Eigentlich sei ihm B. noch übers Grab hinaus unsympathisch, notiert Peter Rühmkorf in Tabu I anlässlich Thomas Bernhards Hinscheiden Anfang 1989. Die Begründung für so viel Abneigung folgt sogleich: Eine Art spezifisch österreichisches Allürentheater und zum Fußstampfen ständig bereites Drohverhalten, das den Masochismus der szenebegleitenden Feuilletons heimlich mit einkalkuliert, will Rühmkorf bei Bernhard erkannt haben, und selbst wenn man seine Meinung in der Summe nicht teilt: Es ist schon ein bisschen was daran.

Kleinere Schnittmengen zwischen den beiden unvergleichlichen Autoren gibt es gleichwohl, schließlich wird das Wiener Kunsthistorische Museum für den einen wie den anderen zur Inspirationsquelle: Peter Rühmkorf verewigt Altdorfers dort hängendes Bild Lot und seine Töchter in einem seiner besten Gedichte, Thomas Bernhard gleich den ganzen Bordone-Saal, in dem sich der Privatgelehrte Atzbacher und der Musikphilosoph Reger an zwei aufeinander folgenden Tagen treffen, um in einer Art Dauerlamento Den ker, Maler und Tonsetzer nachzurezensieren. Von Vollendung kann - alles in allem und wie bei Bernhard kaum anders zu erwarten - laut Atzbacher und Reger letzten Endes bei keinem der Verhandelten gesprochen werden. Aber das ganze kulturkritische Gezeter, Gekeife und Getue ist nicht das Wichtigste in der ausdrücklich Komödie genannten Gesprächsfolge Alte Meister, die Thomas Holtzmann mit der bewundernswerten Klarheit seiner Diktion gewissermaßen entschachtelt. Selbst dort, wo der Bernhard-Leser im Appositions- und Kommatagewirr den Faden fast verloren hat, knüpft Holtzmann für den Hörer souverän wieder an.

Wenn Bernhard seinen allerersten Lebensmenschen porträtiert, wird aber sogar Holtzmanns Stimme weicher. Regers verstorbene Frau, derer im Buch gedacht wird, ist in Wirklichkeit keine andere als Bernhards Vertraute Hedwig Stavianicek, die 1984 beerdigt wird, fünf Jahre später folgt er ihr ins Grinziger Grab. Und wenn sie schon vor mir stirbt, so sterbe ich ihr nach, möglichst rasch, habe er immer gedacht, sagt Atzbacher von Reger, und das sind von Allüren dann doch wieder so weit entfernte Zeilen, dass jedwede Antipathie auf einmal obsolet erscheint.

Thomas Bernhard: Alte Meister

Der Hörverlag - 6 CDs, 430 Min., 39,95 e