Medien Mit doppeltem Netz

Wie das schnelle Medium Internet daran arbeitet, solide und glaubwürdig zu werden

Das Internet ist eine tolle Sache. Für den Journalismus ist es gefährlich. Zwei aktuelle Beispiele: Auf Hawaii wurde, wie kürzlich die meldete, ein Reporter der Lokalzeitung gefeuert, weil er in seinen Artikeln absatzweise aus den Einträgen der Online-Enzyklopädie Wikipedia zitiert haben soll – ohne Quellenangabe. Einen ähnlichen Vorwurf erhob vorige Woche die gegen : Eine dort veröffentlichte sei Wort für Wort von Wikipedia übernommen worden. reagierte schnell auf die Kritik: Der Fehler wurde zugegeben, die Quelle nachträglich genannt.

Dieser Versuch einer vertrauensbildenden Maßnahme zeigt, dass es im Online-Journalismus längst nicht mehr nur um höhere Geschwindigkeit und Klickzahlen geht. Je wichtiger das Internet als Informationsmedium wird, desto stärker werben auch Online-Angebote um das Vertrauen der Leser. Um dieses Vertrauen konkurrieren sie natürlich nicht nur untereinander, sondern zunehmend mit den »traditionellen« Medien, also Zeitungen, Radio und Fernsehen.

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Deren Vertrauensvorsprung stellt das Internet permanent infrage. Wer es gewohnt ist, sich seine Nachrichten im Internet selbst zusammenzusuchen, fragt sich irgendwann: Wenn ich über Blogger und Webcams Zugang zu ungefilterten Informationen haben kann, warum soll ich mir dann noch die Brille eines Journalisten aufsetzen lassen? Diese Brille verändert die Sichtweise, das ist sicher. Im schlimmsten Fall verfälscht sie sie sogar.

So sehen es viele Internet-Nutzer, und sie haben ja durchaus Recht. Einer Information muss ich trauen können, sonst ist sie nichts wert. Wer spricht da zu mir? Und in welcher Absicht? Diese Fragen muss man sich bei allen Medien stellen. Ganz besonders aber im Internet, wo man mit einem Klick vom Sinnvollen zum Abstrusen kommen kann.

Von Zurückhaltung ist jedoch beim Ansturm auf das Internet wenig zu spüren. Ende vergangenen Jahres waren mehr als die Hälfte aller Deutschen im Internet unterwegs, noch im Jahr 2000 waren es nur knapp 20 Prozent.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich in diesem Trend allerdings eine überraschende Drehung: Während die Zahl der Online-Nutzer insgesamt nur noch langsam wächst (zuletzt um etwa zwei Prozent pro Jahr), stiegen die Zugriffe auf die Online-Ableger von Printmedien wie Süddeutsche Zeitung online im vergangenen Jahr um 30 Prozent, auf FAZ.net um 35 und auf Spiegel online um 37 Prozent. Es gibt also offenbar auch im Internet eine Sehnsucht nach Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Verlässlichkeit. Und diese Tugenden traut der Nutzer – allen Verfehlungen zum Trotz – vor allem den in der Offline-Welt etablierten Leitmedien zu.

Skeptiker mögen einwenden, dass es gewagt sei, sich auf das Berufsethos der Journalisten zu verlassen. Worauf man sich allerdings verlassen kann, ist das ökonomische Prinzip. Für Verlage und deren Redakteure besteht eine wirtschaftliche Notwendigkeit, solide zu arbeiten, denn der Ruf der Marke ist ihr Kapital. Und das ist angesichts der viel besprochenen Medienkrise durchaus existenziell zu verstehen. Aufwändige Redaktionsarbeit ist daher kein Luxus, sondern Geschäftsgrundlage.

Natürlich ist im Internet der Aktualitätsdruck höher. Er beschert uns inzwischen eine Art Live-Berichterstattung in Textform – schneller geht’s nicht. Das heißt aber nicht, dass Online-Journalismus sich darauf beschränken muss. Im Gegenteil: Die schiere Masse der Informationen macht das Sichten, Verweisen und Einordnen immer wichtiger. Deswegen hat Orientierung gebender Journalismus Zukunft – im Internet ebenso wie in den klassischen Medien.

