Dossier Der große BringerSeite 5/5

Insektizide aus Indien, Desinfektionsmittel, Zusätze für Pflanzenschutzmittel, Farben, Arzneien und Sekundenkleber warten auf den Abtransport. Das Lager ist in verschiedene Brandabschnitte unterteilt. Sprinkleranlagen sichern die Hochregale, einige lassen im Ernstfall Wasser herabrauschen, andere schäumen die Waren ein, andere löschen mit Kohlendioxyd.

»Wir stehen hier auf 800.000 Liter Löschwasser«, erklärt Erik Theurer, Geschäftsführer des Chemie- und Pharma-Logistikdienstes. Auch explosionsartig verbrennende Stoffe werden bei Buss umgeschlagen, zum Beispiel organische Peroxyde, die als Härter in Spachtelmasse verwendet werden können. Von September an kommen die Paletten mit Silvesterfeuerwerk aus China. »Wir besorgen die Lagerung, Kommissionierung und Verteilung. Das bedeutet für uns: 40.000 Kartons und 100 Lkw-Abfahrten in zwei Wochen.« Das Dach der Spezialhalle liegt nur lose auf. Falls es trotz aller Sicherheitsvorkehrungen doch einmal zu einer Explosion kommen sollte, dient die Dachkonstruktion als Druckentlastungsfläche. Der Rest des Gebäudes bliebe intakt.

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Der alte Hafen wird umgewandelt in ein schickes Wohnquartier

Buss ist die Nummer drei im Hamburger Hafen, hat mit seiner Tochter Ixocon gerade ein neues Lager für den Schiffsausrüster HMS gebaut. Zehn Prozent des Geländes mussten begrünt werden. Die Umweltbehörde schickte einen Pflanzenplan in Latein. Ein Gartenbauarchitekt musste die Anforderungen umsetzen. Ein Mitarbeitergarten ist so entstanden, mit Grillplatz, gleich hinter dem Fahrradständer. Viele Arbeiter kommen immer noch mit dem Fahrrad durch den alten Elbtunnel.

Von seinem Dienstraum an der Dalmannstraße 1 sieht Heinz-Walter Fuchs, wie der Hafen verschwindet. Wo das alte Gaswerk stand, wurde Sand aufgefüllt, 7,50 Meter über Normalnull wegen drohender Fluten. Schuppen 22 wird bald abgeräumt. Die neue Hafen City verdrängt die alten Strukturen, eine Million Quadratmeter Hafen werden umgewandelt in ein schickes Wohnquartier und Büros in Toplage, machen Platz für Marina, Marinemuseum und Elbphilharmonie. Wenn der Eisenbahnbetriebsleiter der Hafenbahn zu seinen Zügen will, fährt er einen weiten Bogen. Der Haupthafenbahnhof Alte Süderelbe liegt hinter den großen Terminals. Wie ein futuristischer Pilz wacht die Dispositionszentrale mit den großen Glasfenstern über das Rangierwesen, »Herz und Kopf der Hafenbahn«, sagt Heinz-Walter Fuchs.

Auf den Bildschirmen der Disponenten sind die Gleisbesetzungsspiegel zu sehen. Die Lokführer sind mit den Disponenten im Tower über Sprechfunk verbunden, zerlegen die Züge, setzen sie neu zusammen. Alles läuft über den Berg, die künstliche Anhöhe, auf der die Züge getrennt werden. Lokführer Tuncay Mat bekommt vom Tower die Geschwindigkeit durchgesagt, mit der die Waggons auf den Berg geschoben werden sollen. 6 km/h. Er zieht das Tempo zurück und schaltet den Tempomaten ein.

Abkoppeln ist Handarbeit. Der Bergwärter, auch Abhänger genannt, tritt aus seinem Häuschen, wuchtet die Öse der Kupplung eines Waggons heraus, nach alter Väter Sitte mit der Aushebelstange, einem Knüppel aus Fichtenholz, etwa dreimal so dick und dreimal so lang wie ein Besenstiel. Tuncay Mat schiebt den Zug weiter. Auf dem Scheitel des Berges macht sich der entkoppelte Waggon selbstständig und rollt bis an das Ende des für ihn bestimmten Zuges. Weiter hinten fuhrwerkt der Abhänger mit der Stange. Ein Zug rauscht vorbei. Tuncay hebt die Hand zum Gruß. Manchmal zieht er auch einen Zug aus dem Hafen. Bis zum Rangierbahnhof Maschen, zehn Kilometer weiter südlich. Dort endet seine Welt.

