Dieser Film, laut Untertitel kein Märchen, geht nicht gut aus. Aber deutlich Märchenhaftes kann man ihm nicht absprechen, anarchistische Fröhlichkeit schon gar nicht. Vera Chytilovás Tausendschönchen, im Prager Vorfrühling des Jahres 1966 realisiert, wirkt wie erfunden aus dem Geist des Happenings. Konfrontation, Provokation ist Absicht, er möchte den Spießer im Kinosaal herausfordern. Der lustvoll vorgetragene Angriff ist durchaus ernst, aber nicht bitter. Im Vorspann unterbrechen Bilder von Bombardements, Flugzeugangriffen, Zerstörungen das unaufhörliche Arbeiten einer mechanischen Apparatur, die durchaus auch zu einem Projektor gehören könnte. Am Ende sagt ein Titel, Tausendschönchen sei denen gewidmet, die sich nicht nur über das Zertreten eines Salatbüffets empören können. Zwischen den Aufnahmen realer Kämpfe und den inszenierten Grenzverletzungen der Hauptfiguren Maria I und Maria II spannt sich der Bogen des Films. Er zielt auf das Ganze, die politische Verfassung der Welt und aktiviert dagegen die beiden Frauen, die sich am Anfang eingestehen, alles, aber auch alles sei verdorben, so könnten auch sie: verdorben sein.

Tausendschönchen zielt auf die Bequemlichkeit und Zufriedenheit, Ignoranz und Selbstherrlichkeit seiner Gesellschaft. Als die galt: Europa oder die Erste Welt. Seine Regisseurin Vera Chytilová schickt jedoch die beiden Marias, gespielt von Laien - Jitka Cerhová und Ivana Karbonová -, in Exkursionen, die vergleichsweise harmlos wirken. Sie nehmen ältere Männer aus, vertilgen lustvoll große Mengen an Speisen, präsentieren sich hilflosen Liebhabern in naivster Pose, ruinieren ein Festbankett. Symbolische Bezüge sind unübersehbar, doch werden sie nie bis zur Blasphemie getrieben. Als Maria und Maria in ihrer finalen Zerstörungsorgie einen ganzen Saal samt Speis und Trank ruiniert haben, fallen sie, nach einem der häufigen sprunghaften Schnitte des Films, ins Wasser. Sie drohen zu ertrinken, man versucht, sie zu retten, aber dann lassen die Männer doch davon ab - warum sollte das Asoziale, Nichtangepasste gerettet werden? Im bösen unhappy ending schlummert ein noch böserer Versuch zum Happy End. Wie der eingeblendete Zwischentitel sagt: Allenfalls hätte die zwei versuchen können, den Schaden wiedergutzumachen. Eingetreten aber ist er bereits, reparabel nicht. So lasst sie halt dahingehen, ihr, die ihr euch über zertretene Salate mehr aufregt als über Kriege und Verbrechen an der Menschheit!

Im gleichen Produktionszeitraum, als die Defa mit ihren dann allesamt verbotenen Filmen versuchte, innerhalb des Studiosystems und weitgehend mit der Sprache des Erzählkinos (Selbst-)Kritik an der sozialistischen Gesellschaft zu üben, realisierten Regisseurinnen und Regisseure in Osteuropa subversivere Filme, mit Hang zu Groteske, Überspitzung und Surrealismus.

Chytilovás Tausendschönchen ist ein Klassiker dieser ganz und gar unklassischen Filme.

Der Autor wird am 1. April neuer Direktor des Filmmuseums Berlin