Soziologie Atemlos
Nicht Geld, nicht Macht, sondern Beschleunigung regiert die Welt. Der Soziologe Hartmut Rosa hat mit seiner Untersuchung der Zeit eine monumentale Theorie der Moderne vorgelegt
Die Zeit ist aus den Fugen. Sie rast und steht still. Je mehr Zeit wir gewinnen, desto schneller zerrinnt sie uns zwischen den Fingern. Wir stürzen nach vorn und kommen immer zu spät. Alles wird schneller, und früher war es besser.
Solche Zeitkritik gehört zum Lieferumfang des zeitgenössischen Weltbildes und kommt uns geschwind über die Lippen. Entsprechend gibt es Zeittheorien und Bremshilfen wie Sand am Meer, doch viele verlieren sich im Detail. Andere sind zwar profund, aber einseitig. Was bislang fehlte, war eine soziologische Gesamtsicht, die systematische Einbettung von Zeit und Beschleunigung in eine Theorie der Moderne.
Diese Gesamtsicht liegt nun vor. Sie stammt von dem in Jena lehrenden Soziologen Hartmut Rosa, und ihr Anspruch ist gewaltig, monumental und erschöpfend. Rosa behauptet nämlich, er halte den Schlüssel in der Hand, um zu erklären, warum wir so leben, wie wir leben. Denn weder Geld noch Macht seien die Fürsten dieser Welt. Vielmehr sei es die »stumme normative Gewalt« der Beschleunigung, die unsere Zeit im Innersten zusammenhält und alles Leben bestimmt. Wer vor der kinetischen Macht die Augen verschließe, habe von der Moderne gar nichts begriffen.
Zugegeben, das ist erst einmal eine leere Behauptung. Doch hat der Leser das steile Vorgebirge der methodologischen Einleitung überwunden, kommt es knüppeldick, und er kann sich vor Anschauung kaum retten. Rosa bemüht unzählige Studien, die belegen, wie sehr sich Zeitwahrnehmung und Temporalstrukturen beschleunigen, wie Unruhe und Zeitnot wachsen, Vergangenheit verdämmert, Gegenwart schrumpft und Zukunft schwindet.
Konnten die Menschen der »klassischen Moderne« noch halbwegs das Gefühl haben, ihre Identität in einer gerichteten Zeit stabilisieren zu können, so geht heute die Balance zwischen Beharrung und Beschleunigung verloren. Es ist die Zeit selbst, die sich »entzeitlicht«, was für Rosa heißt: Wir entscheiden nicht mehr im Licht zeitstabiler Werte, sondern bestimmen unsere Handlungsziele im Vollzug der Handlung, also in der Zeit selbst.
- Datum 26.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 26.01.2006 Nr.5
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Liebe/r Autor/in
Wir leben nicht in der Zeit, wir sind die Zeit. Deswegen ist es nicht ganz unerheblich, was wir machen, wie wir leben. So schön und gelahrt schreiben wie Du kann ich nicht.
Warum nicht? Ich hatte keine Zeit dafür, viel politische Arbeit oder sagen wir mal mitmischen, mitdenken, mithandeln.
Und deshalb trau ich mich, dir zu sagen, dass mich folgender Satz in deinem Beitrag nervt: Noch verteidigen die Gewerkschaften die, die noch Arbeit haben.
Ich habe mich dort nicht Zeit meines Lebens herumgetrieben, um so einen Satz unwidersprochen stehen zu lassen ( hoffentlich bist du nicht einer meiner Brüder, die bringen so viel Gelehrsamkeit auch machnmal da, wo genaues Hinsehen ausreichen würde - eine Schwester von mir könntest du nicht sein ).
Die Gewerkschaften haben Großes geleistet und sie haben nie nur die beachtet, die noch Arbeit haben. Ich wünsche den Gewerkschaften in den laufenden Tarifverhandlungen alles Gute und wenn Du Dich dort nicht vertreten siehst, gehe dahin, wo Du vertreten wirst oder besser, organisier selbst was.
