Sozialreform

Triste Bilanz auf 2500 Seiten

Mit den Hartz-Reformen wollte die Bundesregierung den Arbeitsmarkt wiederbeleben. Ein Überblick über die Fehler der ersten drei Teile

Selten hat eine Regierung die Folgen ihrer Politik so aufwändig untersuchen lassen: Mehr als hundert Wissenschaftler haben die Wirkungen der Arbeitsmarktreformen Hartz I, II und III analysiert. Allein ihr Zwischenbericht umfasst 2500 Seiten.

Besonders schlecht beurteilt wurden die Vermittlungsgutscheine, mit denen Arbeitslose von privaten Anbietern betreut werden können.

Politisch relevant ist das eher positive Urteil über die Ich-AGs für Existenzgründer und die leise Kritik an den Minijobs: Über beides wollen die Parteien in den kommenden Monaten entscheiden. Bisher hielt die Union wenig von den Ich-AGs und wollte ihre Laufzeit nur bis zum Sommer 2006 verlängern. Die SPD drängte auf Fortsetzung. Die Minijobs beurteilen viele Sozialdemokraten skeptisch und wollen neue Regeln vereinbaren, wenn im Laufe des Jahres über Kombilöhne verhandelt wird.

Wenig Erfolg haben alle Maßnahmen für ältere Arbeitslose. Die Regierung glaubt, dass die Unternehmen zu wenig darüber wüssten und die Möglichkeiten daher nicht nutzten.


HARTZ I: Personal-Service-Agenturen

Idee: Arbeitslose sollen als Zeitarbeiter an Unternehmen vermittelt werden – in der Hoffnung, dass sie dort später eine feste Stelle finden. Von Anfang 2003 an sollte im Bezirk jeder Arbeitsagentur eine Personal- Service-Agentur (PSA) gegründet werden.

Erfolg: »Wirkungsanalysen ergaben, dass Arbeitslose, die in den Jahren 2003 und 2004 eine PSA-Beschäftigung aufgenommen haben, aufgrund dieser Tätigkeit später als vergleichbare andere Arbeitslose ihre Arbeitslosigkeit… beendeten«, heißt es im Bericht.

Fazit: Zeitarbeit kann für einige Arbeitslose die Rückkehr in den Arbeitsmarkt erleichtern, deshalb war die Idee der Kommission nicht völlig falsch. Sie ist aber im Grunde ein Schönwetter-Instrument: Die Unternehmen heuern vor allem in Zeiten voller Auftragsbücher gern zusätzliche Zeitarbeiter an. Wenn die Konjunktur nicht so gut läuft und ohnehin Mitarbeiter entlassen werden, ist der Bedarf klein. PSAs funktionieren also dann am besten, wenn sie am wenigsten gebraucht werden. Hinzu kam ein Interessenkonflikt: Die PSAs werden für erfolgreiche Vermittlung bezahlt, wollen also vor allem gut qualifizierte Arbeitslose. Allerdings sollen auch schwer Vermittelbare bei den PSAs untergebracht werden. Die Regierung hat mittlerweile auf den geringen Erfolg reagiert: Die Arbeitsagenturen müssen nicht mehr in jedem Bezirk eine PSA einrichten.

HARTZ II: Ich-AG, Minijobs

Idee: Arbeitslose, die sich als Ich-AG selbstständig machen, bekommen drei Jahre lang Zuschüsse; erst 600 Euro im Monat, dann 360, schließlich 240 Euro – so sollte der Ausstieg aus der Arbeitslosigkeit erleichtert werden. Die Minijobs dienen dem gleichen Ziel: Für Arbeitnehmer mit Löhnen bis 400 Euro zahlt der Arbeitgeber nur Abgaben von 25 Prozent, der Arbeitnehmer nichts.

