atomstreit Kontrollieren, was wir nicht verhindern können
Iran wird bald über Atomwaffen verfügen und nicht viel damit anfangen können. Doch wie kann Europa zukünftig einen nuklear gerüsteten Iran beeinflussen?
Jacques Chirac droht damit, Mahmud Ahmadineschad und Osama bin Laden auch: Atomwaffen. Aber müssen wir vor allen dreien Angst haben?
Ginge es nach dem Grad der öffentlichen Erregung, wären französische Atomraketen unzweifelhaft als die derzeit größte Bedrohung des Weltfriedens einzustufen. Was Frankreichs Oberstratege vergangene Woche sonoren Tons vor einem Atom-U-Boot verkündete, war indes Geständnis, Banalität und leerer Bluff zugleich. Beeindruckend ist das zwar auch irgendwie, aber nicht gefährlich.
Chirac droht, Frankreichs Streitkräfte könnten gegnerische Machtzentren nun präzise zerstören, statt – wie bisher behauptet – den Gegner selbst »vollständig und endgültig« zu vernichten. Das heißt, aus dem hermetischen Code der Nukleartheologen übersetzt: Wir wussten bis heute nicht, ob unsere Raketen überhaupt treffen. So viel Unvermögen freiwillig zu offenbaren, als Atommacht mit ständigem Sitz und Veto im Sicherheitsrat, wo USA und Großbritannien schon seit Jahren technisch weiter sind – der französischen Verteidigungs- und Elektronikindustrie wird das auf dem Weltmarkt wenig frommen.
Dass Frankreich zu atomaren Erstschlägen gegen Länder bereit ist, die es mit Massenvernichtungswaffen bedrohen, ist nicht einmal überraschend. Dasselbe steht in den Nukleardoktrinen der Amerikaner und der Briten. Doch um die Drohung wahr zu machen, bedürfte es eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs (die Entfernung von IAEA-Siegeln in iranischen Atomanlagen reicht dafür keinesfalls).
So weit die Theorie. Im kalten Licht der politischen Wirklichkeit bleiben Atomwaffen für rechtsstaatlich verfasste Demokratien so teuer wie unbrauchbar. Die mit mehreren Gefechtsköpfen bestückten strategischen Nuklearraketen der Westmächte haben heute ein Vielfaches der mörderischen Kraft der Bomben von Hiroshima oder Nagasaki. Was ist Zielgenauigkeit wert, wenn solch ein Geschoss alles Leben im Umkreis von Hunderten Kilometern vernichtet und Landstriche für die Ewigkeit verseucht? Moderne Gesellschaften würden an dieser Schuld zerbrechen.
Höchstens äußerste, existenzielle Gefahr für das eigene Land könnte eine westliche Atommacht zwingen, das eigene Tabu zu brechen. Kann uns eine solche Bedrohung in Iran erwachsen – und kann der Westen es verhindern?
Teheran bastelt an Atomwaffen; Staatschef Ahmadineschad nutzt jede Gelegenheit, um den Eindruck zu verstärken, er würde sie auch benutzen. Westliche Diplomatie hat bisher allenfalls den Aufschub dieser Pläne bewirkt, nicht aber ihre Aufgabe. Doch die derzeit wild wuchernden Spekulationen über Militärschläge sind müßig. Iran hat seine Nuklearanlagen so breit gestreut, geschützt mit dicken Betonummantelungen, dass es unmöglich wäre, sie sämtlich zu zerstören. Luftangriffe könnten sogar eine Solidarisierung der Bevölkerung mit dem Regime bewirken, wie es 1999 die Nato-Bombardements in Serbien taten.
Eher früher als später dürfte Iran also dem Club der Nuklearmächte beitreten. Das wird der Glaubwürdigkeit des Westens einen schweren Schlag versetzen und den Nahen und Mittleren Osten weiter destabilisieren. Trotzdem wird auch dieser Präsident keine Feuerbefehle geben. Mag er sich nach dem Märtyrerschein sehnen, der iranischen Führung ist irdische Macht entschieden lieber, und die Vergeltung für einen Angriff wäre fürchterlich.
So steht dem Teheraner Regime eine bittere Erkenntnis bevor: Die neuen Waffen dürften auch ihm wenig nützen. Der Atommachtstatus stärkt weder seine äußere Sicherheit noch festigt er seine Herrschaft über die eigene Bevölkerung. Im Gegenteil, er lässt die Schwäche der Machthaber in noch grellerem Licht erscheinen.
Aber auch für den Westen wird es noch heikler. Gewiss, dieses Regime unterstützt schon jetzt weltweit Terroristen. Aber ein atomarer failed state Iran, dessen waffenfähiges Material in die Hände von Fanatikern von der Art eines Osama bin Laden oder seinesgleichen gerät, ist erst recht unerträglich. Denn das ist das perverse Paradox der nuklearen Proliferation: (Nur) für suizidale Massenmörder sind Atomwaffen brauchbar. Wohl oder übel werden wir also Iran helfen müssen, seine Anlagen zu sichern. Was Pakistan den USA ist, wäre Iran dann womöglich für Europa: ein eigenes Schurkenprotektorat.
