GesprächIch komme aus dem Traum

Ein ZEIT-Gespräch mit dem Schriftsteller Peter Handke über die Lust des Schreibens, den jugoslawischen Krieg und das Gehen in den Wäldern von 

DIE ZEIT: Es war an einem späten Abend im Januar 1988, als wir einander aus schierem Zufall in der Pariser Metro begegnet sind. Bei einem Glas Wein erzählten Sie mir, Sie kämen aus Ägypten und hätten schon seit vielen Wochen mit keinem Menschen mehr gesprochen. Es war die Zeit, von der Sie in Ihrem Tagebuch Gestern unterwegs erzählen. Von Ägypten ist darin wenig die Rede.

Peter Handke: Dort konnte ich nur wenig notieren. Ich war ein bisschen krank. Und ich konnte nicht für mich sein, weil ich mich ständig von Händlern und Bettlern bedrängt sah. Ich habe mich dadurch gerettet, dass ich in eines dieser Teehäuser ging, mich zu den anderen setzte und an der Wasserpfeife sog oder vielmehr so tat, als ob. Da fand ich Ruhe.

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ZEIT: Sie sind dann drei Jahre lang quer durch die halbe Welt gereist, nach Japan, Alaska, Schottland, Frankreich, Spanien, Slowenien und noch weiter. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass Sie auf irgendwelche Flughäfen gegangen sind und einfach den nächsten Flug genommen haben.

Handke: Manchmal war das so.

ZEIT: 1989 brach die DDR zusammen und damit eine ganze Welt. In Ihrem Tagebuch verlieren Sie darüber fast kein Wort.

Handke: Ich kann nur dann etwas aufschreiben, wenn mir Sprache zufliegt, Dinglichkeit. Es war mir nie im Sinn, ein zeitgenössisches Journal zu schreiben. Es sind Reflexe, die erweitert sind, nicht gerade zu Reflexionen, aber zu Läufen, zu Sprachläufen.

ZEIT: Sie schreiben nicht über persönliche Dinge, über Kopfschmerzen oder schlechte Betten.

Handke: Ich fand das nicht beschreibenswert. Was ich spüre, muss festgehalten werden in der Form, in der es sich jetzt zeigt. Dem gehe ich nach, dem gebe ich Luft durch Sprache, und zugleich verfestige ich es. Oft waren die Erlebnisse so überwältigend, dass ich eine Scheu hatte mitzuschreiben. Mein Tagebuch Das Gewicht der Welt war eine Reportage des Bewusstseins. In Gestern unterwegs habe ich manches mitgeschrieben, anderes für den nächsten Morgen aufgehoben, bis es durch den Kopf, durch den Körper gegangen war. Pythagoras hat seine Schüler dazu angehalten, so lange in den Betten zu bleiben, bis sie sich vergegenwärtigen konnten, was am Vortag gewesen war.

ZEIT: Wird es dadurch klarer?

Handke: Das Aufschreiben hat mich ortsfest gemacht. Oft wusste ich nicht, wo ich aufgewacht bin. Man kommt in der Nacht an und sieht nur Umrisse. Und wenn ich mich am nächsten Morgen in irgendeinem Hotel hingesetzt habe, um den Vortag aufzuschreiben, war das wie einkaufen gehen oder das Kind zur Schule bringen.

ZEIT: Ihre Reisen wirken wie Exerzitien. Könnten Sie sich vorstellen, als Mönch zu leben?

Handke: Oh nein. Ich bin ein Epikuräer. Warum sollte ich auf die Dinge verzichten, die mir Freude machen? Der Wein zum Beispiel ist eine der schönsten Erfindungen, er hat mir schon oft gut getan.