Erfolg: Laut Bericht gehört die Ich-AG »zu den wirksamen Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik«. Doch hätten sich viele Gründer »weniger aus echter Überzeugung, sondern wegen fehlender Alternativen… für die Selbstständigkeit entschieden«. Laut Bericht sind bis Juni 2005 etwa 1,8 Millionen zusätzliche Minijobs durch die Arbeitsmarktreform entstanden, allerdings sei »mit dieser Beschäftigungsform für Arbeitslose keine Brücke in voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigung entstanden«.

Fazit: Die Idee der Ich-AG dürfte besser funktionieren, wenn stärker auf die Qualität der Geschäftsideen der Gründer geachtet wird. Laut Bericht gibt es neben sehr engagierten Gründern auch sehr passive, die auf Dauer nur wenig Chancen als Selbstständige haben. Die Arbeitsagenturen arbeiten bei der Prüfung der Anträge für Ich-AGs inzwischen mit Handelskammern zusammen. Die Minijobs leisten kaum einen Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit, weil sie zum großen Teil von Erwerbstätigen oder Rentnern als Nebenjob ausgeübt werden. Das sollte der Staat jedoch nicht durch Reduzierung der Abgaben fördern. Warum sollte ein Beamter, der am Wochenende nebenher Taxi fährt, auf seine Zusatzeinkünfte keine vollen Sozialabgaben zahlen? So unterschiedliche Instanzen wie die Wirtschaftsweisen und der Deutsche Gewerkschaftsbund fordern deshalb Korrekturen.

HARTZ III: Umbau der Bundesagentur, Bündelung der Programme, zwölf Monate Arbeitslosengeld

Idee: Die Behörde soll auf allen Ebenen modernisiert werden. Die Agenturen vor Ort erhalten mehr Kompetenzen und schließen mit der Zentrale Zielvereinbarungen ab, die regelmäßig überprüft werden. Die Arbeit der Agenturen wird systematisch verglichen. Das Leistungsrecht wird einfacher, damit mehr Zeit für die Vermittlung bleibt. Die Vermittler sollen sich auf wenige Instrumente konzentrieren können.

Erfolg: Für das neue Führungs- und Steuerungssystem, für Controlling und Zielvereinbarungen bekommt die Agentur viel Lob. Weniger gut funktioniert die Arbeitsteilung zwischen Zentrale und lokalen Agenturen, die nach Ansicht der Wissenschaftler noch zu sehr an Weisungen aus Nürnberg gebunden sind. Das öffentliche Ansehen ist laut Bericht immer noch gering: »Der Eindruck, die Bundesagentur habe sich zu einem modernen Dienstleister entwickelt, ist zurückgegangen.«

Fazit: Erfolge bei der inneren Modernisierung der Arbeitsverwaltung lassen sich schlecht in Zahlen messen – und sie brauchen besonders lange. Deshalb wird leicht unterschätzt, wie wichtig beispielsweise die Einführung von Controlling für die Behörde war. »Zum ersten Mal in der Geschichte« der Behörde, so loben die Wissenschaftler, sei es gelungen, Ziele nicht nur zu kommunizieren, sondern »deren Einhaltung auch systematisch zu verfolgen«. Genauso sinnvoll ist die Bündelung von Instrumenten und Leistungen: Nur so haben die BA-Mitarbeiter mehr Zeit für die Arbeitslosen.

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Leser-Kommentare

  1. Liebe Frau Niejahr,

    wenn ich mir die Eckdaten der PSA-Statistik ansehe, zeigt sich mir ein Bild das Hoffnung weckt. So hat sich die Anzahl der PSA von 03-05 mehr als halbiert, die Zahl der vermitteleten Arbeitslosen ist jedoch um das 8-fache gestiegen.
    Bei der Relation von vermittelten Jobs zu neu registrierten Arbeitslosen stoße ich schon wieder auf Postives. Im Jahr 2003 beträgt die Relation 1/8, steigert sich in 2004 auf 1/5 und im Jahr 2005 auf "fantastische" 1/4.
    Eigentlich sollten Statistiken -ob falsch oder richtig- Thesen stützen. Hier gelingt das leider nicht.

