DIE ZEIT: Es war an einem späten Abend im Januar 1988, als wir einander aus schierem Zufall in der Pariser Metro begegnet sind. Bei einem Glas Wein erzählten Sie mir, Sie kämen aus Ägypten und hätten schon seit vielen Wochen mit keinem Menschen mehr gesprochen. Es war die Zeit, von der Sie in Ihrem Tagebuch Gestern unterwegs erzählen. Von Ägypten ist darin wenig die Rede. Das Archivbild vom 18.02.1996 zeigt den österreichischen Schriftsteller Peter Handke BILD

Peter Handke: Dort konnte ich nur wenig notieren. Ich war ein bisschen krank. Und ich konnte nicht für mich sein, weil ich mich ständig von Händlern und Bettlern bedrängt sah. Ich habe mich dadurch gerettet, dass ich in eines dieser Teehäuser ging, mich zu den anderen setzte und an der Wasserpfeife sog oder vielmehr so tat, als ob. Da fand ich Ruhe.

ZEIT: Sie sind dann drei Jahre lang quer durch die halbe Welt gereist, nach Japan, Alaska, Schottland, Frankreich, Spanien, Slowenien und noch weiter. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass Sie auf irgendwelche Flughäfen gegangen sind und einfach den nächsten Flug genommen haben.

Handke: Manchmal war das so.

ZEIT: 1989 brach die DDR zusammen und damit eine ganze Welt. In Ihrem Tagebuch verlieren Sie darüber fast kein Wort.

Handke: Ich kann nur dann etwas aufschreiben, wenn mir Sprache zufliegt, Dinglichkeit. Es war mir nie im Sinn, ein zeitgenössisches Journal zu schreiben. Es sind Reflexe, die erweitert sind, nicht gerade zu Reflexionen, aber zu Läufen, zu Sprachläufen.

ZEIT: Sie schreiben nicht über persönliche Dinge, über Kopfschmerzen oder schlechte Betten.

Handke: Ich fand das nicht beschreibenswert. Was ich spüre, muss festgehalten werden in der Form, in der es sich jetzt zeigt. Dem gehe ich nach, dem gebe ich Luft durch Sprache, und zugleich verfestige ich es. Oft waren die Erlebnisse so überwältigend, dass ich eine Scheu hatte mitzuschreiben. Mein Tagebuch Das Gewicht der Welt war eine Reportage des Bewusstseins. In Gestern unterwegs habe ich manches mitgeschrieben, anderes für den nächsten Morgen aufgehoben, bis es durch den Kopf, durch den Körper gegangen war. Pythagoras hat seine Schüler dazu angehalten, so lange in den Betten zu bleiben, bis sie sich vergegenwärtigen konnten, was am Vortag gewesen war.

ZEIT: Wird es dadurch klarer?

Handke: Das Aufschreiben hat mich ortsfest gemacht. Oft wusste ich nicht, wo ich aufgewacht bin. Man kommt in der Nacht an und sieht nur Umrisse. Und wenn ich mich am nächsten Morgen in irgendeinem Hotel hingesetzt habe, um den Vortag aufzuschreiben, war das wie einkaufen gehen oder das Kind zur Schule bringen.

ZEIT: Ihre Reisen wirken wie Exerzitien. Könnten Sie sich vorstellen, als Mönch zu leben?

Handke: Oh nein. Ich bin ein Epikuräer. Warum sollte ich auf die Dinge verzichten, die mir Freude machen? Der Wein zum Beispiel ist eine der schönsten Erfindungen, er hat mir schon oft gut getan.