnungen Waren für 366 Millionen Euro in den Irak. Das entspricht einem Hundertstel dessen, was jedes Jahr nach Spanien exportiert wird. Aber in Warenwert sind die Exporte in den Irak immerhin fast das Doppelte dessen, was die Bundesregierung bisher an Wiederaufbauhilfe im Kriegsgebiet investiert hat (200 Millionen Euro). »Im Irak sagen alle: Wir wollen mit den Deutschen zusammenarbeiten«, berichtet der Architekt Alexander Christof, »wir haben halt immer noch einen ausgezeichneten Ruf.«

Möglicherweise gilt dies in Terroristenkreisen mittlerweile auch für die Ware Mensch. Die Gerüchte über mehrere Millionen Dollar Lösegeld, die Berlin für Susanne Osthoff gezahlt haben soll, könnten weitere Entführerbanden locken. Genauso berechtigt ist allerdings die Antwort von Außenminister Frank-Walter Steinmeier darauf: Nicht das Lösegeld könne Nachahmungstäter in Marsch gesetzt haben, sondern allenfalls »die Berichterstattung darüber«.

Ganz andere Sorgen müsste sich die Bundesregierung vor allem machen, falls die beiden deutschen Ingenieure in die Hände einer politisch-extremistischen Gruppe geraten sein sollten. In der hauptsächlich von Sunniten bewohnten Region nahe Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit ist nicht auszuschließen, dass die Täter entweder dem so genannten nationalen Widerstand entstammten oder einer Teilgruppe von al-Qaida, etwa der Islamischen Armee im Zweistromland, die bin Ladens Stellvertreter Abu Musab al-Sarqawi anführt. Beide Gruppen teilen ein gemeinsames Interesse: Die westliche Intervention im Irak darf keine Erfolgsgeschichte werden. Ihre Forderung könnte daher lauten, das deutsche Engagement im Irak zu beenden. Sei es nun privat oder staatlich. Wenn das passiert, hilft auch kein Lösegeld mehr.

 
Leser-Kommentare
  1. Man sollte alle noch im Irak verbleibende Deutsche auffordern dass Land umgehend zu verlassen oder ihnen mitteilen dass fuer weitere Entfuehrungen keine Steuergelder mehr zur Ausloesung gezahlt werden.

    • iceman
    • 27.01.2006 um 21:23 Uhr

    Inzwischen spricht man ja schon von einer Entführungs-"Industrie".
    Der Deutsche als Kunde erfreut sich dabei zunehmender Beliebtheit. Auf ihn ist Verlaß, wie immer.
    Er zahlt pünktlich und großzügig, und verursacht auch sonst keine Unannehmlichkeiten.

    Wäre es da nicht angebracht, eine "Entführungskosten-Pflichtversicherung" für alle im Ausland tätigen Unternehmer einzuführen? Schließlich werden die lukrativen Gewinne, die die Unternehmen gerade in gefährdeten Gebieten machen (Gefahrenzuschlag), auch nicht sozialisiert - warum also die Risiken?
    Außerdem sollte man den Beschäftigten im Ausland anbieten, für sich persönlich eine Entführten-Versicherung abzuschließen, bei der im Falle einer Entführung ein "Entführten-Tagegeld" bezahlt wird (100% Schmerzensgeld für jeden Tag der Entführung; 50% für die posttraumatische Behandlungsphase nach der Entführung bis zum Wiedereintritt ins Erwerbsleben).

    Eine Alternative zu alldem wäre die subkutane Implantation von GPS-Sendern bei den Beschäftigten, damit sie im Falle einer Entführung schnell geortet und befreit werden könnten (angeblich hat David Beckham genau das und aus gleichem Grund bei seinen Kindern gemacht - hört mehr auf die Fußballspieler!).

    Ansonsten sollte niemand mehr die böswillige Behauptung aufstellen, traditionelle Muslime wären nicht fähig, sich erfolgreich den Anforderungen eines globalisierten Marktgeschehens anzupassen.
    Die Entführer haben das Prinzip von Angebot und Nachfrage schon ganz gut begriffen.
    Deshalb sollte unsererseits auch darüber nachgedacht werden, ob man mit den wichtigsten Entführungs-Trägern eine Art Tarifsystem oder einen Mengenrabatt aushandelt, um die zu erwartend steigenden Entführungskosten wenigstens pro Kopf in den Griff zu kriegen.

