Wenn es derzeit einen Trend gibt in der Kunst, dann ist es der Trend zum Diebstahl. Ein Trend zum Abhandenkommen und Plötzlichwegsein. Der Trend ist so stark, dass manche Städte neuerdings so genannte Kunstklappen einrichten. In Wien und Köln gibt es sie bereits, dort sollen ehrliche Finder und reumütige Diebe die verschwundene Kunst zurückgeben können. Tatsächlich lag in einer solchen Klappe eines Tages auch die berühmte Saliera, die vor drei Jahren dem Kunsthistorischen Museum in Wien gestohlen worden war. Allerdings war es nicht die echte, viele Millionen Euro teure Skulptur, sondern nur ein nachgeknetetes Exemplar mit viel Goldfarbe drauf.

Um an das Original zu kommen, musste am Ende doch die Polizei ran. Sie verhaftete am Wochenende den Dieb, einen Experten für Alarmanlagen, dem aufgefallen war, wie schlecht das Museum die Saliera verwahrte. Er musste nur aufs Baugerüst klettern, das Fenster aufhebeln, mit dem Messer eine Jalousie durchtrennen, schon hatte er die Goldskulptur im Sack. Er war kein ausgekochter Kunstmafioso. Er sah nur die Gelegenheit. Wie auch viele andere die Gelegenheit sehen, günstig an Kunst zu kommen. Sogar an sehr große Kunst.

So meldete Madrid vorige Woche, eine Stahlskulptur von Richard Serra, 38 Tonnen schwer, sei abhanden gekommen, einfach weg. 15 Jahre lang hatte sie niemand vermisst, sie war eingelagert worden. Nun erst fiel der Verlust auf, die Lagerfirma weiß nicht mehr, wohin die vier Stahlblöcke geraten sind. Vermutlich fahren sie durch China, als VW-Karosserien. Oder sind sonst wo auf dem globalen Stahlmarkt verhökert worden.

Ähnliche Verlusterscheinungen auch in der Schweiz: Dort sammelt der Kanton Zürich fleißig Kunst, um damit Büros und Warteräume zu schmücken. Vor kurzem stellte sich bei einer großen Zählung heraus: 2052 Werke fehlen. Nach den 50 wertvollsten Stücken wird per Strafanzeige gesucht. Und die übrigen 2002? Die gelten als mehr oder minder verschollen. Kunst ist halt längst ein Massenartikel, es gibt sie im Überfluss. Und Schwund ist immer und überall.

Mancherorts organisiert den Kunstschwund gar der Staat, in Holland etwa. Da werden Künstler so üppig gefördert, dass niemand mehr weiß, wohin mit all den angekauften Werken. Nach den Butterbergen gibt es nun Kunstberge, und systematisch werden sie abgebaut – durch Vernichtung.

Klug also die Künstler, die dem allgemeinen Abhandenkommen vorbeugen und selbst Zerstörer werden. Jörg Brombacher etwa schreddert Bilder, Skulpturen, Videos und nennt die Kunstzerkleinerung Kunst. Andere mögen lieber das Zartschwindende, der dänisch-chilenische Künstler Marco Evaristti zum Beispiel. Er hat in Grönland einen treibenden Eisberg blutrot angemalt, wohlwissend, dass sein Kunsteis in den ersten Frühlingswinden melancholisch zerfließt und sich selbst abhanden kommt.