Wäre dies ein Filmdrehbuch, dürfte man den Autor zur Verantwortung ziehen, aber hier kann man nur auf die beiden Autobiografien von Johnny Cash verweisen: Ja, das ist alles passiert. Sie haben sich wirklich getroffen im Sun Studio von Sam Phillips in Memphis: der sinnliche Elvis Presley, der unauffällige Carl Perkins, der irre Jerry Lee Lewis, dazu Johnny Cash, sie haben zusammen gespielt, schluckten ihre Drogen mit Bier, verwüsteten ihre Hotelzimmer, empfingen die Petticoat-Girls in den Garderoben, saßen tagelang in Limousinen und Bussen. Wer da nein sagt, ist ein Heiliger. »Hello, I’m Johnny Cash«, sprach er mit Grabesstimme, verwandelte mit diesem bescheidenen Gruß das Understatement in unangreifbare Arroganz, schrieb Songs wie I Walk The Line, Hey Porter und Five Feet High And Rising, wurde wegen Drogenbesitzes verhaftet und schaffte es, mit seinen Auftritten vor den Gefangenen in Folsom Prison die Wirklichkeit mit seinem Image des Outlaws gleichzuschalten.

Ja, das ist alles passiert – nicht genau so, aber im Prinzip –, und doch ist diese Geschichte der ersten Hälfte seines Lebens vor allem die Geschichte einer Liebe, wie nur die Wirklichkeit sie erfinden und der Film sie zeigen kann. Als sich Johnny Cash und seine spätere Frau June Carter zum ersten Mal auf der Bühne über den Weg laufen, verheddert sich ihr Kleid in den Saiten seiner Gitarre. Sie ist (mehrmals) verheiratet und hat zwei Kinder, er ist verheiratet und hat zwei Kinder, und so wird ihre heimliche Liebe zur öffentlichen Bühnenshow.

Wenn er sie zwingt, ein Lied zu singen, das zu ihrem früheren Mann gehörte, wenn er sie auf die Wange küsst, wenn er neben ihr ohnmächtig zusammenbricht, wenn er sich nach zwölf Jahren weigert, das Duett Jackson weiterzusingen, verspräche sie ihm nicht hier auf offener Bühne, ihn zu heiraten, wenn er sie dann hochhebt und unter stehenden Ovationen küsst, dann ist das ebenso unerträglich wie grandios – die später oft kopierte und profanisierte Essenz aller Heiratsversprechen. Wer könnte das Original überbieten?

Auch die Schauspieler enstammen einem großen Country-Märchen. Wie Joaquin Phoenix Cash-like die rechte Schulter fast in Augenhöhe hebt und die Gitarre wie ein Spielzeug hält, wie der Mundwinkel parallel zur Gitarre schief nach unten weist und die Augen in jenem milden Wahnsinn leuchten, der schwarze Sonnenbrillen dringend empfehlenswert macht. Wie Reese Witherspoon die wahre June Carter blass aussehen ließe, wie sie von der fipsigen Country-Bühnenstimme der Ulknudel der Carter-Family ins Sonor-Private wechselt, wie sie vom Lachen in die Trauer kippt, wie sich die Augen schon zu verdunkeln beginnen, während die weißen All-American-Zähne noch strahlen. Johnny Cash starb im September 2003, vier Monate nach June Carter, nach 35 Jahren Ehe. Bietet jemand mehr? Was bleibt da für den Regisseur James Mangold?