Politik im Fernsehen ist eine Zumutung; das weiß auch Marietta Slomka. Politik im Fernsehen ist gleichzeitig eine Chance; auch das weiß Marietta Slomka. Also lächelt sie während ihren Moderationen, sie strahlt sogar, könnte man sagen, als gäbe es wunderbare Sachen zu verkünden. Und dann sagt sie ein Wort und hebelt damit den ganzen heiligen Verkündigungsernst aus, der das deutsche Fernsehen so oft befällt. BILD

»Schwupp« ist so ein Wort. Und schwupp, da war der Kanzler weg; und schwupp, da hatten wir ein Loch im Bundeshaushalt; »und schwupp, da hatte der Minister den Schwarzen Peter«. Das mit dem Minister hat Marietta Slomka in einer ihrer ersten Moderationen im heute journal gesagt – was gab es damals für einen Ärger! So ein Wort gehört nicht ins deutsche Fernsehen, hieß es in der ZDF-Konferenz. Das war nicht 1955, sondern 2001. Eine Art Schwellenjahr für die Ironie in der politischen Berichterstattung.

2001 fing Marietta Slomka beim heute journal an; 2001 fing Anne Will bei den Tagesthemen an. Es gab schon den Zynismus im deutschen Fernsehen, dafür war seit ein paar Jahren Harald Schmidt zuständig. Es gab das moralisierende Menscheln, dafür war Johannes B. Kerner angestellt. Und es gab die staatsmännischen Schmunzler, Ulrich Wickert etwa, der sich ja durchaus von den Dingen distanziert, die er da anmoderiert, aber eben auf diese etwas glucksende und nach innen gewandte Art. Was es nicht gab, das waren Frauen, die schön waren und schnell im Kopf und intelligent genug, das alles nicht zu ernst zu nehmen.

»Es gab immer die Behauptung, dass Ironie im Fernsehen nicht funktioniert«, sagt Marietta Slomka. »Das stimmt meiner Meinung nach überhaupt nicht. Es kommt nur darauf an, wie Sie Ironie einsetzen und kenntlich machen.«

Marietta Slomka lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück und streckt die Arme. Sie trägt einen hellblauen engen Rollkragenpullover, der immer heller wird, von unten nach oben, und einen hellblauen Gürtel, der kleine Steine hat, die funkeln. Die Jeans sind eng, die Turnschuhe sind weiß, ihre Füße hat sie gegen die Schreibtischkante gestemmt. Es passt auch kaum mehr in den winzigen Redaktionsraum im ZDF in Mainz als dieser mit Blättern übersäte Schreibtisch und noch ein Stuhl, auf dem sich Zeitungen stapeln und Briefe. Marietta Slomka findet diese etwas absurde, beengte Situation ganz offensichtlich sehr amüsant. Aber sie trinkt ihren Kaffee ja auch aus einer Tasse, deren Henkel abgebrochen ist.

»Männern fehlt manchmal eine gewisse Selbstdistanz«, wird sie später noch sagen, als es um die Frage geht, ob und warum gerade Frauen wie sie und Anne Will oder auch Maybrit Illner und Sandra Maischberger so erfolgreich und gut sind. »Vielleicht sind sie manchmal zu sehr von sich selbst erfüllt, vom eigenen Ich.« Sie ist heiter und entspannt und offen und konzentriert. Das ist die Selbstsicherheit, die Ironie bedingt. Das ist die Selbstdistanz, die bei Slomka nicht journalistisches Prinzip ist, sondern Lebenspraxis.