Ja, das Türkentum war bedroht, nichts Geringeres als das und dazu noch der Zusammenhalt des türkischen Staates. So viel Gefahr ging aus von einem Manne, der bisher eigentlich den türkischen Ruhm in der Welt zu mehren pflegte: Orhan Pamuk. Der Schriftsteller wagte einer westlichen (ausgerechnet!) Zeitung zu Protokoll zu geben, dass in der Türkei eine Million Armenier und 30 000 Kurden ermordet wurden. Das ist zwar richtig, aber das Richtige auszusprechen war falsch, schlimmer: eine Straftat - zumindest aus der Sicht türkischer Nationalisten und patriotischer Richter.

Deshalb zerrten sie Pamuk vor Gericht, unter den Augen der Welt, die sich fragte, ob die türkische Justiz sie noch alle beisammen habe. Nun hat die Regierung den Irrsinn beendet und den Prozess gegen Pamuk einstellen lassen.

Das Problem ist damit jedoch keineswegs beseitigt. Noch stehen zwei Dutzend Journalisten und Schriftsteller unter Anklage. Sie alle sind weitaus unbekannter und deshalb schlechter geschützt als Pamuk. Denn noch ist der Strafrechtsartikel 301 über die Verunglimpfung des Türkentums in Kraft, der so windelweich formuliert ist, dass er alles unter Strafe stellt, was türkische Nationalisten nicht über ihr Land hören wollen.

Die Regierung wird also nicht nur Pamuk exkulpieren, sondern auch ihr just reformiertes Strafrecht überarbeiten müssen. Das mahnt auch die EU an, ist aber vor allem eine Frage der Selbstachtung. Denn wenn irgendjemand die Türken in der Welt verunglimpft, dann sind es die türkische Justiz und die Regierung, die Nationalisten zu lange gewähren lassen.