Leserkommentare
    • uff
    • 05. Februar 2006 14:57 Uhr

    zu kommentieren.Ein schönes rundes Gespräch, ohne Hass, ohne größere Vorwürfe.
    Ich kann nur etwas zu mir sagen.
    Es tut mir leid, dass so mit den Büchern von Herrn Handke umgegangen wird.Vor allem verlieren wohl die Leser. Nicht jeder vermag aus Gesprächen genügend Traum und Raum zu ziehen.
    Mir reichen sie und deshalb finde ich diese Internet-Seiten der ZEIT wunderbar schnell. Zur Zeit ist es langsamer nicht möglich. Ich behalte aber diese anderen Zeitläufte und Bewegungen im Hinterkopf. Da will ich wieder hin, gesund werden? Vielleicht, vor allem aber weg von Kriegen, Kämpfen und Terror.
    Welche Chancen habe ich da? Ich bin jetzt Ende 40, begonnen habe ich als Lernende in der Familie über die NS-Zeit, mein Vater war - glaube ich - auf der Napola in Prag, gewissermaßen nie mehr wirklich irgendwo zu Hause. Am Ehesten noch in der Musik und Literatur, vielleicht auch in der Liebe Gottes. Das war Gott sei Dank das Drumherum und das Zusammenleben, nicht zu vergessen der Anspruch, durch politische Arbeit das "Niemals wieder" zu realisieren.
    Entsprechend bestand mein Leben aus Vorsicht, Umsicht und politischer Arbeit. Dazwischen immer mal Inseln des Glücks.
    Aber gebrochen. Meine Gedanken während meiner ersten Schwangerschaft, darf ich mein Kind großziehen, wenn die Kinder in Biafra verhungern? Meine Antwort: nja und jnein.
    Das eine tun, das andere nicht lassen, wissen, dass ich nicht allein verantwortlich bin, dass ich überhaupt nicht nur verantwortlich bin, dass ich auch einmal in meinen Garten darf. Da denke ich so gerne über die Geschichte des Mönches nach, von dem es heißt, er habe erfahren, warum bei Gott tausend Jahre sind wie ein Tag.
    Und dann zwitscher ich mit den Vögeln. Die kennen mich schon ganz gut und von daher sage ich Ihnen Herr Handke, Milosevic
    sollte in seinem eigenen Interesse einen Gutteil Verantwortung auf sich nehmen. Es war ein Fehler und zwar ein völlig unnötiger Fehler, immer noch die Stärke der Sowjetunion aud die eigene Hinterhand zu setzen. Serbien hätte Joschka Fischer gegenüber nicht das Gesicht verloren.
    Ich hatte zutiefst gehofft, dass diese einmalige, relativ unbelastete Situation genutzt würde. Als das nicht geschah, habe ich nicht mehr gegen die zwischenzeitliche Eingliederung Serbiens nach Europa gesprochen. Im Interesse der USA war das damals m.E. nicht, auch nicht im Interesse der UDSSR. Mit deren Machtinteressen hätte dann aber auch Milosevic weiterarbeiten müssen. War der Mann naiv? Er war meiner Meinung nach in hohem Maße fahrlässig, wie die zu rasche Anerkennung der Teilprovinzen des ehemaligen Jugoslawien durch Westeuropa auch.
    Nein das mit der Schuld packe ich jetzt für mich weg. Ich habe getan, was ich vermochte und wenn ich es vermag, so tue ich es weiter. Und ich bin einfach nur noch froh, wenn wir weiterhin Handlungsspielräume haben.
    Hochachtungsvoll und nicht zu vergessen: Friede sei mit Ihnen

  1. Sehr geehrter Herr Greiner,

    vermutlich geschieht es auch in einem erfolgreichen Journalistenleben selten, dass man ein Interview oder einen Artikel verfassen kann, der bleibenden Wert hat. Dieses Interview mit Peter Handke gehört für mich zweifellos dazu.

    Man merkt dem Gespräch an, dass der Interviewte eine prononcierte aggressiv und gut formulierte kulturkritische Haltung vertritt und auch Sie als Gesprächspartner nicht von seiner Kritik ausnimmt. Dass Sie seine Haltung ohne Zensur wiedergeben und in Ihrer Zeitschrift veröffentlichen ist ein wesentlicherer Beitrag zur Pressefreiheit als die Schein- und Ersatz Aufregung um die islamkritischen Karikaturen.

