Wo kommen Journalisten eigentlich her, aus welchem sozialen Milieu? Eine Archiv-Recherche ergibt, dass sich mit der Herkunft der aktuellen Journalistengeneration noch niemand recht beschäftigt hat. Ihre eigene Sozialisation haben Journalisten als Gegenstand offenbar nicht im Blick. Googelt man »Herkunft von Journalisten«, stößt man nur auf vier Links. Sie berühren das Thema nur am Rande, man kann beispielsweise die Besprechung einer wissenschaftlichen Arbeit zur Herkunft von Journalisten in Österreich um 1945 lesen.

Siegfried Weischenberg, Journalistikprofessor an der Universität Hamburg, hat vor 13Jahren eine empirische Bestandsaufnahme der Medien, Personen und Tätigkeiten erstellt, die den Journalismus ausmachen. Die Studie Journalismus in Deutschland ergab wenig Überraschendes: 1993 waren etwa 55 Prozent der Eltern von Journalisten Angestellte und Beamte, 10 Prozent aller Journalisten kamen aus dem Arbeitermilieu, der Rest verteilte sich auf Selbstständige und Oberschicht. Weischenberg aktualisiert derzeit diese Studie, die voraussichtlich im März neu veröffentlicht wird. Sie ergibt, dass nunmehr 67 Prozent aller Journalistenväter und 61 Prozent der Mütter aus der Mittelschicht (Angestellte und Beamte) kommen und nur noch gut 8 Prozent der Väter und 3 Prozent der Mütter den Unterschichten angehören.

Mehr als die soziale Undurchlässigkeit im Journalismusbetrieb beunruhigt Weischenberg jedoch die Tatsache, dass Journalisten immer stärker eine in sich abgeschlossene Lebenswelt bilden. Er befragte 1500 Journalisten nach ihren drei besten Freunden. »Die große Mehrheit von Journalisten«, sagt Weischenberg, »haben ausschließlich Freunde, die auch Journalisten sind.« Zudem beriefen sich immer mehr Medien in ihren Beiträgen auf Beiträge anderer Medien. Ein fataler Kreislauf. Denn das führe zu einer letztlich verfälschten Wahrnehmung von Wirklichkeit, da Journalisten lediglich ihre eigene, in sich geschlossene Medienwelt kennten, so Weischenberg.

Die beiden Ergebnisse der Studie – Abnahme sozialer Durchlässigkeit im Journalismus und Zunahme der Selbstreferenzialität – verwundern Ingrid Kolb, 64, nicht. Kolb war elf Jahre lang Leiterin der renommierten Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Sie erinnert sich, dass noch in den sechziger Jahren ein abgeschlossenes Hochschulstudium kein wesentliches Kriterium für eine Journalistenkarriere war. Besonders die Nachkriegszeit habe Lebensläufe hervorgebracht, in der man selbst ohne Schulabschluss Journalist wurde. Das habe sich radikal gewandelt. Ohne abgeschlossenes Uni-Studium habe man kaum noch eine Chance auf ein Volontariat bei einer überregionalen Tageszeitung oder auf einen Ausbildungsplatz in einer Journalistenschule. »Damit geht etwas verloren: Der Blick auf andere Milieus, andere Welten«, sagt Kolb. Sie klagt, dass die Journalistenkarrieren »mainstreamiger« geworden seien.

An der Henri-Nannen-Journalistenschule ist eine Aufnahme ohne Vorqualifikation theoretisch möglich. Doch nur selten würden Bewerber ohne Uni-Abschluss oder aus bildungsfernen Schichten die Eingangstests bestehen, sagt Kolb. Wer sich dort um einen Ausbildungsplatz bewirbt, wird mit etwas Glück zu einem Bildertest eingeladen und muss beispielsweise den Schauspieler Michael »Bully« Herbig erkennen. Auch sollte er wissen, welche Auszeichnungen Alice Schwarzer 2004 erhalten hat und in welcher Ballade von Schiller die Zeile »Mir grauet vor der Götter Neide« steht. Von der Schiller-Frage abgesehen, weiß die Antwort nur, wer täglich intensiv Medien konsumiert. Schaffen diese Auswahlbedingungen nicht bereits ein in sich geschlossenes Milieu? Kolb verneint, weil Informationen sehr unterschiedlicher Medien abgefragt würden.

Der journalistische Mainstream trübt die Wahrnehmung für andere Lebenswelten als die eigenen – wer lieber in Kollegenkreisen den Lauf der Dinge diskutiert, als selbst nachzuspüren, koppelt sich automatisch von der Realität ab. Empathie kann eigene Erfahrung nicht ersetzen, das zeigte der letzte Bundestagswahlkampf, als die Journalisten fast geschlossen eine politische Wechselstimmung witterten. Dass dies mehr mit ihrer eigenen Lebenswelt zu tun hatte als mit der bundesrepublikanischen Wirklichkeit, belegte eindrucksvoll das Ergebnis.