Dossier Der große Bringer
Logistik ist die Branche der Zukunft, der Container ist ihre Einheit. Der Hamburger Hafen ist der wichtigste Umschlagplatz für Europa - Besuch bei einem Globalisierungsgewinner
Ein Wintermorgen am Burchardkai. Auf der Doppelkatzbrücke weht eine eisige Brise. Wir stehen 40 Meter hoch über den Kaianlagen, die Trucks unter uns kurven wie Modellautos um die Containerstapel, eine Kistenstadt mit schmalen Gassen dazwischen, dahinter wachsen die Türme der Stadt aus dem Nebel. »In Hochstellung sind die Kräne höher als der Michel«, erklärt Holger Blocksiepen, Containerbrückenfahrer und Technische Aufsicht über fünf turmhohe blaue Doppelkatzbrücken. Eine Stahltreppe führt zum Fahrstuhl im mächtigen Brückenbein. Sechs Stockwerke sind angezeigt: »7 – Penthouse« hat ein Scherzbold noch drüber geschrieben.
Die Arbeitswelt eines Großbrückenfahrers ist gigantisch, nüchtern und bodenlos. Ein bequemer Stuhl, gepolstert, gefedert, 40 Meter über dem Abgrund. Man sitzt breitbeinig und vornübergekrümmt im klimatisierten Glashaus, blickt nach unten durch geputztes Panzerglas. Man fährt die Katzbrücke mit Kanzel vor und zurück, den Kran auf Schienen, der Container aus Schiffen angelt, wenn es gut läuft, 30 in der Stunde. Stahl läuft auf Stahl, tonnenschwer, enorme Kräfte, Riesenkrach, Rütteln, Vibrationen. Auch der Wind packt zu. Die Segelfläche einer Containerbrücke entspricht ungefähr der der Gorch Fock.
Zwei Mann wechseln sich ab, vier Stunden auf der Brücke, vier Stunden als Deckseinweiser auf dem Schiff, der weniger komfortable Job, vor allem bei Schietwetter. Der Deckseinweiser zeigt dem Brückenfahrer, wo sein Greifer hinmuss, der Spreader, die zwölf Tonnen schwere Riesenklaue, die einen Container nach dem anderen aus dem Bauch des Schiffes hievt.
Der Hafen produziert seit Jahren zweistellige Zuwachsraten
Die Voltaire kommt zu früh. Laut Segelliste, wie es immer noch heißt, sollte sie um elf Uhr hier sein. Sie ist aber 35 Minuten vor der Zeit »eingesegelt«. Die Brückenfahrer haben noch Pause. Punkt elf wird das Schiff bearbeitet, ein Riese der fünften Generation, Postpanama-X-Klasse, mit 40 Meter Breite passt er nicht mehr durch den Panamakanal. Dafür können 15 Container nebeneinander gestapelt werden, 6450 insgesamt. Was die Voltaire bringt, weiß nur der Reeder. Die Container sind fest verschlossen, ein Zollsiegel verhindert unbefugtes Öffnen.
Container sind der Treibsatz der Globalisierung, der große Bringer. TEU, Twenty Foot Equivalent Unit, die 20-Fuß-Einheit, ist das Maß aller Dinge, die Weltwährung der Logistik. Logistik boomt. Und in Hamburg fließen die Ströme zusammen, das Elbufer mit seinen Hochlagern aus buntem Stahlblech ist zum Stapelplatz galoppierender Globalisierung geworden, Schnittstelle zwischen dynamischen Zukunftsmärkten. Hamburgs Hafen verbindet Produktionsketten in China, Japan und Korea mit Südosteuropa und dem Baltikum. Von Hamburg aus fließen Warenströme aus Fernost in die Mitte Europas, rauschen Schiffscontainer in die Hohe Tatra.
Deutschland ist Logistikweltmeister. Die Branche setzt rund 165 Milliarden Euro um, beschäftigt 2,5 Millionen Menschen, nach Umsatz liegt sie auf Platz vier, nach Zahl der Beschäftigten auf Platz eins in Deutschland.
