Eine aus Frankreich stammende Portugiesin in Wien: Sandra Cavaco, 37, bildet bei Ärzte ohne Grenzen Krankenschwestern, Ärzte und Logistiker für ihre Hilfseinsätze aus. Erfahrungen dafür hat sie in Mosambik und Angola gesammelt.

Professionelle Ausländerin. Ich wurde in Frankreich als Kind portugiesischer Eltern geboren. Ich hatte immer einen Ausländerausweis bei mir. Und plötzlich, als ich 18 wurde, kam ein Brief: Wir freuen uns, Ihnen hiermit die französische Staatsbürgerschaft verleihen zu dürfen. Ich spreche Französisch ohne Akzent, ich habe in Frankreich studiert, ich weiß, was man über das Leben in Frankreich wissen muss – aber Ausländerin bin ich trotz dieser Staatsbürgerschaft geblieben.

Seit dem 29. April 1998 lebe ich in Wien – sollte ich jetzt Österreicherin werden? Was würde das denn ändern? So oder so würde ich professionelle Ausländerin bleiben. Wir repräsentieren als Menschen ja viel mehr als nur eine Staatsbürgerschaft. Woher kommst du? Hast du studiert? In Europa sind solche Dinge wichtig. In Afrika interessiert das niemanden. Dort fragen einen die Menschen: Hast du ein Kind? Hast du einen Mann?

Ich habe in Angola und Mosambik als Logistikerin für einige Hilfsorganisationen gearbeitet. Einen Kulturschock habe ich dort nie erlebt. Abgesehen von Armut und Krieg war da nichts, was mich schockiert hätte.

Sonntag um eins. Den Kulturschock hat mir erst Österreich versetzt. Man denkt, dass Nähe die Dinge einfacher macht. Von Frankreich oder Portugal nach Wien – was ist das schon? Wir sind doch alle europäisch, katholisch, kulturell sehr ähnlich. Als ich in Wien zum ersten Mal Gäste hatte, sagte ich, sie sollen am Sonntag um eins zum Essen kommen. Genau das haben sie getan. Sie waren pünktlich um eins da, haben nach dem Essen einen Kaffee getrunken und sich verabschiedet. Ich war schockiert. Sonntag um eins heißt für mich, dass man isst, einen netten Nachmittag zusammen verbringt. Und später ein kleines Abendessen zu sich nimmt.

Diese Kleinigkeiten summieren sich. Die Menschen sind so pünktlich hier, ein Uhr ist ein Uhr. Bei minus acht Grad stehen sie im Freien und trinken Glühwein. Im Wartezimmer beim Arzt wird der Mann neben mir als "Herr Ingenieur" aufgerufen. Ein Titel ändert deine Identität.

Inzwischen empfinde ich die Stadt als sehr angenehm. Sie ist klein, ein bisschen provinziell, aber mit den Vorteilen einer Hauptstadt versehen. Wirklich ungewöhnlich ist, dass es keine schwarzen Menschen gibt. Keine Nordafrikaner. Mit meinem französischen Akzent zählt man mich zu den guten Ausländern. Aber fragen Sie mal meine Freundin, die aus Madagaskar kommt. Die hat Wien überhaupt nicht ertragen.