Arbeitsmarkt Du bist die Gewerkschaft
Kulturrevolution in der IG Metall: Nicht die Funktionäre, sondern die Mitglieder in den Betrieben machen Tarifpolitik
Wenn Fritz Janitz von seiner Arbeit erzählt, dann ist häufig von »Dienstleistungen« die Rede und von »hundertprozentigem Service«. Er präsentiert auf PowerPoint-Folien Erfolgsstrategien und kontrolliert die Leistung seiner Mitarbeiter mit Zielvereinbarungen: Rote Pfeile auf dem Computerschirm warnen vor Kundenschwund, grüne Pfeile stehen für Wachstum.
Fritz Janitz ist kein Sales-Manager bei irgendeinem Trendunternehmen. Er ist Funktionär der Industriegewerkschaft Metall und leitet die Verwaltungsstelle in Wuppertal. Der Gewerkschafter mit den glatten, nach hinten gekämmten Haaren verkörpert eine neue, moderne Arbeitnehmerlobby.
Wenn Bernd Schildknecht von seiner Arbeit erzählt, dann lautet der erste Satz: »Ich gehöre hier seit 31 Jahren zum Inventar.« Er steht der Verwaltungsstelle der IG Metall in Lüdenscheid vor und ist seit kurzem auch der Chef im benachbarten Werdohl-Iserlohn. Die Entwicklung seiner Mitgliederzahlen notiert Schildknecht mit rotem Filzschreiber auf einem gelben Aktendeckel. »Ich habe die Volksschule besucht«, sagt er, »und ich will mich nicht mehr in einen Computer einarbeiten.« Er ist traditionsbewusst und hat in seinem Büro ein historisches Dokument aufgehängt: Am 21. Oktober 1948 wurde hier die IG Metall gegründet. Der 56-Jährige mit Bürstenschnitt und grau meliertem Vollbart verkörpert eine alte, traditionsreiche Arbeitnehmerlobby.
Dennoch steht auch er für das Neue in der IG Metall. So verschieden Janitz und Schildknecht erscheinen, sosehr sich ihr Stil und ihre Methoden äußerlich unterscheiden, so sehr ähneln sich die Strategien der beiden Gewerkschaftschefs. Vor allem haben sie eines gemeinsam: Bei ihnen schrumpft die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder nicht – sie wächst. In Wuppertal zählte die IG Metall Ende vergangenen Jahres 1,2 Prozent mehr Beitragszahler, in Lüdenscheid waren es sogar sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor, das ist bundesweiter Rekord. Und in diesem Januar hat Schildknecht schon wieder 256 Neuaufnahmen auf seinem Pappdeckel notiert.
Beim Kampf um die AEG hilft eine professionelle PR-Agentur
Zulauf bei einer Gewerkschaft – das ist neu. Seit Jahren bröckelt dem Deutschen Gewerkschaftsbund die Basis weg. Heute zählen die in ihm zusammengeschlossenen Arbeitnehmerorganisationen nur noch 6,8 Millionen Mitglieder, das sind deutlich weniger als die acht Millionen vor der Wiedervereinigung. Auch der IG Metall liefen die Mitglieder davon – zwischen 1992 und 2004 verlor sie fast eine Million. Der Grund war nicht nur die Arbeitslosigkeit. Ihre Flächentarife, so mussten sich Gewerkschafter von Wirtschaftsweisen, Politikern und Kommentatoren anhören, passten nicht in die Zeit der Globalisierung. Gerade die IG Metall galt als reformresistenter Kaderverein, der lieber für die 35-Stunden-Woche im Osten kämpft, als sich an den scharfen internationalen Wettbewerb anzupassen. Als bei der Wahl zum Vorsitzenden 2003 auch noch der Erneuerer Berthold Huber dem Traditionalisten Jürgen Peters unterlag, verdüsterten sich die Prognosen weiter.