Constanze Stelzenmüller leitet das Berliner Büro des German Marshall Fund. Sie gibt hier ihre persönliche Meinung wieder
- Datum 26.01.2006 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 26.01.2006 Nr.5
- Kommentare 18
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Liebe Constanze,
gibt es vielleicht noch paar Länder, denen wir helfen müssen ihre Anlagen zu sichern? Wie wäre es mit Syrien oder Ägypten? Serbien wäre vielleicht auch ein guter Kandidat, oder?
Atomwaffen waren schon immer dazu da Kriege zu führen, die Nato-Strategie des Flexible Response basierte darauf. Die sah nämlich vor, atomare Gefechtsfeldwaffen auf deutschem Territorium einzusetzen, durchaus durch deutsche Soldaten. Das war kein Bluff, die Soldaten wurden dafür ausgebildet, allerdings hatte man im Ostblock einen Gegner, der sich nicht die 72 Huris im Paradies herbei gewünscht hat.
Was den Iran und seine potentiellen Absichten angeht speziell Dir, kleine Constanze, zwei Artikel zum besseren Verständnis:
http://www.atimes.com/ati...
http://www.atimes.com/ati...
Die eine Frage ist also, welche Kosten die höheren sind, die eines frühen oder die eines späteren Krieges? Ich befürchte die Kosten eines späteren werden immens. Die zweite Frage ist, wo die Bomben niedergehen, bei uns oder dort?
Träum süß Constanze, gute Nacht!
Es ist doch immer wieder grausam zu beobachten, wie naiv und weltfremd sich mancher heutzutage mit dem Weltgeschehen beschäftigt.
Nein, wenn der iranische Präsident seit Monaten nichts anderes tut, als dem israelischen Staat das Existenzrecht abzusprechen, jegliche weitreichende Angebote der EU-Troika sowie der USA ausschlägt, nein, dann ist zwar kein Beweis erbracht, dass der Iran a) nach wie vor die Vernichtung Israels auf dem Programm hat und b) höchstes Interesse an der A-Bombe hat.
Aber wer wollte schon auf dem ultimativen Beweis warten, dass der Iran nach A-Waffen strebt und diese auch bereit ist einzusetzen. Sollen die Staaten, die dem Iran jetzt noch in den Arm fallen könnten, vielleicht warten, bis der erste A-Pilz über Tel Aviv aufsteigt? Und nach der Logik der Gutmenschen hätten das dann wahrscheinlich die Israelis durch ihren bösen Sicherheitszaun provoziert, nicht wahr?
Gott erhalte mir meine Naivität!!! Es ist ja soo befriedigend, sich in der Friedensecke zu verkriechen, nach dem Motto: Wenn ich euch nicht sehe, könnt ihr mich auch nicht sehen... Die Welt ist gut, wenn ich nur fest genug daran glaube, vielleicht kommen irgendwann sogar lila Kühe vorbei.
Im Artikel steht:
"Teheran bastelt an Atomwaffen; Staatschef Ahmadineschad nutzt jede Gelegenheit, um den Eindruck zu verstärken, er würde sie auch benutzen."
Es ist meines Wissens nirgendwo auch nur ansatzweise bewiesen, dass der Iran an Atomwaffen bastelt, und Ahmadineschad mag zwar ein radikalfundametalistischer Unmensch sein, aber bisher hat er stets beteuert, dass der Iran nicht nach Atomwaffen strebt, gar sie benutzen würde. Verstärkt man durch Dementierung diesen Eindruck? Wenn ja, wie ließe es sich dann überhaupt vermeiden, nicht diesen Eindruck zu erwecken? Indem man auf sein internationales Recht verzichtet, Atomkraft friedlich zu nutzen.
Abgesehen davon, wenn der Iran doch zur Atombombe streben sollte, und diese sich dann aneignet, so bringt das sicher aussenpolitischen Schutz. Dies wird ja gerade im Artikel anhand dem Beispiel Pakistan dargelegt, die auch trotz massiver Talibanunterstützung bisher keine konsequenzen zu tragen hatten. Der Irak wäre nicht angegriffen worden, wenn diese die Atombombe gehabt hätten. Eine Atombombe schützt schon vor Angriffen, ob man das wahr haben möchte, oder nicht.
Sie fragen:
"Bitte bitte, nur einen einzigen Grund, wieso sich ein Land auslöschen sollte, bevor man so dummdreiste Szenarien propagiert!!!"
