Medien-Spezial "Sehr unwitzig"
Was halten Sie vom deutschen Journalismus? Fragen an den Berlin-Korrespondenten der Londoner "Times"
DIE ZEIT: Herr Boyes, sind deutsche Zeitungen langweiliger als englische?
Roger Boyes: Oh ja. Deutsche Zeitungen sind sehr unwitzig.
ZEIT: Woran liegt das?
Boyes: In England müssen die Zeitungen ständig um neue Leser kämpfen, denn die Leser sind nicht mehr nur einer Zeitung treu. Der Guardian, der eigentlich eine eher linke Zeitung ist, konkurriert mit der Times, die eher Mitte-rechts ist, um dieselben Leser. In Deutschland dagegen ist man FAZ- Leser oder Süddeutsche- Leser. Man kauft die Zeitung und identifiziert sich damit – selbst wenn man sie nicht unbedingt liest.
ZEIT: Macht starke Konkurrenz Zeitungen interessanter oder einfach nur gleicher?
Boyes: Es macht sie beweglicher und mutiger. Vor kurzem gab es eine Analyse beim Guardian, ob dieses neue kleine Format wirklich funktioniert. Es gab Kritik aus der Redaktion, dass die Zeitung sich boulevardisiere, dass die Artikel kürzer und oberflächlicher würden. Und dann hat Alan Rusbridger, der Chefredakteur, gesagt: Es tue ihm wirklich leid, aber vor der Umstellung hätten sie innerhalb von eineinhalb Jahren 40000 Leser verloren, und jetzt sei die Leserschaft um 18 Prozent gestiegen. Es sei ganz offensichtlich, dass die Leser dieses Format haben wollten. Er würde es wahrscheinlich so nie öffentlich sagen, aber die Botschaft war klar: Der Markt bestimmt das Produkt.
- Datum 26.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 26.01.2006 Nr.5
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Als Deutscher, der in England lebt und beide Zeitungsszenen kennt, ärgert man sich doch ein bisschen ob der frohgemuten Deutschland-Schelte von Roger Boyes. Es gibt ein paar englische Dinge, die kritisch zu betrachten Engländern schwer fällt. Der mythenumwobene englische Humor ist eines: Der ist zwar überall präsent im Alltag (natürlich auch in den Zeitungen, allein in den wortverspielten Überschriften, denen in Deutschland allenfalls die taz gelegentlich das Wasser reichen kann), ist aber auch nicht immer so lustig, wie die Engländern glauben, und kann in seiner Aggressivität ebenso befreiend wie bestürzend sein. Die Zeitungen sind ein weiteres unkritisch geliebtes Ding; und dass Boyes auf die ZEIT-Frage, ob der Marktdruck die Blätter interessanter oder einfach nur gleicher mache, so am Thema vorbei antwortet, ist charakteristisch: Selbstkritik kann er da nicht. Unberechtigt ist die Frage nämlich nicht; innerhalb der Anspruchsniveaus ähneln sich englische Zeitungen ganz ausgesprochen, und nicht immer zum Vorteil der Originalität. Dass deutsche Blätter arroganter sein, scheint mir auch weniger Ergebnis tiefgründiger Analyse zu sein als Ausdruck eines gern gepflegten englischen Deutschland-Klischees, das man auch anderen Institutionen (Schulen, Universitäten, Behörden) entgegenbringt und das genauerer Überprüfung bzw. vergleichender Erfahrung nicht Stand hält. Und, um dem Genius loci Reverenz zu erweisen: Ein Gegenstück zur ZEIT gibt es in England nicht mal näherungsweise.
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