M anchmal muss man an ungewöhnliche Orte fahren, um das Ende einer Ära zu beobachten. Am 27. Dezember war Mercedes in Sindelfingen solch ein Ort. Die Mitarbeiter mussten sich an diesem Tag melden, um eine Prämie für den vorzeitigen Abschied in den Ruhestand zu kassieren. Einige waren schweigsam, andere erzählten Reportern begeistert von ihrem Lebenstraum, etwa als Tanzlehrer zu arbeiten. Viele fanden, sie hätten Glück: Oft wird es solche Angebote nicht mehr geben. Ende Januar laufen die Regeln zur Frühverrentung aus. BILD

Jahrelang haben Deutschlands Konzerne ihre Beschäftigungsprobleme auch mit diesem Instrument gelöst, in kaum einem Land wurden die Belegschaften so brutal verjüngt. Inzwischen hat die Debatte über die alternde Gesellschaft viel bewegt. Die "Rente ab 67" steht im Koalitionsvertrag, die Menschen sollen länger arbeiten. Nur in einem Punkt hat das Land noch nicht dazugelernt: Die Deutschen tun sich schwer mit lebenslangem Lernen. Sie kümmern sich nicht genug darum, ihr Wissen regelmäßig aufzufrischen – obwohl das gerade in einer alternden Gesellschaft dringend nötig ist.

Wenn wenige Beschäftigte eine steigende Zahl von Rentnern versorgen, müssen sie umso produktiver sein. Ohne Weiterbildung geht das nicht. Doch die Universitäten verschlafen einen Zukunftsmarkt, Arbeitnehmer wiegen sich dank Kündigungsschutz in Sicherheit, Unternehmen sparen in Krisenzeiten am falschen Ende.

Qualifikationen haben genauso ein Verfallsdatum wie Lebensmittel

"Gäbe es eine Pisa-Studie für Erwachsene, so wären die Ergebnisse für Deutschland vermutlich ebenso verheerend", sagt Günther Schmid, Professor und Leiter der Abteilung für Arbeitsmarktpolitik und Bildung am Wissenschaftszentrum Berlin. Innerhalb von Europa belegt Deutschland bei der Weiterbildung einen der letzten Plätze. Noch bedenklicher: Während im gesamten Euro-Raum die Investitionen in die Weiterbildung in den vergangenen Jahren stiegen, gingen sie in Deutschland seit 2001 zurück. Seit Pisa wird über Details der Bildung in Schulen, Kindergärten und Universitäten heftig debattiert. Nur die Bildungslücke in der zweiten Lebenshälfte scheint wenige zu interessieren.

"Die Politiker schauen auf den Bereich, den sie mit Gesetzen steuern – die Erstausbildung", sagt Herbert Loebe, Geschäftsführer des Bildungswerks der Bayerischen Wirtschaft. Mehr als 40000 Anbieter von Weiterbildungen buhlen um Aufträge auf dem unübersichtlichen Markt, auf dem die Nürnberger Arbeitsagentur eine dominante Rolle als Kunde spielt. "Wir wünschen uns ja nicht mehr staatliche Eingriffe", sagt Loebe, "aber ein bisschen mehr Aufmerksamkeit von der Politik, das wäre schön."

Geld scheint nicht das Problem zu sein. Lange Zeit hat die Bundesagentur für Arbeit zweistellige Milliardenbeträge in die Weiterbildung von Arbeitslosen investiert – allerdings mit wenig Erfolg. Inzwischen hat sie ihre Ausgaben reduziert, Angebote müssen zertifiziert werden, bevor die Arbeitsvermittlung zahlt. So sind einige Qualitätsprobleme verschwunden, doch gleichzeitig andere entstanden. Das neue Prozedere, so sieht man es auch bei der Bundesagentur, schadet oft der Qualität. Aufträge für Kurse müssen jetzt ausgeschrieben werden, den Zuschlag bekommt der günstigste Anbieter – und der ist oft nicht der Beste.

Schwerer als formale Schwierigkeiten wiegt aber die Haltung vieler Menschen zur Bildung. Der Altersforscher Paul Baltes hält seit vielen Jahren Vorträge über das Lernen in der zweiten Lebenshälfte. "Lebenslanges Lernen klingt nach einer wunderbaren Idee", sagt er. "Aber tatsächlich löst das Prinzip sehr gemischte Gefühle aus. Die Botschaft lautet ja: Du bist niemals komplett. Es wird keine Phase geben, in der du dich einfach treiben lassen kannst." Baltes hat das 21. Jahrhundert deshalb das "Zeitalter des chronisch unfertigen Menschen" genannt.

Lebenslange Unvollkommenheit – damit tun sich gerade die Deutschen schwer. "Gelernt ist gelernt", sagt man hierzulande; die Erstausbildung zählt viel. Schließlich dauert das Studium besonders lange, das Lehrlingssystem fand lange Beifall in aller Welt. Wer gar die Promotion schafft, darf sich mit "Herr Doktor" ansprechen lassen – und die Ehefrau ("Frau Doktor") erwirbt den Ehrentitel gleich mit. Mancher Schlachter- oder Bäckermeister hängt seinen Meisterbrief gut sichtbar hinter die Ladentheke. Wo aber der Eintritt ins Berufsleben hart erkämpft wird, fällt die Einsicht schwer, dass Qualifikationen genauso ein Verfallsdatum haben wie die Wurst hinter dem Verkaufstresen.

"Warum tust du dir das noch an?" Diese Frage hat auch Raimund Neuhold immer wieder hören müssen. Dabei hat der 49-Jährige nur getan, was in einer alternden Wissensgesellschaft selbstverständlich sein sollte: Er schrieb sich als Mittvierziger bei einem Teilzeit-MBA-Programm an der renommierten Business School Ashridge in der Nähe von London ein. Damals hatte der Hamburger Lufthansa-CityLine-Kapitän schon viel erreicht: Er hatte als Pilot und im Management mehrere Karrierestufen erklommen, lebte mit Frau und Kindern in Hamburg. Er arbeitete in seinem Traumberuf. Viele hätten gesagt, Raimund Neuhold sei angekommen. Aber er fühlte sich nicht so.

"Das Prinzip, lebenslang dazulernen zu müssen, hatte ich schon als Pilot beim Berufsbeginn verinnerlicht", sagt er. "Anders kann man mit den technischen Neuerungen nicht Schritt halten." In Ashridge lernte er gemeinsam mit Japanern, Kanadiern und Franzosen; Konzerne aus aller Welt hatten Manager geschickt. Auch Neuhold nutzte ein Führungskräfte-Programm seines Arbeitgebers. Manches war wie in der Schule, manches völlig anders: Man lerne langsamer, aber effizienter und anwendungsbezogener als Mittvierziger, erzählt der Lufthansa-Manager.