Wissenschaft »Es gibt keine Krise«Seite 7/7
Bredekamp: Das forschende Lernen war die Stärke der deutschen Universität. Gerade ausländische Studenten, die an Frontalunterricht gewöhnt sind, zeigen sich hingerissen von der Intensität der Diskussionen und der Beteiligung der Studierenden. Andererseits fordern Studenten seit langem ein stärker strukturiertes Studium. Meine anarchisch-humanistische Überzeugung rebelliert, aber man muss diesen Spagat versuchen. Der erheblich gestiegene Aufwand erfordert allerdings eine bessere Ausstattung. Wird diese nicht gegeben, ist die Umstellung auf Bachelor und Master eine Totgeburt.
ZEIT: Das Ziel der Umstellung auf Bachelor und Master ist es doch, die Betreuung zu intensivieren.
Herbert: Das ist Theorie. In der Praxis werden die Betreuungsrelationen hochgefahren. Auf diese Weise wird der Bachelor scheitern. Ich bin für den weiteren Ausbau der Hochschulen. Aber Studenten, die so ausgebildet werden, braucht niemand.
Die Fragen stellte Martin Spiewak
Horst Bredekamplehrt Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität. Seine Forschungsschwerpunkte sind das Verhältnis von Kunst und Technik sowie die neuen Medien. Für seine Arbeit hat der 58-jährige viele Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Aby M. Warburg Preis. Bredekamp gehörte der Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats an, die die aktuellen Empfehlungen zu den Geisteswissenschaften verfasst hat.
Ulrich Herbertleitete die Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats zur Zukunft der Geisteswissenschaften. Der Zeithistoriker lehrt und forscht an der Universität Freiburg. Er hat zahlreiche Publikationen zur Geschichte der Fremdarbeiter und zu der Zeit des Nationalsozialismus verfasst. 1999 wurde der heute 54-jährige Wissenschaftler mit dem Leibniz-Preis der deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet.
- Datum 01.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 01.02.2006 Nr.6
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Ja, es ist Wahnsinn was die Geisteswissenschaften in Deutschland leisten. Bei der Ausstattung müsste man sich eigentlich fragen, wie es Absolventen schaffen, trotzdem lesen und schreiben zu können - oder gar auf zwei Beinen zu laufen. Erklärbar ist dies wirklich nur mit den Dingen, die auch im Interview genannt wurden.
Aber schönzureden ist die Situation der Geisteswissenschaften nicht: Nicht nur dass die Kapazitäten ausgereizt sind und alle Nase lang ein Institut geschlossen wird, wird auch eine Frustration kommuniziert. Die Professoren dürfen immer weniger entscheiden, was sie machen, erfolgreiche Institute, die sich vor Studenten nicht retten können werden wegoptimiert, selbst eine Politikwissenschaft wie Göttingen darf als auzumerzende Schwachstelle bezeichnet werden, Walter darf aufgefordert werden zuzugeben, "dass er schlecht sei". Wer ist denn da noch sicher?
Professoren und Professorinnen reißen sich Arme und Beine auf und ihre Institute werden trotzdem geschlossen.
Studenten werden ihre Fächer auf minimal gestaucht (weil Institute zu sind), werden von Politik und Öffentlichkeit fast beleidigt, müssen sich ihrer Wahl rechtfertigen, bekommen Verwaltungsgebühren, Studiengebühren, Langzeitstudiengebühren aufgebrummt, halsen sich ein potentielles Berufsverbot ein, weil sie Bafög beantragt haben, bekommen beim GEZ-Befreiungsantrag vorgeworfen, dass sie falsche Angaben machen, weil man von so wenig Geld nicht leben könne, werden in unausgereifte Bachalor-Ordnungen geworfen, die übereilt eingeführt sind, die Betreuung nicht sichergestellt ist und auch kaum jemand existiert, der einem das erklären kann. etc.
Als Student oder überhaupt als Angehöriger einer geisteswissenschaftlichen Fakultät fühlt man sich leicht als Abschaum der Gesellschaft.
Es ist schwer zu glauben, dass die Zerstörung des deutschen Hochschulwesens nicht systematisch betrieben wird. Denn rationell ist die Bildungspolitik nicht mehr erklärbar.
Und dass die Studenten nicht aufmüpfen ist wohl auch nur noch durch Hoffnungslosigkeit erklärbar, dass doch noch eine ausreichende Ausstattung von Unis und Schulen vor den beheizten Autobahnen in die Wege geleitet wird.
Es fällt schwer als Betroffener nicht zynisch zum Thema zu schreiben
Angesichts der zahllosen Probleme, die dieses Interview
aufzeigt, wirkt der Titel "Es gibt keine Krise" geradezu ironisch. Ist nicht der Versuch, die Krisensituation mittels eines "Exzellenzwettbewerbs" zu loesen, schon symptomatisch genug fuer die ganze Situation? In welchem Kulturland der Welt werden die besten Universitaeten durch ein Preisausschreiben erkoren?
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