Die Weltstadt Hamburg wendet sich einer neuen Baustelle zu. Damit auch die siebte Dimension der Containerschiffe, die der Superpostpanama-X-Klasse, nicht nur bei Hochwasser den Hamburger Hafen anlaufen kann, soll die Fahrrinne der Unterelbe bis 2009 einen Meter tiefer werden. BUND und WWF warnen vor den ökologischen Folgen. Die Fluten laufen höher auf, die Gefahr einer Sturmflut steigt. Warum reicht es nicht, wenn die großen Schiffe in Wilhelmshaven festmachen? Dort soll ein großer Seehafen entstehen, für Hamburgs Hafenmanager bisher kein Grund zur Unruhe, aber ein grandioser ökologischer Fehltritt, weil Tausende und Abertausende Container dann auf dem Landweg dorthin transportiert werden müssten, wohin sie heute mit dem Schiff gebracht werden.

Für die Ladung eines Containerschiffs sind 100 Güterzüge erforderlich

»Der Ausbau von Wilhelmshaven ist für die Natur schädlich und ökologisch fragwürdig«, warnt auch Reeder Offen. »Was muss da alles zerstört werden! Da ist doch noch alles grün. Ökologisch sinnvoll ist es, einen Seehafen so tief wie möglich ins Land zu legen, um Lkw-Verkehr zu vermeiden.«

Um die Ladung eines Postpanama-X-Schiffes aufzunehmen, sind 100 Züge erforderlich. Würden die Container vollständig auf Lkw verladen, gingen 4000 Vierzigtonner oder 8000 Zwanzigtonner damit auf die Reise, jeder Container brauchte exklusiv einen Dieselmotor mit 400 PS. Der Verkehr bräche zusammen. Eine deutsche Autobahn verkraftet 5000 bis 9000 Lkw am Tag. Ein einziges Schiff genügt also, um die 24-Stunden-Leistung einer Autobahn zu füllen. »Die Elbvertiefung spart Tausende von Lkw-Transporten, entlastet die Straßen und hilft Deutschland, das Kyoto-Protokoll zu erfüllen«, sagt Klaus-Dieter Peters, Vorstandsvorsitzender der HHLA. »Schiffe sind umweltfreundlich und bringen mehr Verkehr auf die Schiene.«

Der Aushub, der beim Baggern entsteht, soll, in Plastiksäcke verpackt, in der Deutschen Bucht versenkt werden, quer zur Elbmündung. Dort wirken die sandgefüllten Plastikkissen wie eine Flutbremse. Als ökologischen Ausgleich sollen Flachwasserzonen geschaffen werden, wo Sauerstoff und Licht hineinkommen. Mehr Tiefe, mehr Licht, alles letztlich nur eine Frage der Logistik.

 
Leser-Kommentare
  1. In der „Zeit“ war es diese Woche zu lesen: die Hansestadt boomt, mit Hafen und Weltoffenheit, Handel und Globalisierung, und damit ist die Hansestadt eine der reichsten Städte Nordeuropas. Sie ist vielschichtig und kulturell attraktiv, eine schöne Stadt im Norden.
    Doch Hamburg hat Imageprobleme, da ihre Weltoffenheit in der Öffentlichkeit angekratzt wird. Ihre Ausländerpolitik will so gar nicht dazu passen. Mühsam muss die Stadt immer wieder an humanitäre Grundsätze erinnert werden. Sie legt sich ins Zeug, um Menschen anderer Herkunft keine Chancen in Bildung, Ausbildung oder Arbeitsmarkt einzuräumen, scheinbar möglichst wenig Gedanken an Integration zu verschwenden und hat weder eigentlich richtige Pläne dazu, noch funktionierende Institutionen. Als gerühmtes Tor zur Welt versagt Hamburg kläglich. Kaum ein Behördenmitarbeiter hat ausreichende interkulturelle Kompetenz und es scheint so, dass möglichst viele Migranten in dieser Stadt ins soziale Abseits gedrängt werden sollen. Motto: Bettler raus aus der schönen Innenstadt und Ausländer, die etwas kosten, raus aus der reichen Metropole. Die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende wird gleich ins abgelegene Horst nach Mecklenburg-Vorpommern verlegt.
    Dabei zeigen andere Bundesländer, dass es auch anders geht. Viele der hier lang lebenden Migrantinnen und Migranten kann man anderswo auch mit ihren Begabungen und Talenten fördern. Diversity ist ein Schlagwort, das aber in Hamburg unbekannt zu sein scheint.

