Im menschlichen Ohr ruhen Geheimnisse. Das Hörorgan birgt Informationen über den Ursprung der Menschheit, die großen Völkerwanderungen und vielleicht sogar über das Risiko, eines Tages an Krebs zu erkranken. Einem Team um den Humangenetiker Kohichiro Yoshiura von der Universität Nagasaki ist es gelungen, das Geheimnis ein wenig zu lüften. Die Forscher analysierten das Ohrenschmalz von 33 Bevölkerungsgruppen.

Schon zuvor wussten sie, dass es zwei Typen von Ohrenschmalz gibt. Das eine bröselt als grauer Staub aus dem Gehörgang, das andere klebt als gelbbraunes Sekret im Ohr. Jetzt fanden die Japaner den genetischen Unterschied, der bestimmt, ob ein Mensch feucht oder trocken in den Ohren ist.

Yoshiura und seine Kollegen entdeckten zunächst, dass eine Region auf dem Chromosom 16 entscheidend ist. Dort fanden sie das zuständige Gen ABCC11 und darin schließlich die Basenpaare, die - je nachdem, wie sie sortiert sind - den einen oder den anderen Ohrenschmalz-Typ begünstigen. Diese variablen Genstückchen oder SNPs dienen normalerweise als Marker für andere Gene. Zum ersten Mal zeigten die Forscher, dass SNPs eine sichtbare menschliche Eigenschaft bestimmen können - krümelig oder klebrig.

Ganze Bevölkerungsgruppen zeichnen sich durch die Konsistenz ihres Ohrenschmalzes aus. In Europa und Afrika findet sich eher die feuchte Variante, Ostasien dagegen gilt als Hochburg der Trocken-Fraktion. Auch den Ureinwohnern Nordamerikas staubt es aus den Ohren, was die Annahme bestätigt, dass sie einst über die Beringstraße aus Asien einwanderten, die Europäer dagegen aus Afrika. Beide Ohrenschmalz-Formen haben dieselbe Funktion: Sie packen Hautschuppen, Härchen und Schmutz ein und transportieren die Mischung aus dem Gehörgang nach draußen. Der bittere Geschmack vertreibt Insekten.

Dafür, dass sich in Asien die trockene Form durchgesetzt hat, gibt es vermutlich entwicklungsgeschichtliche Gründe. Staub statt Kleber im Ohr, glaubt Yoshiura, bedeutete in seiner Weltgegend einen Selektionsvorteil. Die Genvarianten beeinflussen womöglich die Entwicklung bestimmter Drüsen - nicht nur im Ohr, sondern auch in Achselhöhle und Brust. Tatsächlich soll bei Frauen mit trockenem Ohrenschmalz Brustkrebs seltener auftreten. Außerdem hat die Trocken-Fraktion weniger Achselgeruch, was die sexuelle Anziehungskraft beeinflusse. Ob viel oder wenig Achselduft attraktiver ist, dazu möchte sich Yoshiura lieber nicht äußern.

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