Medien-Spezial "Sehr unwitzig"

Was halten Sie vom deutschen Journalismus? Fragen an den Berlin-Korrespondenten der Londoner "Times"

DIE ZEIT: Herr Boyes, sind deutsche Zeitungen langweiliger als englische?

Roger Boyes: Oh ja. Deutsche Zeitungen sind sehr unwitzig.

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ZEIT: Woran liegt das?

Boyes: In England müssen die Zeitungen ständig um neue Leser kämpfen, denn die Leser sind nicht mehr nur einer Zeitung treu. Der Guardian, der eigentlich eine eher linke Zeitung ist, konkurriert mit der Times, die eher Mitte-rechts ist, um dieselben Leser. In Deutschland dagegen ist man FAZ- Leser oder Süddeutsche- Leser. Man kauft die Zeitung und identifiziert sich damit – selbst wenn man sie nicht unbedingt liest.

ZEIT: Macht starke Konkurrenz Zeitungen interessanter oder einfach nur gleicher?

Boyes: Es macht sie beweglicher und mutiger. Vor kurzem gab es eine Analyse beim Guardian, ob dieses neue kleine Format wirklich funktioniert. Es gab Kritik aus der Redaktion, dass die Zeitung sich boulevardisiere, dass die Artikel kürzer und oberflächlicher würden. Und dann hat Alan Rusbridger, der Chefredakteur, gesagt: Es tue ihm wirklich leid, aber vor der Umstellung hätten sie innerhalb von eineinhalb Jahren 40000 Leser verloren, und jetzt sei die Leserschaft um 18 Prozent gestiegen. Es sei ganz offensichtlich, dass die Leser dieses Format haben wollten. Er würde es wahrscheinlich so nie öffentlich sagen, aber die Botschaft war klar: Der Markt bestimmt das Produkt.

ZEIT: Ist eine Veränderung, wie die Umstellung auf das kleinere Zeitungsformat, auch eine Reaktion auf die veränderten Lebensbedingungen der Leser? Man frühstückt nicht mehr zu Hause, sondern auf dem Weg zur Arbeit. Der Ort des Lesens ändert sich und damit auch die Formatansprüche an die Zeitung.

Boyes: Oh ja! Der Leser liest schneller. Er will nicht mehr so viel Auswahl. Eine U-Bahn-Fahrt von Notting Hill nach Canary Wharf dauert 45 Minuten. Das muss für die Zeitung reichen. Zwei Kommentare, Sport, zwei bis drei Wirtschaftsartikel, kurz über die Auslandsnachrichten, Kreuzworträtsel.

ZEIT: Haben Sie das Gefühl, dass die deutschen Zeitungen ihre Leser gut kennen?

Boyes: Nein, denn die deutschen Zeitungen hören den Lesern nicht zu.

ZEIT: Wie hören Sie in England dem Leser zu?

Boyes: Indem wir eine interaktive Leserkultur schaffen. Wir haben täglich eine Seite für Leserbriefe. Berliner Zeitungen haben eine sehr konkrete Vorstellung davon, wer ihre Leser sind. Warum sie das nicht ausnutzen, habe ich mal einen Redakteur gefragt, und ihre Leser integrieren. Und der antwortete, tut mir leid, aber die Qualität der Briefe ist einfach schrecklich. Diese pädagogische Arroganz ist es wahrscheinlich, die die deutschen Medien von ihren Lesern trennt. Die deutschen Zeitungen sagen: Nun hör mal zu, und bitte keinen Kaugummi! Das ist eine Tradition in Deutschland, aber das heißt ja nicht, dass es Schicksal ist. Die Leser lieben Texte, die sich mit dem ganz alltäglichen Gesprächsstoff draußen auf der Straße beschäftigen. Die suchen nach Wärme in der Zeitung. Weil in England die Konkurrenz so scharf ist, können die Zeitungen dort nicht so arrogant sein wie in Deutschland.

ZEIT: Verliert die Zeitung so nicht immer mehr ihre Funktion des Informierens?

Boyes: Ihre Funktion als Informationsprodukt ist schon lange vorbei. Zeitungen müssen analysieren und den Nachteil ihrer Langsamkeit gegenüber dem Fernsehen in einen Vorteil umwandeln. Das ist das Gegenteil von Boulevard. Und das kommt den Wochenzeitungen sehr zugute, denn die haben das Geld und die Zeit dazu.

ZEIT: Um auf sich aufmerksam zu machen, müssten die Tageszeitungen mehr polarisieren. Sind die deutschen Zeitungen zu höflich?

