Ungarn im Unklaren

Bezaubernd: Der Roman Ruhe von Attila Bartis von Adam Olschewski

Die Mutter nervt, aber sie ist unvermeidlich. Das wäre ungefähr die vorrangige Aussage von Attila Bartis' Roman Die Ruhe. Ein Roman über die Wende in Ungarn mag es auch sein - der Autor ist bald 40 Jahre alt und hat beide Ungarn erlebt - allerdings nur am Rande. Wichtiger als das Ungarn der Umbruchzeit ist hier eine zwingende Atmosphäre von beunruhigender Unklarheit, in der alles, vor allem der Einbruch des Unsagbaren, möglich ist. Unklarheit allerdings kann leicht als Schwäche ausgelegt werden. Bartis aber bezaubert durch eine Mischung aus Suggestion und Tatsache, deren Wirkung man sich schwer entziehen kann, ungern entziehen möchte.

Ein junger Mann lebt mit seiner Mutter, einer ehemaligen Schauspielerin, in Budapest. Er erzählt die Geschichte. Und er schickt der Mutter Briefe, die er im Namen seiner verstorbenen Schwester verfasst - die Mutter horcht ihn aus, er bockt und entkommt ihr doch nicht, hat Affären, die die Mutter missbilligt, verliebt sich und betrügt, geht in die Kneipe, nichts Außergewöhnliches.

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Bartis arbeitet als Fotograf. So erklärt sich vielleicht die besondere Beobachtungsgabe, deren Resultate ins Buch dicht gedrängt Eingang finden.

Unerklärlich bleibt die atemraubende Stilsicherheit, für die zweifelsohne Agnes Relle mitverantwortlich ist, eine Übersetzerin, die einer Terézia Mora oder Christina Viragh ebenbürtig scheint.

Man könnte jetzt schwelgen. Denn Bartis verfügt nicht nur über eine geschickte und anmutige Art, indirekt zu erzählen, da und dort ein Wort fallen zu lassen, das eine Person rasch kennzeichnet oder einen Augenblick greifbar festhält, er reiht eine überraschende Beobachtung an die andere, wird eigenwillig, aber nie unglaubwürdig. Er dringt genauso erzählfreudig ins Wesen des Bahnarbeiters ein, wie er mit geringem Aufwand Marktleute beschreibt, die Fische mit Knüppeln töten, der Liebesakt wird kompromisslos und direkt, aber auch kunstvoll aufgezeichnet. Auch die Konzentration auf die Mutter als die Schaltzentrale für jedwede menschliche Regung ist, in Anbetracht der kraftvollen Zeichnung dieser Figur, allzeit schlüssig.

Bartis agiert exakt an der Schwelle zwischen Realität, Traum und Wachtraum, wobei er das Geschehen ins Dunkel taucht - von der Mutter gibt es kein warmes Bild, die Figuren sind durchgängig verzweifelt oder gescheitert. Sowohl die Wirklichkeit als auch deren Abwesenheit werden lebendig, Erzählformen gehen ineinander über. Manchmal wird in einem einzigen Satz geredet und gehandelt und gedacht, alles in einem Atemzug also. Das schafft Dringlichkeit, Tempo.

Alles ist eins.

Weniger gefallen müssen die selbstreferenziellen, allzu konstruierten Momente, die Tatsache etwa, dass der Ich-Erzähler ein Schriftsteller ist, der sich über Thomas Mann auslässt. Und, der gravierendste Einwand: Es fehlt hier an Entwicklung. Die Hauptfigur tritt nicht wenig auf der Stelle. Sie muss über die Dauer des Romans mit lediglich einer Hand voll Merkmale auskommen, besteht vorwiegend aus Zwängen, zeigt sich emotional unscharf, sonst aber scharfsinnig ... Das ist sicher ein sehr herber Entwurf des Menschen. Wer ihn aushält, gewinnt dennoch.

Attila Bartis: Die Ruhe

Roman - aus dem Ungarischen von Agnes Relle - Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.

2005 - 300 S., 22,80 e

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