    Mit freundlichem Gruss

    Jan

  2. Richtig
    Die PSA waren von Anfang an ein untaugliches Mittel gegen die Arbeitslosigkeit.

    Falsch
    Mit Minijobs und Ich-AGs läßt sich wirksam die Arbeitslosigkeit bekämpfen.

    Richtig
    Die Minijobs haben "gute" Arbeitsplätze verdrängt. Die Bundesregierung hat eine Rechnung gemacht, die allen Milchmädchen zur Ehre gereichen würde. Die Langzeitbilanz der Minijobs für die Sozialversicherungen wird vernichtend ausfallen.
    Eine seriöse Wertung der Ich-AGs ist noch nicht möglich. Die wahre Bilanz wird nach Ablauf der ersten Drei-Jahres-Fristen möglich sein, wenn die ersten Ich-AGler ihre Krankenkasse aus den eigenen Erträgen bestreiten müssen. Spätestestens an diesem Tag wird die Masse der Existenzgründer bei den Agenturen wieder vor der Tür stehen und einen ALG II - Antrag ausfüllen.

    Fazit:
    Mit Minijobs und Ich-Ags haben die Erfinders dieses arbeitspolitischen Wahnsinns den Sozialversicherungen eine Zeitbombe in die Langzeitbudgets gelegt.
    Die Reform hätte vielleicht sogar gelingen können. Dann hätten die Regelungen allerdings stark vereinfacht werden müssen. Alleine das Handbuch über die Regelungen der Minijobs läßt eher an politisches Kabarett glauben als an einen gewollten politischen Lösungsversuch. Allerdings wäre nach einer möglichen Vereinfachung des Regelwerks der Minijobs möglicherweise die Hälfte der Belegschaft der Bundesknappschaft arbeitslos. Insofern hat die Regelungswut bei den Minijobs in Bezug auf die Eigenbeschäftigung der Behörde durchaus ihre Berechtigung.

    Außerdem hätten die Regelungen der Sozialversicherungen und Steuervorschriften für Existenzgründer aufeinander abgestimmt werden müssen.

    Es ist kein Witz: Aber das Arbeitsamt bezuschußt auf der einen Seite Existenzgründer. Das Finanzamt bezweifelt bei anfänglichem Nichterfolg auf der anderen Seite die Ernsthaftigkeit der Geschäftsabsicht und unterstellt dem risikobereiten Existenzgründer zur "Rettung" des Umsatzsteueranspruches Liebhaberei.

    Und ist schließlich ein Auftraggeber zur Anschubbeschäftigung gefunden, kommt die Sozialversicherung und prüft das Vorhaben auf Scheinselbständigkeit.

    Bei sorgfältiger Wertung des Handels aller beteiligten Behörden die Beurteilung der Hartz-Reformen nur negativ sein. Die einzelnen Regelungen widersprechen sich in Sinn und Inhalt. Die einzelnen Behörden konterkarieren in ihrem Tun guten Gewissens die Reformen, denn die Behördenmitarbeiter führen lediglich die widersprüchlichen Vorschriften aus, die von den Hartz-Initiatoren geschaffen wurden.

    Um die Unbrauchbarkeit der Hartz-Reformen zu erkennen, sind keine 2.500 Seiten Bericht notwendig. Eine kleine Prise gesunden Menschenverstandes ist völlig hinreichend.

    Nur der großmäulige Ex-Parasitenminister Wolfgang Clement konnte den Hartz-Reformen Gutes abgewinnen.

    Insgesamt waren und sind die Reformen eine gigantische Transfermaschinerie zum Schaden der Volkswirtschaft.

    Ein ausgedehnter Brasilienurlaub für alle Hartz-Reformer und ein komfortabler Frühstücksdirektorenposten für Herrn Clement wäre für den deutschen Steuerzahler allemal billiger und für die Betroffenen allemal hilfreicher gewesen.

    korfstroem

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  • Von Elisabeth Niejahr
  • Datum
  • Quelle DIE ZEIT 01.02.2006 Nr.6
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