Boyes: Tageszeitungen in England versuchen, politische Ereignisse hochzudrehen, um damit die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Das Prinzip Polarisierung ist aber aus unserer Gesellschaft heraus gewachsen, sogar das Parlament in England ist so aufgebaut. In Deutschland gibt es eine Aversion Konflikten gegenüber. Wenn ich mir die Frankfurter Rundschau und die FAZ angucke, dann scheinen die mir, außer in ihren parteipolitischen Unterschieden, sehr ähnlich. Die Themenauswahl ist die gleiche, die Argumentationslinien sind die gleichen. Keiner denkt mal anders. Dass eine Zeitung auch eine Serviceleistung bieten könnte, die den Leser durch den Dschungel der Optionen leitet, diesen Gedanken kann ich in Deutschland nicht ernsthaft erkennen.

ZEIT: Sie sagen, die deutschen Zeitungen sind nicht besonders witzig und irgendwie alle zu gleich. Fehlt es uns an Mut?

Boyes: Es gibt zu viele alte Gewohnheiten in deutschen Redaktionen. Die Frankfurter Rundschau bringt zum Beispiel jeden Tag zwei Frankfurt-Seiten. So, als gehörten die Frankfurter nicht zum Rest der Zeitung. Frankfurter Theater sollte meiner Meinung nach ins Feuilleton, und wenn es etwas Interessantes im Rathaus gibt, dann sollte das in die Politik, aber eben nur, wenn es interessant ist. In der Times gibt es keine London-Seiten, dort ist alles integriert.

ZEIT: Verlieren die Leser auch deshalb das Interesse an einer Zeitung, weil sie zum Beispiel immer und immer wieder schreibt, Wachstum sei der einzige Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere, aber dennoch wird es nicht besser?

Boyes: Das ist natürlich dasselbe Problem, wie es die Politik hat. Um mehr Vielfalt in die Zeitung zu bringen, diente ja eigentlich die Redaktionskonferenz. Der Journalist und ehemalige englische Europaminister Denis MacShane hat mir erzählt, nachdem er bei einem deutschen Magazin zu einer Blattkritik eingeladen war, dass das eher wie Nordkorea sei. Der Chefredakteur sitze da, und 40 Leute hörten ihm zu. In einer Konferenz sollte eine Zeitung selbstkritisch ihre Thesen überprüfen. Aber heutzutage ist eine Konferenz ein reines Machtinstrument. Man sollte daher die Leser stärker als Regulativ einbauen.

* Roger Boyes
Jahrgang 1952, kennt Deutschland aus verschiedenen Perspektiven: Von 1978 bis 1981 war er Korrespondent der »Financial Times« in Bonn, in den achtziger Jahren hat er als Osteuropa-Korrespondent der Londoner »Times« mit Sitz in Warschau über die DDR berichtet. Seit 1993 ist er Deutschland-Korrespondent der »Times«. Er lebt mit seinem Sohn in Berlin

 
Leser-Kommentare
    • zorc
    • 04.02.2006 um 16:06 Uhr

    Als Deutscher, der in England lebt und beide Zeitungsszenen kennt, ärgert man sich doch ein bisschen ob der frohgemuten Deutschland-Schelte von Roger Boyes. Es gibt ein paar englische Dinge, die kritisch zu betrachten Engländern schwer fällt. Der mythenumwobene englische Humor ist eines: Der ist zwar überall präsent im Alltag (natürlich auch in den Zeitungen, allein in den wortverspielten Überschriften, denen in Deutschland allenfalls die taz gelegentlich das Wasser reichen kann), ist aber auch nicht immer so lustig, wie die Engländern glauben, und kann in seiner Aggressivität ebenso befreiend wie bestürzend sein. Die Zeitungen sind ein weiteres unkritisch geliebtes Ding; und dass Boyes auf die ZEIT-Frage, ob der Marktdruck die Blätter interessanter oder einfach nur gleicher mache, so am Thema vorbei antwortet, ist charakteristisch: Selbstkritik kann er da nicht. Unberechtigt ist die Frage nämlich nicht; innerhalb der Anspruchsniveaus ähneln sich englische Zeitungen ganz ausgesprochen, und nicht immer zum Vorteil der Originalität. Dass deutsche Blätter arroganter sein, scheint mir auch weniger Ergebnis tiefgründiger Analyse zu sein als Ausdruck eines gern gepflegten englischen Deutschland-Klischees, das man auch anderen Institutionen (Schulen, Universitäten, Behörden) entgegenbringt und das genauerer Überprüfung bzw. vergleichender Erfahrung nicht Stand hält. Und, um dem Genius loci Reverenz zu erweisen: Ein Gegenstück zur ZEIT gibt es in England nicht mal näherungsweise.

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