Banken Das Geldhaus mit den zwei Gesichtern
Die Deutsche Bank ist so erfolgreich wie lange nicht – und so zerrissen wie niemals zuvor
Die Deutsche Bank hat im vergangenen Jahr klotzig verdient und doch keinen Grund zu feiern. Wohl mehr als sechs Milliarden Euro Gewinn präsentiert Vorstandschef Josef Ackermann an diesem Donnerstag. Damit hat er geschafft, was noch vor wenigen Jahren unvorstellbar schien – eine Eigenkapitalrendite vor Steuern von 25 Prozent. Deshalb zuerst ein Lob: Seit Ackermann im Jahr 2002 die Position des Vorstandssprechers übernommen hat, hielt er alle Versprechen, die er seinen Aktionären gab. Und doch gibt es Grund zur Kritik. Denn die Bank ist stärker zerrissen als je zuvor.
Der Riss verläuft zwischen Investmentbanking und Privatkundengeschäft. Ihre Investmentbanker haben die Deutsche Bank zum führenden Haus in Europa im Geschäft mit Aktien, Anleihen und Übernahmen gemacht. Selbst weltweit zählt das Institut heute zu den Top fünf.
Und in Deutschland? Hier ist die Bank noch immer im Geschäft mit mittleren Unternehmen und Privatkunden stark – und hier trauen sich viele Mitarbeiter in der Öffentlichkeit kaum mehr zu erwähnen, für wen sie arbeiten. Die Deutsche Bank hat ein Imageproblem.
Vorstandschef Ackermann und sein Aufsichtsratschef Rolf Breuer haben Ärger mit der Justiz. Gleichzeitig spüren viele Mitarbeiter in Deutschland, dass sie ihre Interessen kaum gegen die im Konzern tonangebenden angelsächsischen Investmentbanker durchsetzen können. Jüngstes Beispiel: die Schließung des offenen Immobilienfonds Grundbesitz Invest. In den Filialen der Bank müssen die Mitarbeiter noch immer alles daran setzen, die zu Recht empörten Kunden zu besänftigen.
Die zwei Gesichter der Deutschen Bank, das strahlende internationale und das hässliche deutsche, sind die Kehrseite des betriebswirtschaftlichen Erfolges von Josef Ackermann. Als er die Führung der Bank von Rolf Breuer übernahm, wusste er zwar, was kurzfristig zu tun war, nicht aber, wohin er die Bank langfristig führen wollte. Kurzfristig musste Ackermann die verflochtene Bank neu aufstellen; dann ging es darum, endlich echte Gewinne zu schreiben und nicht nur Reserven aufzulösen und die alten Industriebeteiligungen zu verkaufen. All das gelang. Und heute, fast vier Jahre später?
Was die Deutsche Bank langfristig sein soll, hat Ackermann noch immer nicht formuliert. Eine europäische Universalbank? Eine global tätige europäische Investmentbank? Der Vorstandschef hat sich ganz passiv verhalten, er hat die Dinge sich entwickeln lassen, keine Strategie entworfen, keine Zukäufe getätigt. Deshalb ist die Deutsche Bank zu einer reinen Investmentbank mit angehängtem deutschen Privatkundengeschäft mutiert. Und deshalb haben die Vertreter der alten Deutschen Bank in der real existierenden Investmentbank nichts mehr zu melden. Der ungeheure Vorgang um Schließung des offenen Immobilienfonds hat das nur brüsk vor Augen geführt.
Mehr noch als Verluste fürchtet jede Bank um ihre Reputation, um ihr Vertrauen bei den Kunden. Das ist ihr eigentliches Kapital. Die Deutsche Bank aber hat ihre Reputation mit der bewusst herbeigeführten Schließung des sechs Milliarden Euro schweren Immobilienfonds sehenden Auges gefährdet. Zwar haben die für Deutschland zuständigen Banker in den obersten Führungsgremien – im Vorstand und im Group Executive Comittee – vehement vor der Schließung gewarnt und einen Vertrauensschutz für ihre Kunden gefordert. Sie baten darum, es allen anderen Banken gleichzutun, die ähnliche Probleme mit ihren Immobilienfonds gehabt haben: mittels frischem Geld die drohende Krise abzuwenden. Aber die Machtbalance stand gegen sie – und damit auch der Vorstandschef selbst. Wollten sich die anderen Führungskräfte das Rekordergebnis nicht durch eine Rettungsaktion verderben lassen? Sind die deutschen Privatkunden zu einer Quantité negliable verkommen? Gab es gar einen lukrativen Plan der Investmentbanker, auf dem Rücken des Privatkundengeschäfts das große Geld bei der Abwicklung des Immobilienfonds zu machen?
Die Antwort steht aus. Fest steht, dass die Bank mit gespaltener Zunge sprach, um die Schließung des Fonds herbeizuführen. »Die Marktsituation in Deutschland ist weiter schwierig und hat sich mittlerweile von der positiven Entwicklung im europäischen Ausland abgekoppelt« hieß es in der Mitteilung an den Vertrieb vom 9. Dezember, die die Einstellung des Verkaufs neuer Anteile am Grundbesitz Invest anordnete.
Kein Wunder, dass einen Arbeitstag später aufgebrachte Anleger versuchten, ihre Anteile zu verkaufen und dem Fonds so das Geld ausging. Nur vier Wochen vorher freilich hatte die Deutsche Bank gemeinsam mit Merrill Lynch drei deutsche Immobilien aus dem nun geschlossenen Fonds, neu verpackt als Immobilienaktie, an die australische Börse gebracht. Dort hieß es im Börsenprospekt: Die Mieten für erstklassige Objekte in Frankfurt und Berlin hätten sich im Jahr 2005 stabilisiert, und es werde erwartet, dass sie 2006 stiegen.
- Datum 01.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 01.02.2006 Nr.6
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