Nein, von der Pille ist nicht die Rede in der Enzyklika über die christliche Liebe, die Papst Benedikt XVI. jetzt als erstes großes Lehrdokument seiner Amtszeit veröffentlicht hat. Auch die Schwulenehe, gegen die die katholische Hierarchie (den Papst eingeschlossen) bisweilen seltsam besessen anrennt, kommt nicht vor. Eine kurze Polemik gegen den Sex als Ware ist schon fast alles, was an Kulturkritik geboten wird. Joseph Ratzinger ist konservativ, aber eigentlich kein Moralprediger; ihn interessiert das Große und Ganze, der Wesenskern des Christentums. In einer Rede am Montag, in der er die eigene Enzyklika ein bisschen vorinterpretiert hat, hat er Dante zitiert, den Schluss der Göttlichen Komödie, die Vision des Dichters von der göttlichen Liebe, die Sonne und Sterne bewegt, als Zentrum des Universums. Das ist die Höhenlage, in der er sich wohlfühlt.

2006 wird ein entscheidendes Jahr für Benedikt XVI., vielleicht das entscheidende überhaupt. Jetzt muss sich zeigen, was für ein Papst er ist und sein will. 2005 hat er noch von dem Ausnahmezustand profitiert, den der Tod Johannes Pauls II. geschaffen hatte. Wenn er, bald nach Ostern, ein Jahr im Amt ist, geht der Anfang zu Ende. In Rom kursieren Spekulationen über eine Strukturreform der Kurie, der kirchlichen Zentralverwaltung. Eine ganze Reihe von Kurienkardinälen, an ihrer Spitze der Kardinalstaatssekretär, der Premierminister des Papstes, ist jenseits der »Pensionsgrenze« – Gelegenheit für ein großes Personalrevirement. Auf einer Polenreise muss Ratzinger das Kapitel Wojtyła irgendwie historisieren, in der Türkei mit dem orthodoxen Patriarchen von Istanbul seine Ökumene-Politik eröffnen, unter dem frostigen Blick der Regierung in Ankara, die ihn als Gegner des türkischen EU-Beitritts kennt. Er macht einen Heimatbesuch in Bayern, aber er fährt auch nach Spanien, in das Land des antiklerikalen Ministerpräsidenten Zapatero, den man im Vatikan als schlechtes Vorbild für Italien fürchtet. In Italien selbst wird gewählt, und man wird genau beobachten, wie der Papst aus Deutschland dabei agiert. Davor nun also Deus caritas est, » Gott ist die Liebe« , wie die Enzyklika nach ihren Anfangsworten überschrieben ist.

Es geht aber gar nicht nur um die caritas, die selbstlose christliche Nächstenliebe. Das ist gerade die Pointe und eine gewisse Kühnheit des ersten, anthropologisch-theologischen Teils der Enzyklika, dass sie nicht von Mutter Teresa ausgeht, sondern von der erotischen Liebe. Der Papst ist inspiriert von Platon – wie der griechische Philosoph sieht er in der Liebe eine Begeisterungskraft, die den Menschen über sich hinauszieht, begehrend, suchend, erkennend, wohlwollend. Dieses Streben muss »gereinigt« werden (eine Ratzingersche Lieblingsvokabel), hineingelenkt in die Ehe und in die christliche caritas, aber letztlich ist die Liebe aus einem Stück, nicht gespalten in einen sublimen himmlischen und einen suspekten irdischen Teil. Es ist eine Antwort auf Nietzsche, den die Enzyklika auch zitiert, eine Entgegnung auf seinen Vorwurf der Leib- und Lebensfeindlichkeit des Christentums.

Die zweite Hälfte von Deus caritas est ist eine Art Sozialpolitik der Liebe. Der Papst knüpft an den Streit an, den er als Kardinal in den achtziger Jahren mit dem Marxismus und der kirchlichen Linken ausgetragen hat, die statt Nächstenliebe nur noch Gerechtigkeit wollten, statt Almosen Systemveränderung. Benedikt XVI. verwirft die Utopie einer sozialtechnisch perfektionierten Gesellschaft, die über die caritas hinaus zu sein glaubt: »Immer wird es Leid geben, das Tröstung und Hilfe braucht. Immer wird es Einsamkeit geben.« Dass hinter der Gerechtigkeit noch die Liebe steht, ist ein Schutz gegen den bürokratischen Wohlfahrtsstaat, und es ist ein Rettungsmittel gegen die Verzweiflung, in der der oft vergebliche Kampf um eine bessere Welt sonst zu enden droht: »Gott regiert die Welt, nicht wir. Wir dienen ihm nur, soweit wir können und er uns die Kraft dazu gibt.« Da spürt man auch die Anfechtungen und Tröstungen des erschöpfbaren »Arbeiters im Weinberg des Herrn«, als der Joseph Ratzinger sich nach der Papstwahl auf der Loggia des Petersdoms den Gläubigen vorstellte.

Die Antrittsenzyklika Johannes Pauls II., Redemptor hominis aus dem Frühjahr 1979, war sinfonisch gewesen, lang und breit, ein Regierungsprogramm und eine Zeitdiagnose, in der der Papst schon das Jahr 2000 anvisierte, die Millenniums-Schwelle, auf die er sein Pontifikat ausrichtete. Deus caritas est ist dagegen kammermusikalisch, leiser und filigraner, vielleicht sogar ein wenig unsicher. Joseph Ratzinger hat schon glänzender geschrieben, hat auch schon eindrucksvoller über die Liebe gesprochen, die neben der Wahrheit ein Schlüsselbegriff seiner Theologie ist. Die Weltgeschichte als Kampf zwischen Liebe und Lieblosigkeit – so starke Bilder und Gedanken, die im Ratzingerschen Werk bereitlagen, finden sich in der Enzyklika nicht.

Karol Wojtyła war mit der Wahl sofort Johannes Paul II., als Papst gleich fertig. Joseph Ratzingers Verwandlung in Benedikt XVI. dauert etwas länger, und noch ist die Spannung nicht aufgelöst, wer am Ende dabei herauskommt.