Doch die IG Metall, die in diesen Wochen in den Tarifkampf zieht, ist eine andere: erneuert, erstarkt, zuversichtlich. Nicht nur dass in fünf von sieben Tarifbezirken frische Leute an der Spitze stehen. Nicht nur dass neuerdings mit ungewöhnlichen Mitteln gefochten wird: Den Arbeitskampf um das vor der Schließung stehende AEG-Werk in Nürnberg treibt die IG Metall voran, und zum ersten Mal setzt sie dabei eine professionelle PR-Agentur ein. Intern wendet sie moderne Managementmethoden an. Und: Erstmals seit Jahren verringert sich der dramatische Mitgliederschwund. Nur noch zwei Prozent kehrten der Organisation 2005 den Rücken, das ist ein Erfolg – 49.000 Mitglieder verlor sie unter dem Strich, nicht halb so viele wie im Jahr davor. Und in vielen Verwaltungsstellen wächst die Mitgliederzahl sogar, wie in Lüdenscheid und Wuppertal. Inzwischen hat die IG Metall der 2001 gebildeten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di den Rang als größte Arbeitnehmerorganisation der Welt abgelaufen.
Der Hauptgrund für das Erstarken der IG Metall ist ausgerechnet eine vermeintliche Niederlage. In der Tarifrunde vor zwei Jahren drängten die Arbeitgeber auf die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche und auf mehr Flexibilität im Flächentarif. Die IG Metall stimmte schließlich einem Kompromiss zu, der Abweichungen vom Flächentarif – etwa unbezahlte Mehrarbeit – erleichtert. Nach diesem so genannten Pforzheimer Abkommen dürfen Unternehmen nicht nur im Sanierungsfall Löhne senken und Arbeitszeiten heraufsetzen, sondern auch, um wichtige Investitionen zu flankieren. Obwohl im Einzelfall immer noch die Tarifpartner zustimmen müssen, galt das Abkommen vielen Gewerkschaftern als Schmach. IG-Metall-Chef Peters sprach von der »Büchse der Pandora«, die man geöffnet habe.
Tatsächlich erweist sich »Pforzheim« aber als Glücksfall für die Organisation. Das zeigt das Beispiel der Firma Böddecker in Wuppertal. Bei dem Autozulieferer verdoppelte sich die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder innerhalb nur eines Jahres. Die Firma, die Schließsysteme für Autos herstellt, ist eines der ersten Unternehmen, in dem das Pforzheimer Abkommen angewandt wurde – und ein Musterfall dafür, wie die IG Metall die Auseinandersetzung im Betrieb für ihre Stärkung nutzt.
Kurz nach dem Pforzheimer Abschluss forderte der Seniorchef und Inhaber, Alfred Zimmermann, von seinen rund 130 Mitarbeitern, sie sollten fünf Stunden pro Woche zusätzlich arbeiten – unbezahlt. Dafür versprach er Investitionen, drohte andernfalls aber mit der Verlagerung von Jobs nach Polen. Der Betriebsrat holte sich Unterstützung von der IG Metall und versammelte die Belegschaft. Erst sprach der Firmenchef, dann Fritz Janitz. In den Gesichtern der Mitarbeiter habe er Angst gesehen, sagt er. »Ich habe Verständnis für die Sorgen der Geschäftsleitung«, erklärte der Gewerkschafter zunächst. Er wisse, wie Zulieferer geknebelt würden, verstehe, dass die Firma sich aus einer Marktnische herausbewegen wolle, was teuer und riskant sei. Für Tarifabweichungen in solchen Fällen gebe es mit Pforzheim ein geregeltes Verfahren – mit einer ergebnisoffenen Prüfung.
- Datum 01.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 01.02.2006 Nr.6
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Faszinierend - da scheint es einer Großorganisation zur kollektiven Interessenvertretung doch tatsächlich zu gelingen, über den Weg einer verstärkten Partizipaton ihrer Mitglieder in Kombination mit verbesserten Methoden der Effizienzsicherung ihren Verfall zumindest deutlich zu bremsen.
An diesem Beispiel sollte sich auch manche Partei mal ein Beispiel nehmen - aber da hat man ja teils eher den Eindruck, dass die politischen Funktionsträger die Basis eher als Klotz am Bein empfinden, wie überhaupt der Bürger von wachsenden Anteilen der politischen Klasse auch auf der früher mal als 'Linke' bekannten Seite schon seit Ende der 70er zunehmend als Belastung wahrgenommen wird. Aber wo es um politische Macht geht, ist es offensichtlich noch schwieriger, eine den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen angemessene Balance von Partizipation und Effizienz zu finden.
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