Leute, die so schreiben können wie Du, müssen vielleicht nicht immer auf Organisationen schauen.
Wenn es keine Gewerkschaften geben würde, würde ich helfen, sie neu zu denken. Geschichte ist machbar.......
Zum Artikel von Herrn Assheuer:
wieder sehr informativ und im Übrigen hoffe ich, dass ich - im positiven Sinne - das Buch nicht lesen muss.
Ich verlasse mich auf ihn
Die wichtigste Botschaft, die sich fuer uns alle aus dieser Studie ergibt, dass es nichts fruchtet, sich dieser Beschleunigung in den Weg zu stellen. Dass diese Entwicklung im wesentlichen vom Westen ausging, hat fuer den momentan zurueckgefallenen Rest der Welt zu eine Entscheidungsschwelle gefuehrt: Machen wir mit? Oder lehnen wir uns dagegen auf? Die meisten haben laengst mitgemacht und den Westen teils sogar noch ueberholt. Die islamische Welt hingegen, und das ist ihre Tragik, versucht sich dagegen aufzulehnen und die Zeit zurueckzudrehen.
Durch Jahrhunderte bewusster Abschliessung von westlichen Ideen und westlichen Werten hat der Islam jeglichen Anschluss nicht nur verpasst, sondern bewusst vermieden. Fast kein westliches Buch wurde jemals ins Arabische uebersetzt. Doch die Zeit eilt weiter und wir eilen mit. Sich dieser Entwicklung zu widersetzen, ist sinnlos. Das geht deutlich aus dieser Studie hervor.
Der Autor bezweifelt das Gelingen eines neuen "Equilibriums",
wie schade !
Safranski: " Wenn der Absolutismus der Gegenwart durch das
Bewußtsein von Zeit gebrochen wird, hört die Geborgenheit
im Hier und Jetzt auf. Der Horizont der Zeit wird zur Drohkulisse".
Jedoch immerhin, es scheint ein partikuläres Bewußtsein
zu existieren, ein Unbehagen in und mit der Zeit, scheinbar jedoch getrennt durch interdisziplinäre Grenzen. Der soziologische Bewußtsein
ist nicht kongruent mit dem philosophischen, selbst das
psychologische geht nicht konform mit dem psycho-analytischen, das politische bewußtsein wiederum
unterliegt den von Hartmut Rosa zurecht dargestellten
Globaliesierungs-Mechanismen.
Die durch die Sachzwanglogik produzierten Arbeitslosen
scheinen quantitativ noch nicht genug, um in der Gesellschaft eine spürbare Stimme zu erhalten. Nun,
das mag sich bald ändern, denn die Konzerne werden ihre
Gewinne weiterhin mit immer weniger Menschen steigern.
Noch liegt die Macht beim Kapital.
Tatsächlich verliert die Politik noch an Einfluß.
Noch verteidigen die Gewerkschaften die, die noch
Arbeit haben.
Noch haben die Arbeitslosen keine Stimme.
Doch wir alle spüren, dass dieser Prozess unheilvolle
Formen annimmt, wir registrieren einen Machtverlust der
SPD durch die Abspaltung der Linken, wir beobachten brennende Autos in Frankreich - und noch sind die Feuer
scheinbar löschbar, beherrschbar.
Doch wir spüren - und denken an Schillers Glocke ("wohltätig
ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,... doch furchtbar wird die Himmelskraft, wenn sie der Fessel sich entrafft ...), daß der herrschende Kapitalismus so, wie er sich darbietet, uns zwingt, seine
Gesetze anzunehmen, wenn wir uns von ihm befreien wollen ...
ein schales Gefühl....
Ich denke, eine Allianz aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Politik, eine Allianz, die die Natur des
Menschen aufnimmt und dadurch weltweit Präferenzen
verändert, ist sehr wohl in der Lage, mit Geduld,
weitblick und Bewußtsein für das Sein in der Zeit,
Wertmaßstäbe zu generieren, die im Moment noch undenkbar
erscheinen .....
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