Die große Verlade verändert die Welt. Containerisierung vereinfacht, verbilligt und beschleunigt den Transport. Wo Wirtschaft wächst, rappeln die Kisten. Üblicherweise im Verhältnis eins zu drei. Wächst Chinas Wirtschaft um 10 Prozent, nimmt die Zahl der Container um 30 Prozent zu. In den Industrieländern bilden sich neue Kastengesellschaften. In Polen kommen sieben Container auf tausend Einwohner, in Deutschland vierzehn. In Hamburg gibt es, übers Jahr gerechnet, bald fünfmal mehr Container als Einwohner. 96,8 Prozent des Stückgutes im Hamburger Hafen landen im Standardcontainer, acht Millionen im letzten Jahr.
Unter den Häfen Europas liegt Hamburg hinter Rotterdam auf Platz zwei, auf der Weltrangliste der Seehäfen ist die Hansestadt an Los Angeles vorbei auf den achten Platz vorgerückt. Hamburgs Hafen boomt, notiert seit Jahren zweistellige Zuwachsraten, über 15 Prozent im vergangenen Jahr. An den Westwind ist man gewöhnt, der Aufwind kam mit der Wende.
Speicherstadt, Bei St. Annen 1, ein selbstbewusster Prunkbau der Gründerzeit. Sitz des größten Unternehmens für den Containerumschlag in Europa. 3300 Mitarbeiter sind es derzeit, 200 neue Jobs will man dieses Jahr schaffen. Das ist die HHLA, die Hamburger Hafen und Logistik AG.
1865 hat alles begonnen, Hamburg baute seinen Hafen und Kaianlagen, einen der ersten Häfen der Welt, in dem Schiffe mit großen Kränen entleert und beladen wurden; Dampfkräne und bald auch die hochmodernen Elektrokräne holten die Ladung aus den Schiffsbäuchen. Schuppen nahmen die Frachten auf, dahinter wurden Gleise gelegt, ein zukunftsweisendes Konzept, wie sich bald herausstellte.
1882 wurde das Wandrahmviertel, in dem 20.000 Menschen lebten, abgerissen, Kaufmannshäuser, Handwerker- und Hafenarbeiterquartiere wurden abgeräumt für den größten geschlossenen Lagerkomplex der Welt, die Speicherstadt, ein architektonisches Juwel des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Hochwassergotik mit stattlichen Klinkermauern, getragen von dicken Eichenbalken. Erbaut in nur drei Jahren, so schnell bauen heute nur noch die Chinesen ihre Häfen.
Das Hamburger Logistikunternehmen entwickelte ein Sicherheitskonzept für saudi-arabische Häfen und hat das Management des Containerhafens von Odessa übernommen. Als Umschlagplatz für Container sieht sich die HHLA noch vor New York auf Platz 15 der Welthäfen.
- Datum 06.10.2006 - 14:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 26.01.2006 Nr.5
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In der Zeit war es diese Woche zu lesen: die Hansestadt boomt, mit Hafen und Weltoffenheit, Handel und Globalisierung, und damit ist die Hansestadt eine der reichsten Städte Nordeuropas. Sie ist vielschichtig und kulturell attraktiv, eine schöne Stadt im Norden.
Doch Hamburg hat Imageprobleme, da ihre Weltoffenheit in der Öffentlichkeit angekratzt wird. Ihre Ausländerpolitik will so gar nicht dazu passen. Mühsam muss die Stadt immer wieder an humanitäre Grundsätze erinnert werden. Sie legt sich ins Zeug, um Menschen anderer Herkunft keine Chancen in Bildung, Ausbildung oder Arbeitsmarkt einzuräumen, scheinbar möglichst wenig Gedanken an Integration zu verschwenden und hat weder eigentlich richtige Pläne dazu, noch funktionierende Institutionen. Als gerühmtes Tor zur Welt versagt Hamburg kläglich. Kaum ein Behördenmitarbeiter hat ausreichende interkulturelle Kompetenz und es scheint so, dass möglichst viele Migranten in dieser Stadt ins soziale Abseits gedrängt werden sollen. Motto: Bettler raus aus der schönen Innenstadt und Ausländer, die etwas kosten, raus aus der reichen Metropole. Die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende wird gleich ins abgelegene Horst nach Mecklenburg-Vorpommern verlegt.