    Die Innenministerkonferenz hatte eine gute Idee: eine Bleiberechtsregelung für afghanische Mitbürger, die schon Jahre lang hier sind. Viele Bundesländer versuchen mit dieser Regelung kreativ umzugehen. Die Afghanen waren nie eine problematische Flüchtlingsgruppe. Sie gehörten oft zur Mittel- oder Oberschicht, viele Kinder weisen gute Schulabschlüsse auf. Und das, obwohl man sie lange in Flüchtlingsunterkünften vergessen hatte.
    Viele Bundesländer gehen darum flexibel mit dieser Bleiberechtsregelung um. Man sieht ja von Behördenseite ein, dass man diesen Menschen einfach nie gestattet hatte zu arbeiten. Wie sollte man sie jetzt dafür abstrafen und gerade aus diesem Grund in ein kriegszerstörtes Land zurückschicken. Man kann ihnen also ein Bleiberecht einräumen und sie mit Probeaufenthalten auffordern, sich Arbeit zu suchen, um aus dem Sozialkostenposten, in dem sie viel zu lange schon gefangen waren, zu verschwinden. Viele warten nur auf eine solche Chance. Fast alle, die arbeiten, unterstützen direkt den Aufbau ihres Heimatlandes und schicken Geld an Verwandte. Gerade die mit einem gesicherten Aufenthaltstitel kümmern sich aktiv um Capacitybuilding und Verbesserung der Lebensbedingungen, wie z.B mit Schulbau in Afghanistan.

    Anders Hamburg. Da ist der Innensenator nach einem Kurzbesuch 2005 in Afghanistan davon überzeugt, dass das Land Menschen zurück braucht, die hier weder in eine Ausbildung dürfen oder aus der Ausbildung gerissen werden und dabei z.B. seit über zehn Jahre schon in Deutschland leben. Er denkt öffentlich darüber nach, dass er auch Kinder in einer Schule gesprochen habe, wo eines von zweien doch ganz glücklich aussah. Die ersten alleinstehenden Frauen, die nachweislich keinerlei Schutz in Afghanistan finden werden, werden jetzt schon zur Ausreise aufgefordert.
    Um seine Quote zu erfüllen, scheint jedes Mittel recht. Von Nötigung und Zwang von Behördenseite berichten viele Betroffene. Anschreien, unter Druck setzen und massive Bedrohung bezeugen auch Begleitende, wie Ehrenamtliche oder Anwälte.
    Stilfragen, sonst in der Stadt ein wichtiges Thema, sind keine Frage in der Ausländerbehörde. Seit Jahren übt man sich ein in einen besonders harschen Ton. Inzwischen ist dies allerdings keine Frage von Höflichkeitsformen mehr, sondern von klarer Führungslage, der Durchsetzung von Abschiebungen um jeden Preis, sogar unter Verletzungen von Grundrechten.
    Die Bleiberechtsregelung wird so eng ausgelegt, dass nur wenige darunter fallen. Die Aussortierten sitzen umgehend im Flugzeug, damit anstrengende Anwaltskanzleien keine Rechtsmittel gegen eine Abschiebung einlegen können.