Gerne. Ich widerspreche dem Artikel insofern, als ich nicht behaupten wuerde, Moslems wuerden religioese Ueberzeugung weltlicher Macht zu opfern bereit sein. Natuerlich, wenn man beides bekommen kann, ist das doppelt fein, aber wenn es um eine Alternative geht - wer kann mit Sicherheit sagen, was jemand wie der derzeitige iranische Praesident tun wird? Wenn der Preis der Vernichtung Israels ein Schlag gegen sein eigenes Land ist... Wer kann sich sicher sein? Zumal, denke ich, der Iran schon aufgrund seiner Flaeche nicht "ausgeloescht" werden wuerde, waehrend das flaechenmaessig deutlich kleinere Israel tatsaechlich in groesserer Gefahr ist. Politisch wuerde das Staatsgebilde "Iran" wohl leiden... aber was macht das schon - fuer jemand, der einen entsprechenden Glauben hat?
Der Unterschied zwischen dem Kalten Krieg und der Gegenwaertigen Situation sehe ich darin, dass "Kapitalismus" und "Kommunismus" (wenn man sie mal als die "Gegner" in jenem Konflikt betrachtet) beide rein "innerweltlich" angesiedelt sind. Beide waren nicht daran interessiert, den Menschen den Weg in ein "besseres Jenseits" zu weisen, beide haben ausschliesslich auf "diese Welt" bezogen agiert. Das hat funktioniert. Aber gegenueber jemand, der um ein "Paradies" zu kaempfen meint...
Wenn man nukleare Szenarien eines Atomangriffes gegn Israel bemüht, sollte man doch wenigstens einen(!) Grund nennen, warum sich der Iran von der Landkarte löschen sollte. Israel ist bekanntlich Atommacht, die mit Sicherheit von anderen Atommächten beim Vergeltungsschlag unterstützt werden würde.
Bitte bitte, nur einen einzigen Grund, wieso sich ein Land auslöschen sollte, bevor man so dummdreiste Szenarien propagiert!!!
An "anlan":
Wieso sollte der Iran auf das ihm vertraglich zustehende Recht verzichten? Bitte eine vernünftige Antwort überlegen, bevor wieder unüberlegt geschwätzt wird.
Ich gehe auch davon aus, dass der iran eine Atombombe bauen möchte. Allerdings, ist da eine latente Bedrohung aus den USA gegeben, nicht zuletzt weil der Iran seine Ölgeschäfte auf Euro umstellt und die zweitgrößten Ölreserven auf der Welt hat. Wer hat den Irak vor dem völkerrechtswidrigen Einmarsch der USA bewahrt? Wer wird den Iran beschützen? Solange man darauf keine gescheite Antwort geben kann, sollte man sich vernünftige Begründungen überlegen, warum man dem Iran sein Selbstverteidigungsrecht verwehren sollte! Die Atommächte halten sich ja auch nicht an ihre Verträge, in denen zur atomaren Abrüstung verpflichtet wird.
> Wie ist es aus Ihrer ultimativen Weitsicht zu erklären, daß der Iran das Angebot Russlands
> ausgeschlagen hat, die Anreicherung der Brennstäbe in Rußland vornehmen zu lassen?
Ich hätte es auch ausgeschlagen. Das erzeugt eine einseitige Abhängigkeit (Ukraine/Gasprom)
Wir kennen auch das Kleingedruckte nicht: werden die Iranischen Wissenschaftler gleichberechtigt behandelt oder nur als Feigeblatt.
Die Anlage in Busher war schon häufiger im Gespräch. Vor paar Jahren wurde es versucht Druck auf Russland zu machen. Vergeblich.
Den Artikel finde ich sehr gut, da er meiner Überzeugung nahe kommt: nur ein Selbstmörder, der in die Ecke getrieben wird, aber vor allem jemand, der keinen Gegenschlag fürchten muss (USA/Japan), benutzt WMDs. Hitler-Deutschland hatte meines Wissens genug chemische WMDs. Sie wurden aber nie eingesetzt.
DJGHH
Solange es keinen globalen Konsens darüber gibt, dass Massenvernichtungswaffen verboten werden, solange werden immer wieder Staaten (aus welchen Gründen auch immer) darauf bestehen diese zu besitzen. Der Iran ist es heute und wer ist es morgen?.
Wurde die Bombe noch als Ausrufezeichen im bipolaren KaltenKriege benutzt, so verschwimmen die Grenzen in der Zukunft immer mehr. Das kann nicht gut gehen.
Noch ist der Iran von einsatzfaehigen Atomwaffen einige Monate, wenn nicht Jahre, entfernt. Diese Zeit sollte man nutzen, um den Druck systematisch und nachvollziehbar aufzubauen:
1. Bekanntgabe eines internationalen Beschlusses (Europa, USA, auch Russland, China, Japan, viele Moeglichkeiten)auf keinen Fall den Bau einer Atombombe hinzunehmen sowie der Schritte, die darauf abzielen.
2. Sanktionen, UN Sicherheitsrat
3. Militaerische Optionen, die nicht mit einer Nuklearattacke beginnen!
Zu Beginn schon mit dem nuklearen Hammer zu drohen und dies, wie Angela Merkel es getan hat, auch noch zu unterstuetzen, war dumm und gefaehrlich.
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