Dabei zeigen andere Bundesländer, dass es auch anders geht. Viele der hier lang lebenden Migrantinnen und Migranten kann man anderswo auch mit ihren Begabungen und Talenten fördern. Diversity ist ein Schlagwort, das aber in Hamburg unbekannt zu sein scheint.
Die Innenministerkonferenz hatte eine gute Idee: eine Bleiberechtsregelung für afghanische Mitbürger, die schon Jahre lang hier sind. Viele Bundesländer versuchen mit dieser Regelung kreativ umzugehen. Die Afghanen waren nie eine problematische Flüchtlingsgruppe. Sie gehörten oft zur Mittel- oder Oberschicht, viele Kinder weisen gute Schulabschlüsse auf. Und das, obwohl man sie lange in Flüchtlingsunterkünften vergessen hatte.
Viele Bundesländer gehen darum flexibel mit dieser Bleiberechtsregelung um. Man sieht ja von Behördenseite ein, dass man diesen Menschen einfach nie gestattet hatte zu arbeiten. Wie sollte man sie jetzt dafür abstrafen und gerade aus diesem Grund in ein kriegszerstörtes Land zurückschicken. Man kann ihnen also ein Bleiberecht einräumen und sie mit Probeaufenthalten auffordern, sich Arbeit zu suchen, um aus dem Sozialkostenposten, in dem sie viel zu lange schon gefangen waren, zu verschwinden. Viele warten nur auf eine solche Chance. Fast alle, die arbeiten, unterstützen direkt den Aufbau ihres Heimatlandes und schicken Geld an Verwandte. Gerade die mit einem gesicherten Aufenthaltstitel kümmern sich aktiv um Capacitybuilding und Verbesserung der Lebensbedingungen, wie z.B mit Schulbau in Afghanistan.
Anders Hamburg. Da ist der Innensenator nach einem Kurzbesuch 2005 in Afghanistan davon überzeugt, dass das Land Menschen zurück braucht, die hier weder in eine Ausbildung dürfen oder aus der Ausbildung gerissen werden und dabei z.B. seit über zehn Jahre schon in Deutschland leben. Er denkt öffentlich darüber nach, dass er auch Kinder in einer Schule gesprochen habe, wo eines von zweien doch ganz glücklich aussah. Die ersten alleinstehenden Frauen, die nachweislich keinerlei Schutz in Afghanistan finden werden, werden jetzt schon zur Ausreise aufgefordert.
Um seine Quote zu erfüllen, scheint jedes Mittel recht. Von Nötigung und Zwang von Behördenseite berichten viele Betroffene. Anschreien, unter Druck setzen und massive Bedrohung bezeugen auch Begleitende, wie Ehrenamtliche oder Anwälte.
Stilfragen, sonst in der Stadt ein wichtiges Thema, sind keine Frage in der Ausländerbehörde. Seit Jahren übt man sich ein in einen besonders harschen Ton. Inzwischen ist dies allerdings keine Frage von Höflichkeitsformen mehr, sondern von klarer Führungslage, der Durchsetzung von Abschiebungen um jeden Preis, sogar unter Verletzungen von Grundrechten.
Die Bleiberechtsregelung wird so eng ausgelegt, dass nur wenige darunter fallen. Die Aussortierten sitzen umgehend im Flugzeug, damit anstrengende Anwaltskanzleien keine Rechtsmittel gegen eine Abschiebung einlegen können.
Krankheit als Bleibegrund wurde in der Hansestadt schon frühzeitig ausgehebelt. Man hat ein effektives System entwickelt, jedes ärztlich mühsam erstellte Gutachten nicht zu berücksichtigen - wie der Behördenstempel es ausweist. Dass die deutsche Botschaft in Kabul dennoch Antwortschreiben an den ärztlichen Dienst in der Ausländerbehörde schickt und freundlich darauf hinweist, dass es keinerlei medizinische Betreuung in ganz Kabul für bestimmte Erkrankung gibt, scheint ärgerlich für die Stadt Hamburg zu sein. Dass dies alles öffentlich wird, schwer aushaltbar.