    Krankheit als Bleibegrund wurde in der Hansestadt schon frühzeitig ausgehebelt. Man hat ein effektives System entwickelt, jedes ärztlich mühsam erstellte Gutachten „nicht zu berücksichtigen“ - wie der Behördenstempel es ausweist. Dass die deutsche Botschaft in Kabul dennoch Antwortschreiben an den ärztlichen Dienst in der Ausländerbehörde schickt und freundlich darauf hinweist, dass es keinerlei medizinische Betreuung in ganz Kabul für bestimmte Erkrankung gibt, scheint ärgerlich für die Stadt Hamburg zu sein. Dass dies alles öffentlich wird, schwer aushaltbar.
    Dabei hat Siemens selbst in Afghanistan für ein weltweit funktionierendes Kommunikationsnetz gesorgt. Über Mobiltelefone sind afghanischen Familien mit ihren Verwandten weltweit verbunden. Des Senators Meinung: „Aus den Augen aus dem Sinn“ ist senicht mehr bei Abschiebungen zu halten. In einer globalisierten Welt ist die Kommunikation eben ein wichtiges Mittel. Auch bei einem so armen Land wie Afghanistan wird sich die Hansestadt fragen lassen müssen, ob ihr jedes Mittel wirklich recht ist, Abschiebungen durchzusetzen. Man erfährt davon, wie und unter welchen Bedingungen abgeschoben wurde, welcher Rechte man diese Menschen beraubt hat.
    Fazit: Es macht sich insgesamt nicht so gut, Humanität zu ökonomisieren und die Imagekosten nicht zu berechnen.

    Es gibt inzwischen verstärkt ein mediales Interesse an der Abschiebepraxis der Hansestadt, da die Unmenschlichkeit der Weltstadt in vielen Einzelfällen belegbar ist. Aber außer einer kleinen Partei der Bürgerschaft, die wacker unbequeme Fragen stellt, scheint die mehrheitliche Meinung eher vorzuherrschen: „Sollen doch alle zurück!“ und „Kann man das nicht effizienter gestalten?“
    Daraus ergeben sich Reibungspunkte in der Ausländerbehörde. Die Mitarbeiterschaft erfüllt diesen anscheinenden Bürgerwillen - und wenige Nichtregierungsorganisationen und Presse versuchen humanitäre Grundlagen anzumahnen.
    Nicht zum ersten Mal gab es bundesweit mediales Interesse an den Abschiebepraktiken der Hansestadt. Für einen Panoramabericht ist der Innenbehörde kein Mittel zu teuer, um die zukünftige Berichterstattung einzuschüchtern. Die Kanzlei Prinz, renommiert in der Vertretung von medialen Rechten, ist beauftragt worden, gegen die Sendung vorzugehen.

    Man könnte eigentlich mal anders ins Nachdenken kommen und wirklich Integrationsbemühungen und Akzeptanzverhalten einüben. Doch stattdessen werden Studenten ohne Abschluss nach Afghanistan geschickt und 62 Studenten umgekehrt eingeladen, ein Studium in Deutschland zu machen. Man will mit Abschiebungen die freiwillige Rückkehr forcieren und beschädigt damit jedes ehrlich gemeinte Aufbauprogramm für Rückkehrwillige. Zudem muss man auf jedes Rechtsmittel bei der Unterschrift zur freiwilligen Rückkehr verzichten. Der Ärger ist, dass viele afghanische Mitbürger sich beraten, gute Heimatkontakte haben und wissen, was auf sie zukommt – gerade jetzt im Winter.

    Anfang Februar soll ein großer Handelskongress für Afghanistan in Hamburg stattfinden. Es ist zu wünschen, dass sich die Unternehmer Gedanken machen, ob es nicht Sinn macht, hier lebende Afghanen zu gewinnen, die gut Deutsch sprechen, um mit ihnen gemeinsam sinnvolle Projekte durchzuführen. Viele warten auf eine Chance, ihr Know How, sowie ihre Ideen einzubringen und eine bessere Zukunft für Afghanistan mit aufbauen zu helfen – trotz Entführungsfälle unter den Rückkehrern, trotz verschwundener Kinder, trotz extrem schwieriger Lebensbedingungen. Augenmaß wäre ein Ziel, dass der Stadt gut täte. Das, was im Moment in der Ausländerbehörde passiert, beschädigt nachhaltig das Image der weltoffenen Stadt, die wir so gerne wären.

    Fanny Dethloff 29.1.06

    • sbo78
    • 30.01.2006 um 23:59 Uhr

    So interessant Ihr Kommentar für interessierte Leser sein mag - aber zu diesem Artikel passt er überhaupt nicht. Gibt es keine passenderen Ressorts, um sowas unterzubringen?

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