    • eltoro
    • 27.01.2006 um 21:22 Uhr

    länder in denen terror herrscht, sollten generell nicht von westlich zivilisierten ländern, überhaupt nicht beliefert werden, oder gar handelbeziehungen bestehen. ohne die westliche welt mit amerika oder europa an der spitze würden die länder heute noch in der steinzeit leben, oder leben sie definitiv auch noch heute.
    eltoro

  2. Kannst du Dir ausmalen, was passiert, wenn diese subkutanen GPS-Dinger wirklich eingepflanzt wuerden??? Also, ich schon! Sie wuerden einfach herausgeschnitten!
    In den 80ern kam es ja auf, dass man seinen Hunden und Katzen Nummern in die Ohren taetowieren sollte, um sie bei Verlust leichter erfassen und wiederfinden zu koennen. Das fuehrte nur dazu, dass den armen Tieren die Ohren ABGESCHNITTEN wurden, bevor sie von illegalen Faengern in die Labore der diversen Universitaetskrankenhaeuser und Pharmafirmen (etc) gebracht wurden!

    Ich bin sicher, die Entfuehrer sind da nicht zimperlich, das haben sie ja schon oft bewiesen. Und denke nicht, so etwas koennte geheim gehalten werden! Es waere doch auch im Interesse aller Deutschen im Irak gewesen, die Loesegeldzahlung fuer Frau Osthoff waere nicht an die Oeffentlichkeit gelangt. Aber es gibt Medien, die ihre eigenen Interessen (Umsatz) eben hoeher einschaetzen als das allegemeine Interesse des Schutzes.

    Es braucht doch nur einen einzigen Schmierfink der BILDzeitung, um es in die Welt zu setzen, und bloss einen einzigen Terroristen mit Deutschkenntnissen und PC, um es zu erfahren. Das reicht doch! Und dann werden sie alle Entfuehrten ausziehen und auf merkwuerdige Huckel in der Haut absuchen, vielleicht haben sie sogar irgendwelche optischen Durchleuchtgeraete (was weiss ich). Na danke schoen!

    Ich denke, die Krux in diesen Faellen liegt darin, dass die Bundesregierung zwar laut warnen kann vor Besuchen in manchen Laendern, aber wenn dann ein solcher Fall passiert, ist sie doch (qua Grundgesetz?) verpflichtet, alles zu tun, um ihre Staatsangehoerigen moeglichst unversehrt wieder herauszuholen. Koste es, was es da wolle. Ich bin zwar keine Juristin, aber ich denke, dass es in etwa rechtlich so ist, dass man die Leute NICHT festnageln kann mit dem Hinweis "wir haben Dir vorher gesagt, dass es keine Steuergelder mehr als Loesegeld gibt, nun sieh' zu!" Ich glaube, das waere verfassungswidrig, und ich vermute, die Hinterbliebenen der Opfer wuerden im Nachhinein Schadensersatz in Millionenhoehe erklagen.
    Geht leider nicht.

    Ich schreibe nicht, dass ich das gut finde, im Gegenteil. Ich bin der Meinung, dass es sehr wohl eine Art Selbsthaftung geben sollte.
    Versicherung? Na, ich weiss nicht, das zieht nur wieder windige Geschaeftemacher an. Und die unselige Allianz AG (mit Ackermann an der Spitze) wuerde sich noch mehr Kohle verdienen. Nee nee, das waere wohl nicht das Richtige.

    Also, ich finde, die Firma, die ihre Angehoerigen in die Lage versetzt hat, in der sie jetzt sind, DIE muss haften, und zwar total! Aber weisst Du, wie das ausgehen wuerde? Die wuerde am Ende bloss wieder nur mit dem Totschlagsargument "Arbeitsplaetze" kommen. Wenn sie tatsaechlich das Loesegeld erstatten muesste, wuerde sie am Ende einfach ihre Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit entlassen, und den Aufruhr in Sachsen will doch kein Lokalpolitiker haben, der dann folgen wuerde!

    Also, ich weiss auch keinen Rat. Ich weiss nur, dass ich meinen Hintern ganz sicher nicht in die Region bewegen wuerde, auch nicht fuer extrem viel Geld und einen Superjob. Echt nicht.

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