Im Wettbewerb um das Vertrauen der Leser können sich Online und Print auf ganz neue Arten ergänzen – und attackieren. Die Internet-Seite bildblog.de korrigiert unermüdlich die Behauptungen der größten deutschen Boulevardzeitung. Als »neue Waffe im Krieg der Medien« bezeichnete Anfang Januar die New York Times die Möglichkeit, den ungekürzten Wortlaut von Interviews online zu publizieren. Zu diesem Mittel greifen immer häufiger Interviewte, die sich falsch zitiert fühlen – oft mit peinlichen Folgen für Journalisten, die sich ihrer Deutungshoheit allzu sicher waren. Auch ganze E-Mail-Wechsel, die die Entstehung eines Artikels dokumentieren, wurden so schon publik. Allein die Möglichkeit solcher Gegenschläge dürfte manchen Journalisten vorsichtiger machen. Im Gegenzug wirken Zeitungen gegenüber dem Internet als Kontrollinstanz, wenn sie über Fehler der Online-Kollegen berichten und so die Maßstäbe etablierter Redaktionen auf das Internet anwenden.

Der Resonanzraum, den Off- und Online-Journalisten für ihre Arbeit erhalten, hat sich gewaltig vergrößert. Es wäre dumm, wenn wir nicht hinhörten, wie sich die Kritiker äußern.

* Linktipps und einige Quellen dieses Textes:
New York Times online
Der im Text erwähnte Artikel aus der NYTimes online

Der Nonliner-Atlas
Studie zur Nutzung und Nicht-Nutzung des Internets

IVW
Die Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern erfasst die Reichweiten von Medien, darunter auch von Online-Magazinen

Jonet.org
Größtes deutschsprachiges Online-Diskussionsforum für Journalisten. Es wurde von Jochen Wegner gegründet, studierter Physiker und Chefredakteur von Focus Online

Medienrauschen.de
Auf dem medienkritischen Online-Forum wurde das Magazin Spiegel online kritisiert, weil es ohne Quellenangaben aus Wikipedia zitiert hatte

Webwatching.info
Künftige Site von Studierenden des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaften der Universität Hamburg zu den Umwälzungen der Informationsgesellschaft. Von 4. Februar an online

Scarlatti.de
Blog von Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Online-Journalismus an der FH Darmstadt und ehemaliger Ressortleiter von ZEIT online ; von ihm stammt das treffende Bild des Resonanzraums

ZEIT-Ansage
Hier bloggt die Redaktion von ZEIT online : Was kommt demnächst? Was überlegen wir, was lehnen wir ab? Kommentare, Anregungen und Kritik sind willkommen

Mecker-Blog
Hier ist Platz für Kritik an ZEIT online

** Die Autorin ist Redakteurin bei ZEIT online

 
Leser-Kommentare
  1. Viele redaktionelle Internetangebote entpuppen sich bei näherem Hinsehen als unseriös und journalistisch zweifelhaft. So mischen sich hier Kommentar und Bericht, dort werden öffentlich zugängliche Informationen ab- und umgeschrieben, mit reißerischen Überschriften versehen und nun den "Abonnenten" als Topmeldung verkauft. Aktualität und Seriosität bleiben gegenüber Geschäftsinteressen auf der Strecke.

    So stellte etwa TNS Infratest in einer Umfrage im Sommer 2005 fest, dass 98% der Befragten, die beim Kauf über das Internet Datenschutzbedenken haben, hohe Erwartungen mit Gütesiegeln im Internet verbinden. Das Blättchen iBusiness aus dem "Hightext Verlag" München machte daraus: "98% von 100 Nutzern fürchten Datenmißbrauch bei Gütesiegeln und fordern deren Kontrolle. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage."
    Die Meldung musste nach ihrer Veröffentlichung mehrfach korrigiert werden.

    Seriöse Berichterstattung ist zum Nulltarif nicht zu haben, aber das Internet ist - von den dortigen Ablegern der etablierten Medien und wenigen Ausnahmen wie etwa heise - online abgesehen - beileibe keine Alternative zur Tageszeitung und zum seriösen, unabhängigen Journalismus, eben nur eine virtuelle Öffentlichkeit.

  2. Das Internet wird immer nur so solide and glaubwuerdigt sein wie die Leute die dran arbeiten.und das kann man nicht per Tasten klick erledigen.Der Leser sollte aber nicht auf nur eine Quelle zurueck fallen um Informationen zu erhalten sondern sich ueberall umsehen -und gerade das Internet gibt einem die breitesten Moeglichkeiten.

  3. Dank des Internets kann ich durch die Welt surfen ohne mein Haus zu verlassen.Ich kann im Nachthemd shopping gehen und wenn ich Lust habe kann ich mich ueber die neusten Nachrichten in aller Welt in welch immer Sprache ich beherrsche lese -das alles ist prima ABER es geht nichts ueber die richtige Zeitung,die ich gemuetlich auf dem Tisch ausbreiten , mit in die Badewanne nehmen mit der ich es mir auf dem Sofa gemuetlich machen kann.Also der Pc ersetzt bei mir keine Zeitung.Im Gegenteil, ich habe heute mehr Zeitungs Abos als frueher.

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