Was Friedrich Dürrenmatt über die Physik sagte – ihr Inhalt gehe die Forscher an, ihre Auswirkung alle Menschen –, gilt erst recht für die modernen Biowissenschaften. Die Physik half nur, die Welt um uns herum zu verändern; doch Gen- und Hirnforschung greifen direkt den Kern unseres Menschseins an. Darüber muss geredet werden.

Da reicht es nicht, wenn Experten sich über Expertisen beugen. Auch die werbewirksame Vermarktung von Wissenschaft, wie sie neuerdings gern betrieben wird, hilft nicht weiter. Man muss auch die so genannten Laien zu Wort kommen lassen, jene, die der Forschung ängstlich, fordernd oder ratlos gegenüberstehen. Geht das? Ja, sogar europaweit, wie ein einzigartiges Projekt beweist: Beim meeting of the minds in Brüssel berieten am vergangenen Wochenende 126 Bürger aus neun Ländern über die Herausforderungen der Hirnforschung. Die Laien diskutierten heikle Fragen und präsentierten am Ende einen detaillierten Empfehlungskatalog, der nun in den politischen Prozess eingespeist werden soll ( www.meetingmindseurope.org ).

Damit erreicht das Instrument der Bürgerkonferenzen eine neue Ebene. Die Teilnehmer, allesamt Laien, mussten sich zunächst in repräsentativ zusammengesetzten nationalen Gruppen monatelang mit der Hirnforschung auseinander setzen, Experten befragen, Wünsche und Kritik formulieren. Am Ende stand die Suche nach einem europaweiten Konsens. Herausgekommen sind 37 Empfehlungen, die – wie das in Brüssel so ist – allumfassend, aber auch etwas vage klingen. Da werden eine bessere Patientenaufklärung und die Förderung neurologisch relevanter Forschung gefordert, ein Verbot bildgebender Verfahren in der Verbrechensbekämpfung und ein paneuropäischer "Hirnrat".

Natürlich scheint manches naiv, anderes müsste konkretisiert werden. Doch insgesamt kommt in dem Papier eine gesunde Mischung aus Skepsis und Hoffnung zum Ausdruck, die zeigt, dass die Bürger der Forschung mitnichten so ablehnend gegenüberstehen, wie oft beklagt wird. Und es demonstriert, dass die "Laien" sich in wissenschaftlichen Fragen durchaus kundig machen und sich darüber sogar europaweit verständigen können.

Mitunter legt ihr Blick von außen auch Schwachstellen in der Forschung bloß, die den Experten die Schamesröte ins Gesicht treiben müssten. "Der Informationsaustausch unter den Disziplinen ist eine schlichte Katastrophe", stellt etwa die deutsche Bürgergruppe fest. Recht hat sie. Wer das komplexeste Organ des Menschen erklären will, kann das nur disziplinübergreifend tun. So gesehen, passt Dürrenmatts Diktum – "Was alle angeht, können nur alle lösen" – zu keinem Fach besser als zur Hirnforschung.