Medien-Spezial

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Poschi, Waldi, Töppi – nirgends sind Journalisten so harmlos wie im Sport. Ein »Netzwerk« von Reportern will das ändern

Wer wissen will, wie es um das Verhältnis zwischen Sport und Medien bestellt ist, darf beim Fußball nicht aufs Spielfeld schauen – ein Blick zur Pressetribüne gibt da mehr her: Samstagnachmittag, 17 Uhr, erste Bundesliga. Spitze Schreie und geballte Fäuste unter Journalisten, wenn »ihr« Verein endlich das 1:0 erzielt, dem Europacup ein wenig näher kommt und damit der ganze Tross den schönen, weiten Reisen. Madrid, Mailand, Manchester.

Was dabei herauskommt, nennt man »1:0-Berichterstattung«. Flanke, Kopfball, Tor, Jubel allerorten. Diese Art von Journalismus ist noch die harmloseste Variante einer nicht mehr zu übersehenden Nähe zwischen Sportlern und Reportern, die Zeitungsleser – vor allem aber Fernsehzuschauer – immer häufiger enttäuscht, weil es bei mancher Sportübertragung schlimmer heimelt und tümelt als im Musikantenstadl: Da sind ja nicht nur die quietschvergnügten Außenreporter bei der Vierschanzentournee, die Jacken tragen, als gehörten sie zum Trainerstab. Da ist auch die »Duzmaschine« Waldemar Hartmann, die zuverlässig vorführt, wie man sich mit dem Objekt seiner Berichterstattung nicht gemein machen sollte. Da sind Hagen Boßdorf und Jürgen Emig von der ARD, denen es über Jahre gelang, bei der Tour de France das Thema Doping klein zu reden – wohl auch deshalb, weil ihr Sender sich nicht zierte, Sponsor des Teams Telekom zu sein. Gegen Emig und seinen Kollegen Wilfried Mohren vom MDR ermittelt seit einiger Zeit die Staatsanwaltschaft. Die beiden werden verdächtigt, Schmiergeld von Sportfunktionären verlangt zu haben. Als Gegenleistung für Sendezeit.

Nun hat der kleine Jubeljournalist im Stadion nicht viel mit dem kriminellen Kollegen gemein, der Positivberichterstattung in Sendeminuten verkauft. Viele Journalisten, hat der BBC-Reporter Declan Hill einmal geschrieben, klammerten sich einfach »verzweifelt an den Glauben, Sport sei eine Art Elysium, in dem Erwachsene wie Kinder spielen«. Im Sport ist das besonders verführerisch, weil der Erfolg des umjubelten Athleten (oder Clubs) den Erfolg des ihn umjubelnden Journalisten zu bedingen scheint: Madrid, Mailand, Manchester.

Wer aber immer gut findet, worüber er berichtet, fragt bald nicht mehr nach Doping, Korruption und sonstigem Betrug.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit, haben die Sportreporter seit Jahren das richtige Maß von Distanz und Nähe in ihrem Beruf debattiert. Es gab kleine Kämpfe, jeden Tag, bis Redaktionsschluss: Wie groß machen wir die Dopingmeldung? Sollen wir uns freuen auf die WM? Machen wir ein unterhaltsames Interview oder ein enthüllendes Porträt?

»Uns geht es um Recherche statt Quote, um Distanz statt Nähe«

Jetzt, fünf Monate vor dem Beginn der Fußballweltmeisterschaft und damit gerade rechtzeitig für Leser, Hörer und Zuschauer, wird die Debatte publik: 24 Sportjournalisten haben ihren Austritt aus dem Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) erklärt und eine neue Organisation namens Sportnetzwerk gegründet. Zu ihnen gehören Klaus Hoeltzenbein und Thomas Kistner von der Süddeutschen Zeitung, Herbert Fischer-Solms vom Deutschlandfunk, Jörg Winterfeldt von der Welt, Anno Hecker von der FAZ und der Initiator des Ganzen, Jens Weinreich von der Berliner Zeitung. Weinreich sagt, er wolle »Antikörper gegen die WM-Grippe anbieten«. Natürlich ist das Provokation und Profilierung; doch es geht um mehr als Vereinsmeierei. »Uns geht es um Recherche statt Quote«, schreiben die Reporter in einem offenen Brief, »um Distanz statt Nähe, um Analyse statt Stimmungsmache, um Berichterstattung statt Präsentation – also um journalistische Qualitätssicherung«. Ein Bemühen, das sie in ihrem ehemaligen Verband kaum mehr fänden. So hatte Erich Laaser, VDS-Präsident und Sat.1-Kommentator, auf die Kritik der Stiftung Warentest an der Sicherheit einiger WM-Stadien mit einem Artikel in der Verbandszeitschrift reagiert. In dem rief er dazu auf, den WM-Ausrichtern mit »Respekt« zu begegnen, auf dass es »störungsfreie Spiele« gebe.

Die Gruppe um Weinreich antwortet ambitioniert mit Gabriel García Márquez, der einst schrieb, »dass investigativer Journalismus keine eigene Sparte des Berufs ist, dass vielmehr jeder Journalismus per definitionem investigativ sein muss«, also kritisch hinterfragend.

Oft wurde Weinreich, der für Recherchen über finanzielle Unkorrektheiten im Zuge der Leipziger Olympia-Bewerbung mit dem renommierten Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet wurde, als Eiferer abgetan, als »verbiestert« und als »Spalter«, wie er sagt. Wenn er Kollegen zu wenig Kritik vorwarf, wurde ihm zu viel Kritik vorgehalten. Zum einen ist das der übliche Reflex der Ertappten, zum anderen aber dürfte es auch daran liegen, dass in manchen Artikeln Weinreichs vor lauter Distanz schon vom »Paten« die Rede war, bevor der Name des ehemaligen IOC-Präsidenten Samaranch fiel, von grundsätzlich dubiosen Funktionären – Stereotype, die Kollegen wie beispielsweise Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung nicht nötig haben. Der präsentiert seine politischen Enthüllungen sachlicher und souveräner im Ton.

In der Sache aber, und die ist das Wesentliche, hat Weinreich immer Recht behalten – und als sich das Sportnetzwerk am 21. Januar der Öffentlichkeit präsentierte, moderierte Leyendecker die Veranstaltung. Um im Bild zu bleiben: Einen besseren Trainer kann man nicht kriegen.

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    • Von Henning Sußebach
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT 26.01.2006 Nr.5
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