Dabei hat Siemens selbst in Afghanistan für ein weltweit funktionierendes Kommunikationsnetz gesorgt. Über Mobiltelefone sind afghanischen Familien mit ihren Verwandten weltweit verbunden. Des Senators Meinung: Aus den Augen aus dem Sinn ist senicht mehr bei Abschiebungen zu halten. In einer globalisierten Welt ist die Kommunikation eben ein wichtiges Mittel. Auch bei einem so armen Land wie Afghanistan wird sich die Hansestadt fragen lassen müssen, ob ihr jedes Mittel wirklich recht ist, Abschiebungen durchzusetzen. Man erfährt davon, wie und unter welchen Bedingungen abgeschoben wurde, welcher Rechte man diese Menschen beraubt hat.
Fazit: Es macht sich insgesamt nicht so gut, Humanität zu ökonomisieren und die Imagekosten nicht zu berechnen.
Es gibt inzwischen verstärkt ein mediales Interesse an der Abschiebepraxis der Hansestadt, da die Unmenschlichkeit der Weltstadt in vielen Einzelfällen belegbar ist. Aber außer einer kleinen Partei der Bürgerschaft, die wacker unbequeme Fragen stellt, scheint die mehrheitliche Meinung eher vorzuherrschen: Sollen doch alle zurück! und Kann man das nicht effizienter gestalten?
Daraus ergeben sich Reibungspunkte in der Ausländerbehörde. Die Mitarbeiterschaft erfüllt diesen anscheinenden Bürgerwillen - und wenige Nichtregierungsorganisationen und Presse versuchen humanitäre Grundlagen anzumahnen.
Nicht zum ersten Mal gab es bundesweit mediales Interesse an den Abschiebepraktiken der Hansestadt. Für einen Panoramabericht ist der Innenbehörde kein Mittel zu teuer, um die zukünftige Berichterstattung einzuschüchtern. Die Kanzlei Prinz, renommiert in der Vertretung von medialen Rechten, ist beauftragt worden, gegen die Sendung vorzugehen.
Man könnte eigentlich mal anders ins Nachdenken kommen und wirklich Integrationsbemühungen und Akzeptanzverhalten einüben. Doch stattdessen werden Studenten ohne Abschluss nach Afghanistan geschickt und 62 Studenten umgekehrt eingeladen, ein Studium in Deutschland zu machen. Man will mit Abschiebungen die freiwillige Rückkehr forcieren und beschädigt damit jedes ehrlich gemeinte Aufbauprogramm für Rückkehrwillige. Zudem muss man auf jedes Rechtsmittel bei der Unterschrift zur freiwilligen Rückkehr verzichten. Der Ärger ist, dass viele afghanische Mitbürger sich beraten, gute Heimatkontakte haben und wissen, was auf sie zukommt gerade jetzt im Winter.
Anfang Februar soll ein großer Handelskongress für Afghanistan in Hamburg stattfinden. Es ist zu wünschen, dass sich die Unternehmer Gedanken machen, ob es nicht Sinn macht, hier lebende Afghanen zu gewinnen, die gut Deutsch sprechen, um mit ihnen gemeinsam sinnvolle Projekte durchzuführen. Viele warten auf eine Chance, ihr Know How, sowie ihre Ideen einzubringen und eine bessere Zukunft für Afghanistan mit aufbauen zu helfen trotz Entführungsfälle unter den Rückkehrern, trotz verschwundener Kinder, trotz extrem schwieriger Lebensbedingungen. Augenmaß wäre ein Ziel, dass der Stadt gut täte. Das, was im Moment in der Ausländerbehörde passiert, beschädigt nachhaltig das Image der weltoffenen Stadt, die wir so gerne wären.
Fanny Dethloff 29.1.06
So interessant Ihr Kommentar für interessierte Leser sein mag - aber zu diesem Artikel passt er überhaupt nicht. Gibt es keine passenderen Ressorts, um sowas unterzubringen?
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