Nur um zu zeigen, welcher Geist die deutsche Familienpolitik einmal beseelte, hier ein Zitat aus dem Jahr 1962: »Eine Mutter daheim ersetzt vielfach Autos, Musiktruhen und Auslandsreisen, die doch allzu oft mit ihrer Kinder gestohlener Zeit bezahlt wurden.« So Franz-Joseph Wuermeling, Familienminister in Konrad Adenauers Kabinett. In Wahrheit konnte die boomende deutsche Wirtschaft schon damals Frauen als Arbeitskräfte gut gebrauchen. Man zog es jedoch vor, die Nachfrage mit »Gastarbeitern« zu befriedigen. Das verschaffte den Bundesrepublikanern zwar die eine oder andere interkulturelle Begegnung, hielt die Frauen aber an Heim und Herd fest. BILD

Manche provoziert die Wuermeling-Rhetorik noch immer. Weil sie so plump reaktionär klingt und weil darin eine ängstliche Zeitkritik zum Ausdruck gelangt, die inzwischen auch schon wieder Anhänger findet. Wenn es um die Familie geht – und damit um Geschlechterverhältnisse, um Kinder und um die Reibereien der Generationen –, tut sich schnell ein ideologisch vermintes Feld auf. Auf ihm stiftet die Familienpolitik keinen Frieden. Vielmehr steckt sie mitten im Getümmel der widerstreitenden Wertvorstellungen.

Muss das so sein? Familienpolitik ist, verglichen mit anderen Politikfeldern, relativ schwach, auch wenn der am vergangenen Dienstag mühsam errungene, hoch komplizierte Kompromiss zur steuerlichen Absetzbarkeit der Kinderbetreuungskosten die Große Koalition viel Kraft gekostet und viel öffentliche Aufmerksamkeit verschlungen hat.

Der sozialpolitische Ehrgeiz der Bundesrepublik konzentrierte sich auf die Sicherungssysteme. Adenauer, der bekanntlich der Ansicht war, dass die Leute immer Kinder bekämen, sah im Kindergeld eher eine Art Belohnung der Mütter – steuern wollte er die Gesellschaft mit Familienpolitik nicht. Hinter Familienpolitikern scharen sich keine einflussreichen Interessenverbände. Es gibt keine Elternpartei. Stattdessen ist leer drehender Wertkonservatismus am Werk oder verbiesterter Wille zur perfekten Verteilungsgerechtigkeit.

Die Schwäche hat Folgen: Traditionell gilt Familienpolitik als ein »Querschnittsthema«, genauer gesagt, sie steht dem Zugriff der Sozial-, Wirtschafts- oder Arbeitsmarktpolitik offen. Auch in den Maßnahmen der Koalition sind die Zielsetzungen unklar. Sollen von 2007 an mit den Steuerentlastungen wirklich die Familien oder soll nicht vielmehr, wie auf der Genshagener Kabinettsklausur beschlossen, der Arbeitsmarkt gefördert werden? Was will der Staat genau? Dass jetzt scharenweise Supernannys eingestellt werden? Steuersystematiker schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, weil sie wissen, dass Ausnahmen beim Einkommensteuerrecht noch nie den Arbeitsmarkt stimuliert haben. Das Ganze mag einer parteipolitischen Logik folgen, löst bei den Bürgern aber zu Recht keine Euphorie aus.

Die meisten nehmen stillschweigend die staatlichen Förderungen in Anspruch. Es gibt Kindergeld, Baukindergeld, Erziehungsgeld (demnächst Elterngeld), Mutterschutz, Erziehungsurlaub, Rechtsansprüche auf Weiterbeschäftigung und Kindergartenplätze, die Familienversicherung bei den Krankenkassen, die Anrechenbarkeit von Erziehungszeiten bei der Rente, Bafög, steuerliche Freibeträge, kurz: Der Staat hat sich durchaus etwas einfallen lassen. Aber es ist ein großes Transferkuddelmuddel daraus geworden.

Die Familienförderung – immerhin ein Verfassungsgebot – ist weit davon entfernt, ihre Zwecke zu erfüllen. Sie steigert weder die subjektive Zufriedenheit der Leute, noch hilft sie Eltern, Beruf und Erziehung besser zu vereinbaren. 43 Prozent der Paare in Deutschland arbeiten zusammen mehr als 80 Stunden pro Woche, das ist Spitze in Europa. Kinder bedeuten Stress, aber solche Eltern bedeuten auch Stress für ihre Kinder. Die Geburtenrate verharrt hartnäckig bei 1,3 Kids pro Paar, und auch wenn die viel beklagte Kinderlosigkeit von Akademikerinnen eine Mär sein sollte, bleibt der Mangel an größeren Familien eklatant.