Die Indizien sind eindeutig. Der Mann trinkt ständig eiskalte Coke light; die radikalen Managementlehren von Jack Welch ("Fix, close or sell"), dem Exboss von General Electric, stehen griffbereit in seinem Büro; besonders gern trägt er Weisheiten im amerikanischen O-Ton vor: "You have to earn your lunch every day" oder "Nobody is perfect but a team can be". Und wenn er über seine Zeit in Amerika spricht, dann wird sein Siegerlächeln noch strahlender.

Klaus Kleinfeld taugt perfekt als Prototyp für jene neue angelsächsisch geprägte Managergeneration, der allein der Profit als Richtschnur ihres Handelns gilt. Eine Generation, für die Werte wie Tradition oder Patriotismus Begriffe aus der Mottenkiste der früheren Deutschland AG sind und die skrupellos Standorte schließt, wenn es irgendwo auf der Welt ein paar Cent billiger geht. Als erste Großtat hat der 48-jährige Siemens-Chef die kränkelnde Handysparte verscherbelt und den übrigen Bereichsmanagern knallharte Ziele vorgegeben.

Aber halt! Wie passen da solche Sätze ins Bild? "Menschen, die Freude beim Entlassen empfinden, sind pervers", sagt Kleinfeld, als er mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt über die Moral der Manager diskutiert. Und Berthold Huber, Zweiter Vorsitzender der IG Metall und Siemens-Aufsichtsrat, urteilt nach einem Jahr Kleinfeld: "Ich halte ihn für einen anständigen Mann." Es lohnt sich also, etwas genauer hinzuschauen, was den jungenhaft wirkenden 1,90-Meter-Hünen umtreibt und was er bei dem 158-jährigen Traditionskonzern mit seinen mehr als 460000 Beschäftigten in 190 Ländern bewegt.

"Alles, was ich besitze, habe ich mir mit eigenen Händen geschaffen", sagt Klaus Kleinfeld. Das spricht für ein gesundes Selbstvertrauen. Seine Eltern, die es nach dem Krieg aus Thüringen in eine Bremer Arbeitersiedlung verschlagen hatte, konnten dem einzigen Kind keinen materiellen Wohlstand bieten. "Ich bin in einer 56-Quadratmeter-Wohnung groß geworden." Nach der Heimkehr aus der Gefangenschaft arbeitete sein Vater tagsüber in einer Fabrik und besuchte abends Kurse, um den Ingenieurgrad nachzuholen. Er starb, als der Sohn zehn Jahre alt war. Mit zwölf räumte Klaus im nahen Supermarkt die Regale ein. Heute sagt er: "Ich habe eigentlich immer gearbeitet."

"Alles, was ich besitze, habe ich mir mit eigenen Händen geschaffen"

Solche Details aus seiner Jugend erzählt das "Wunderkind" (manager magazin) gern. Schon um zu zeigen, dass er weiß, wie hart das Leben ganz unten sein kann. Führungsrollen einzunehmen gehörte immer dazu. Als Schüler kümmerte er sich um benachteiligte Kinder, mit 18 Jahren verließ er Bremen, um in Göttingen Betriebswirtschaft und Wirtschaftspädagogik zu studieren. Später – während er schon bei Siemens arbeitete – promovierte der Diplomkaufmann über Corporate Identity. Nie vergisst Kleinfeld zu erwähnen, wie wichtig ihm die Familie ist – seine beiden Töchter im Teenageralter und seine Frau, die er schon seit der Schulzeit kennt und die heute Mathematiklehrerin ist. "Ich hatte nie gesagt: ›Ich will Siemens-Chef werden‹", sagt er, als er es geworden ist. Doch in der Rückschau scheinen seine Karrierestationen genau dafür ausgesucht. Kleinfeld arbeitete in der Konzern- und Strategieplanung, leitete die Abteilung Unternehmensprojekte und baute dann die interne Unternehmensberatung auf. Damals scharte er eine verschworene Truppe um sich, mit der er an die Krisenherde des Elektroriesen ausschwärmte. Und mit der er sich auch mal am Wochenende traf, um einen Abenteuerspielplatz im Münchner Problemviertel Hasenbergl zu renovieren.