Im zwölften Stock des WDR-Archivhauses in Köln residiert der Chef der Sportschau, Steffen Simon. Er schüttelt seine Locken. Nein, Schadenfreude gegenüber Premiere empfinde er nicht. Der Pay-TV-Sender ist beim jüngsten Poker um die Live-Rechte für die Fußballbundesliga leer ausgegangen. Aber in der Gilde der Sportjournalisten ist man auch den Konkurrenten kollegial verbunden. Stolz ist Steffen Simon dennoch. Darauf, dass die Sportschau so erfolgreich ist, in einem optisch erneuerten, weltweit einzigartigen Studio mit 11,5 Metern Grafikfläche Pionierarbeit leiste und sein Team so viel so schnell auf die Beine gestellt habe. Durchschnittlich schauen 1,5 Millionen Zuschauer mehr die Bundesliga in der Sportschau an als zuvor in der Sat.1-Sendung ran. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen ist es fast logisch, dass Steffen Simon die journalistische Kritik an seiner Sendung für überzogen hält. Dass sie in einem offenen Brief von besorgten Fußballintellektuellen sogar als "Werbe-Gameshow" kritisiert wurde, bringt ihn regelrecht in Rage.

Eine gut eingefädelte Roadshow, das klare Votum der Politik von Kurt Beck bis Edmund Stoiber und die nüchterne Rechnung der Vereine, dass die Sportschau- Reichweite entscheidend ist für Sponsorengelder, haben dazu geführt, dass alle Versuche des Bezahlsenders Premiere, die Sportschau an den Rand zu drängen, für die nächsten drei Jahre gescheitert sind. Jetzt will die Mutter aller Fußballsendungen in der Rückrunde erst recht beweisen, was Vereine, Sponsoren und vor allem die Zuschauer an ihr haben.

Die Sportschau ist beides: Publikumsmagnet und wichtigste Verwertungsplattform der Deutschen Fußball Liga (DFL). Sie präsentiert das "Event" Bundesliga werbekompatibel – und berichtet zugleich darüber. Ist eine derartige Doppelfunktion Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Sendens? Sponsoreninteressen hätten keinerlei Einfluss auf den Journalismus, sagt Steffen Simon. Diesbezüglich ist er eher selbst- als problembewusst.

Der Ball rollt in seiner Sendung nicht mal 60 Minuten, die restliche halbe Stunde Sendezeit ist Schau. Und selbstverständlich färbt das eine das andere. Ein Seitenblick auf die Tribüne zur hübschen Spielerfrau Sylvie van der Vaart ist auch im Spielbericht der Sportschau erlaubt. Dennoch sei die Differenz zu ran klar, sagt Simon: "Weniger Werbung, weniger Gimmicks, volle Konzentration auf die Spiele."

Simon ist der Chef, aber Jürgen Wiemers ist der König der Teaser, Trailer und Jingles. Obgleich nicht fest angestellt, hat er sich im WDR ein eigenes Reich aus High Tech, geübten Cuttern und feinster Grafik geschaffen. Er sorgt für die moderne, glitzernde Oberfläche der Sportschau, bei der nicht mehr so leicht zu unterscheiden ist, wo die Ästhetik der Sendung endet und die der Werbung beginnt.

Mehrmals im Laufe jeder Sendung wird der Bildschirm gesplittet: links Werbung, rechts Fakten – die torlosen Minuten von Stürmer X, die wievielte Heimpleite von Mannschaft Y. Das Material dafür, aber auch für die journalistische Vorbereitung der Sendung liefert die in München ansässige Firma IMP (Innovative Medientechnik und Planung). Sie ist fester Vertragspartner der DFL und versorgt alle Sender mit Daten. Der Moderator, die Kommentatoren und die ihnen jeweils zugeordneten Stadionredakteure bekommen einen dicken Stapel Papier mit Tabellen, Statistiken; sogar die Stärken und Schwächen der Mannschaften und einzelner Spieler werden hier aufgelistet – bis hin zum Geburtstag des Abwehrrecken am Spieltag. Nur zu diesem Zweck arbeiten zwei Redakteure der IMP fest in der Kölner Redaktion. Allenthalben bemerkt man einen gewissen Statistikfetischismus.