Es müssen arg grippöse Hühner sein, die da nun flügelschlagend über frühe Stasi-Verflechtungen von Robert Havemann herumkakeln.

Fangen wir mal beim Anfang an. Der Mann saß, zum Tode verurteilt, von 1943 bis 1945 im Zuchthaus Brandenburg (sein Haftgenosse Honecker soll später eine schützende Hand über ihn gehalten haben). Befreit wurde er nicht von seinen Landsleuten, sondern von der Roten Armee. Ganz überraschend kann es nicht sein, dass so jemand Kommunist wird – und einem Land kritisch gegenübersteht, das nie auch nur einen einzigen Richter zur Verantwortung zog: der Bundesrepublik. So wenig es überraschend ist, dass er 1950 aus seinem Amt als Abteilungsleiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in West-Berlin entlassen wurde; da hatte er aggressiv in einem Zeitungsartikel die in den USA forcierte Entwicklung einer Wasserstoffbombe attackiert. Es gilt, sich zu erinnern: Immerhin haben noch Jahre später, 1957, die "Göttinger 18" – eine Gruppe führender Atomwissenschaftler – gegen eine atomare Aufrüstung der Bundeswehr protestiert; die konnte man nicht entlassen, es waren drei Nobelpreisträger darunter.

In jenen ersten Nachkriegsjahren war Havemann, tätig in den verschiedensten Friedensräten und Friedenskomitees (in dieser Eigenschaft hatte er auch Kontakt zu Werner Heisenberg), ein berüchtigter Versammlungsredner und Propagandadiskutant der SED, der er erst 1951 beigetreten war. Ich selber habe ihn – "ein scharfer Hund" hieß so was in Berlin – in seiner untunlichen Heftigkeit bei so manchen West-Berliner Veranstaltungen erlebt, unangenehm schrill selbst für meine linken Ohren. Nun ist eine knapp 60 Seiten umfassende Broschüre erschienen, verantwortlich laut Impressum: "Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Abteilung Bildung und Forschung".

Er wollte die DDR nicht abschaffen, diffamierte aber ihre Ideologie

In dieser Behörde arbeitet der Verfasser Arno Polzin, der penibel und korrekt einerseits die rasch sich auflehnende ideologische Abspaltung Havemanns vom offiziellen Kurs der SED nachzeichnet – und zugleich (wohl erstmals) aufblättert, dass der Dissident ein IM war. Insofern ist es ein spannendes Stück deutscher Geschichte: Da stellt die Stasi bereits Mitte der fünfziger Jahre "ideologische Differenzen zur offiziellen Parteilinie" fest und, wir schreiben das Jahr 1956, notiert akribisch, worin die "beginnende Dissidenz" besteht: "Inhaltlich ging es dabei unter anderem um die Frage der Einmischung der UdSSR in innere Angelegenheiten der VR Polen, die Einstellung der SED zu den Demokratisierungsversuchen in Polen und Ungarn, die zu oberflächliche Einschätzung des 17. Juni 1953 als faschistischen Putsch."

Im schönsten Parteichinesisch nannte man so etwas "er betrieb Fehlerdiskussion… Genosse Havemann wollte der Partei unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den Dogmatismus eine Fehlerdiskussion aufzwingen". Wenn ich das Wort "spannend" benutze, so ist damit gemeint eine sich fast filmisch ineinander schneidende Gleichzeitigkeit: Während Havemann immer deutlicher die Politik der SED angreift, verteidigt er Partei und Staat. "Das Verhalten des GI muß als positiv eingeschätzt werden" – dies Zeugnis stellt ein Führungsoffizier Maye aus, der zuvor ausführlich unerhörte, kaltschnäuzige, herabsetzende und die SED lächerlich machende Äußerungen Havemanns protokolliert hatte. Havemann wollte – wie so viele seiner immer skeptisch-kritischer werdenden Kollegen: Stefan Heym, Stephan Hermlin, Christa Wolf, damals noch Ernst Bloch oder Wolfgang Harich – keineswegs die DDR abschaffen; er hielt gar zwei Tage vor dem Mauerbau noch eine regimetreue Rede in der Volkskammer, in der er den "Weg hinüber in die Bundesrepublik" tadelte und eifervoll hinzufügte, "dass jeder, der dort hinübergeht, nicht nur unserer Sache untreu wird, sondern auch der Sache des Friedens in der ganzen Welt". Exakt zur selben Zeit diffamiert er "das, was als dialektischer Materialismus verkündet und gelehrt wurde". Und wiederum – die Stasi war nicht nur deren Eckermann, sondern offensichtlich auch Bewacher der Bewacher – schreibt jener Hauptmann Maye: "Die von ›Leitz‹ [dies Havemanns Deckname. F.J.R.] dargelegten Auffassungen erscheinen durchaus begründet und im Interesse des wissenschaftlich-technischen Fortschritts zweckmäßig." Bei der – oft genug Kopfschütteln hervorrufenden – Lektüre gewinnt man beinahe den Eindruck, der angeblich fast kriminelle Stasi-Mitarbeiter (der niemanden denunziert hat) bediente sich dieses Apparats, der ja bald mächtiger als das ZK war, dessen Telefone bis hinauf zu Ulbricht und Honecker abgehört wurden. Dieses Verwirrspiel zwischen Trapper und Indianer, nicht selten ein Gemenge aus Dummheit, Wichtigtuerei und widersprüchlichster Banalität, legen viele Passagen der Broschüre nahe; sie bieten allerdings auch keinen Anlass, Havemann postum eine Ehrenmedaille zu verleihen.