Freie Liebe, LSD, Antikriegsdemos. Leonard Susskind hat all das mitgemacht "und noch mehr", wie er betont. Danach wurde er Physikprofessor an der amerikanischen Eliteuniversität Stanford, im Herzen blieb er ein Rebell. Jetzt hat Susskind ein Buch geschrieben, das seine Kollegen in Aufruhr versetzt. Wenn er Recht behält, ist die Physik am Ende. Oder ganz am Anfang.

Ursprünglich war Susskind ausgezogen, die Weltformel zu finden, eine allumfassende Theorie, die den Urknall ebenso wie die Nanowelt beschreibt. Lange wähnte er sich nahe dran. Mit den brillantesten Physikern und Mathematikern entwickelte er in den achtziger Jahren die Stringtheorie, den besten Kandidaten für eine Weltformel. Vor sechs Jahren bekam die Hoffnung der Physiker einen ersten Riss, als sich zeigte, dass diese Theorie nahezu unendlich viele Lösungen liefert. Nun macht Susskind Ernst: In seinem Buch The Cosmic Landscape postuliert er, dass die theoretischen Lösungen nicht etwa ein Auswuchs der Mathematik seien, sondern jeweils real existierenden Universen entsprächen.

Das allerdings hieße: Es gibt neben unserem bekannten Universum unzählige andere Welten – und in jedem dieser Universen gelten eigene Naturgesetze. Damit aber wäre die Suche nach der einen Weltformel ad absurdum geführt. Schlimmer noch: Ob die anderen Universen tatsächlich existieren oder nicht, lässt sich niemals praktisch überprüfen. Und dann stellt sich die Frage, ob eine solche Physik überhaupt noch als Naturwissenschaft gelten kann.

Kein Wunder, dass unter Physikern eine heftige Diskussion entbrannt ist. In dem Streit geht es um das Verhältnis von Theorie und Realität, um Zufall und Notwendigkeit, Physik und Metaphysik. Es geht um explodierende, schrumpfende, und aufeinander prallende Welten – und um die Frage, ob die Physiker noch alle Tassen im Schrank haben

Nach der kosmologischen Kränkung kommt jetzt eine schwere Depression

Kosmologische Grundsatzdebatten erschütterten stets auch das Selbstverständnis des Menschen. Vor 500 Jahren stürzte Nikolaus Kopernikus das geozentrische Weltbild und setzte die Sonne ins Zentrum des Universums. Die Vertreibung vom Nabel der Welt beschrieb Sigmund Freud später als "kosmologische Kränkung" der Menschheit. Bald wurde klar, dass die Sonne nur ein Stern im Hinterhof der Milchstraße ist und die Milchstraße nur eine von Abermilliarden anderen Galaxien im Universum. Dass die Physiker nun auch noch die Alleinstellung unseres Universums bezweifeln, erscheint da nur konsequent.

Susskind zufolge leben wir "in einer unendlich kleinen Tasche in einem gewaltigen Megaversum". Unsere Welt wäre demnach nur eine Art menschenfreundliche Nische, daneben jedoch gibt es unzählige andere Universen. Einige von ihnen sind leer und langweilig, andere existieren für ein paar Millisekunden, eine Hand voll haben Sterne, Planeten und sogar Leben hervorgebracht. Diese Vorstellung eines Multi- oder Megaversums gibt es zwar schon länger. Neu ist jedoch, dass mittlerweile nicht nur ein paar philosophisch inspirierte Spinner daran glauben, sondern gewissermaßen die Führungselite der Theoretischen Physik. Leonard Susskind, und andere mit ihm, ist sich jedenfalls sicher: Wenn Philosophen und Physiker in hundert Jahren zurückblicken, werden sie die heutige Zeit als jene Periode beschreiben, in der das Konzept des einzigen Universums zugunsten der Vorstellung eines Multiversums abgelöst wurde.

Doch wenn Kopernikus’ Theorie eine Kränkung war, ist das Multiversum eine schwere Depression. Damit zöge sich die Menschheit zurück auf eine völlig unbedeutende, zufällige Insel im kosmischen Ozean. Uns bleibt nur der Trost, dass es immerhin Lebewesen auf dieser Insel gibt, die intelligent genug sind, sich darüber zu streiten.

Wissenschaftlich gesehen, ist das Hauptproblem dieser Vorstellung jedoch ihre Überprüfbarkeit: Woher sollen wir wissen, ob die Theorie der multiplen Welten tatsächlich stimmt? Selbst wenn es die vielen anderen Universen wirklich gäbe, könnten wir niemals einen Blick darauf werfen. Ist das noch Wissenschaft? Oder nähert sich die Physik damit der Esoterik, in der vieles nur behauptet wird, aber nichts bewiesen oder widerlegbar ist? Der Philosoph Karl Popper stellte einst die Maxime auf, dass wissenschaftliche Theorien so beschaffen sein sollten, dass man sie prinzipiell widerlegen, also falsifizieren kann. Gibt man diesen Leitsatz auf, gerät ein Grundpfeiler der Naturwissenschaft ins Wanken.

Dementsprechend hart ist die Kritik an Susskinds Thesen. "Ich halte den Ansatz für gefährlich", sagt Paul Steinhardt von der Princeton University. "Die Wissenschaft käme zu einem deprimierenden Ende." Der Stringtheoretiker Brian Greene befürchtet, die Idee könne Wissenschaftler davon abhalten, nach tiefer liegenden Erklärungen zu suchen. Und der Kosmologe Lee Smolin vom Perimeter Institute in Waterloo, Kanada, schimpft: "Lenny Susskind irrt sich, und er wird einsehen, dass er sich irrt." Man könne gerne Ideen präsentieren, "aber wenn man eine Theorie hat, die weder etwas erklärt noch etwas vorhersagt, dann hört man auf, Wissenschaft zu machen."