Medien-Spezial "Sehr unwitzig"Seite 4/4

ZEIT: Verlieren die Leser auch deshalb das Interesse an einer Zeitung, weil sie zum Beispiel immer und immer wieder schreibt, Wachstum sei der einzige Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere, aber dennoch wird es nicht besser?

Boyes: Das ist natürlich dasselbe Problem, wie es die Politik hat. Um mehr Vielfalt in die Zeitung zu bringen, diente ja eigentlich die Redaktionskonferenz. Der Journalist und ehemalige englische Europaminister Denis MacShane hat mir erzählt, nachdem er bei einem deutschen Magazin zu einer Blattkritik eingeladen war, dass das eher wie Nordkorea sei. Der Chefredakteur sitze da, und 40 Leute hörten ihm zu. In einer Konferenz sollte eine Zeitung selbstkritisch ihre Thesen überprüfen. Aber heutzutage ist eine Konferenz ein reines Machtinstrument. Man sollte daher die Leser stärker als Regulativ einbauen.

* Roger Boyes
Jahrgang 1952, kennt Deutschland aus verschiedenen Perspektiven: Von 1978 bis 1981 war er Korrespondent der »Financial Times« in Bonn, in den achtziger Jahren hat er als Osteuropa-Korrespondent der Londoner »Times« mit Sitz in Warschau über die DDR berichtet. Seit 1993 ist er Deutschland-Korrespondent der »Times«. Er lebt mit seinem Sohn in Berlin

 
Leser-Kommentare
    • zorc
    • 04.02.2006 um 16:06 Uhr

    Als Deutscher, der in England lebt und beide Zeitungsszenen kennt, ärgert man sich doch ein bisschen ob der frohgemuten Deutschland-Schelte von Roger Boyes. Es gibt ein paar englische Dinge, die kritisch zu betrachten Engländern schwer fällt. Der mythenumwobene englische Humor ist eines: Der ist zwar überall präsent im Alltag (natürlich auch in den Zeitungen, allein in den wortverspielten Überschriften, denen in Deutschland allenfalls die taz gelegentlich das Wasser reichen kann), ist aber auch nicht immer so lustig, wie die Engländern glauben, und kann in seiner Aggressivität ebenso befreiend wie bestürzend sein. Die Zeitungen sind ein weiteres unkritisch geliebtes Ding; und dass Boyes auf die ZEIT-Frage, ob der Marktdruck die Blätter interessanter oder einfach nur gleicher mache, so am Thema vorbei antwortet, ist charakteristisch: Selbstkritik kann er da nicht. Unberechtigt ist die Frage nämlich nicht; innerhalb der Anspruchsniveaus ähneln sich englische Zeitungen ganz ausgesprochen, und nicht immer zum Vorteil der Originalität. Dass deutsche Blätter arroganter sein, scheint mir auch weniger Ergebnis tiefgründiger Analyse zu sein als Ausdruck eines gern gepflegten englischen Deutschland-Klischees, das man auch anderen Institutionen (Schulen, Universitäten, Behörden) entgegenbringt und das genauerer Überprüfung bzw. vergleichender Erfahrung nicht Stand hält. Und, um dem Genius loci Reverenz zu erweisen: Ein Gegenstück zur ZEIT gibt es in England nicht mal näherungsweise.

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