    Eigentlich sollte die Wiedergabe abweichender, kritischer, dissidenter Meinungen in Demokratien eine Selbstverständlichkeit sein. Aber der Fall der Nobelpreisrede von Harold Pinter, die in keiner deutschen Tages- und Wochenzeitung veröffentlicht wurde, obwohl ihr Abdruck eine Selbstverständlichkeit hätte sein müssen belegt, dass das deutsche Feuilleton auf dem Rückzug in die Harmlosigkeit ist.

    Ihr Text ist so substanztiell, dass man sich gerade an den Stellen, an denen man selber anderer Meinung ist, herausgefordert sieht. Lesen ist keine gemütliche Veranstaltung, sondern ein lebenswichtiger Akt , so wie das Atmen.

    In einer Zeit in der die Kultur auf das Niveau von Fussballkommentaren zusammenschrumpft und zur freiwilligen Selbstverblödung der Intellektuellen zu werden droht, die spüren, dass unsere Gesellschaft allzugerne auf sie verzichten würde, sind solche Artikel wichtiger denn je. Hier, so erscheint es mir jedenfalls wird die Substanz unserer demokratischen Gesellschaft verteidigt. Das kritische Subjekt, die freie Meinungsäußerung und der Ernst der künstlerischen Opposition.

    Ich danke Ihnen für diesen Beitrag

    Jan Thorn-Prikker, veranwortlicher Redakteur der Zeitschrift Kulturjournal des Goethe-Instituts, Bonn
    In Ihrem Text geht es um den Ernst der Litertur, um den Ernst und die Verantwortung der Formulierungen, die ein Schriftsteller wählt.

    • uff
    • 06. Februar 2006 12:13 Uhr
  2. 4. \N

    Ein 10 Jahre altes Foto - welch eine Blamage. Wenn man das autobiographische Werk eines Autors mitverfolgt, dann möchte man doch den Wandel, der nachzulesen ist, auch gerne im Gesicht dieses Menschen sehen können. Passend zum Gespräch wären also in diesem Falle zwei Fotos, eines aus den in "Gestern unterwegs" beschriebenen Jahren und eines von heute. Aber ein Foto von 1996, das mit beiden Zeiten nichts zu tun hat, passt nicht zum anspruchsvollen Image der ZEIT.
    Marianna Exter, Biographieberaterin/Poesietherapeutin

  3. Selten so ein leiriges Interview gelesen.
    Was Handke als Zusammenfassung zu der Kritik seiner Serbien-Opera und Propaganda vermittelt, ist schwer getrübt, aber nicht von der Wahrheit Säure, sondern der ignoranten Befangenheit Sauern und Säuseln.
    Wer schon so lange im Traum lebt, den ihm Unseld (über der Leser Scherflein) bezahlt hat, wird dort verdämmern.
    (Pech für Greiner, der nicht mit Fakten zu Wort kommt. Das muss vertrunken werden...)

  4. Die Grosse Aufgeregtheit lässt vermuten, das Peter Handke doch den Heine Preis verdient hätte. Aber Heinrich Heine kann sich ja nicht mehr persönlich zu Wort melden.

    .

  5. How much fun it must be to interview Peter Handke! When articles on Peter Handke again quit appearing in newspapers I'll be able to write in my journal: "Tag ohne irgendetwas ueber Peter Handke lesen zu muessen".

    One thing I must know: does he laugh? Well, of course he laughs, but did he once laugh or crack a smile during this interview? One would only hope.

    But come on, he should get the damn prize. It is a literary prize after all, right? His detractors are just playing a stupid game of political posturing.

    I've read other interviews of Handke, and he rarely fails to strike me as a supreme prick. Nevertheless, I hold his work in high regard.

    Es tut mir leid dass ich nicht auf Deutsch geschrieben habe. Ich kann Deutsch ziemlich gut lesen, aber schreiben leider nicht.

    Matt
    Seattle, WA

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