Biografie
Der Mann, der immer Sohn bleiben wollte
Peter-André Alt erzählt uns Kafkas Leben ganz freudianisch. Außerdem gibt es jetzt die »Amtlichen Schriften« und die Ausgabe der Briefe
Franz Kafka tritt seinen Dienst in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag erstmals am 30. Juli 1908 an. In der bei S. Fischer herausgegebenen Kritischen Ausgabe widmet sich der Band Amtliche Schriften den Texten und Schriftstücken, die Kafka dort verfasst hat, wobei bereits das Wort »verfassen« hier kaum zu verwenden ist. Denn die Textentstehungskriterien eines Beamten sind mit denen eines literarischen Autors nicht vergleichbar. Ediert und teilweise wissenschaftlich erschlossen waren hinsichtlich Kafkas Tätigkeit in der »AUVA« bislang Bilanz- und Rechenschaftsberichte, also zumeist größere, selbstständig verfasste Jahresabschlussberichte und Ähnliches, in denen Kafka als fachwissenschaftlicher »Autor« im normalen Sinn auftritt. Um sich die komplizierte Frage der Autorschaft bei den in dieser Ausgabe erstmals edierten Texten bewusst zu machen, muss man auf Kafkas alltägliche Tätigkeit als »Concipist« schauen.
»Den größeren Teil der amtlichen Schriften Franz Kafkas bilden juristische ›Schriftsätze‹ – eine nachgerade unauslotbare Menge von Texten, die auch aus dem weitherzigsten Begriff des Literarischen herausfallen, jedoch das Produkt seiner eigentlichen und alltäglichen Beschäftigung im ›Bureau‹ darstellen«, heißt es im Vorwort der Herausgeber. Kafkas Aufgabe als »Concipist« bestand darin, Texte oder Textbausteine zu konzipieren, sie aber nicht selbst (und eigenhändig unterzeichnend) im behördlichen Verkehr zu »veröffentlichen«, sondern quasi als Vorlage zur Verfügung zu stellen.
Autor und Unterzeichner treten in der Behörde auseinander (manche Dokumente sind vice versa von Kafka unterzeichnet, aber gar nicht von ihm geschrieben). Das macht die Textgrundlage natürlich zu einer gewaltigen Verwirrung. Akten entstehen nicht durch »Autoren. Akten sind im Unterschied zu Büchern und anderen Schrifterzeugnissen ›prozeßgeneriert‹, wie die Archivwissenschaft es nennt.« Kafkas berühmtestes Werk heißt notabene der Prozess und beschreibt, wie ein Herr Franz K. in behördlichen Zusammenhängen (beziehungsweise Zusammenhangslosigkeiten) untergeht – so wie Kafkas Autorschaft in der AUVA ebenfalls allerorten zu vermuten, aber kaum zu rekonstruieren ist. Querverweise aus Briefen sind ein Mittel, Kafka als Urheber von Texten zu ermitteln. Aber die Herausgeber sagen, dass sich nur »ein Korpus wahrscheinlicher oder möglicher Schriften« Kafkas ergeben kann. Stilistische Indizien sind verlockend, aber vage: »So glaubt man in den aus Manuskripten mehrerer Beamter zusammengesetzten Tätigkeitsberichten den Kafkaschen Text schon daran zu erkennen, daß man ihn versteht.«
Das »Bureau« hat man sich riesig und natürlich kafkaesk vorzustellen (vielleicht könnte man das Wort kafkaesk in Zukunft einfach durch »beamtisch« ersetzen, denn nach Lektüre dieses gewaltigen Bandes der Kritischen Ausgabe wird einem vieles über Kafka und das Beamtentum noch klarer als vorher): Es erstreckt sich über fünf Stockwerke mit insgesamt zweieinhalbhundert Angestellten.
Nur ein Spezialwissenschaftler wird dieses gewaltige Textcorpus im Ganzen lesen wollen, aber für den Laien ist es voller Trouvaillen, etwa das Unterkapitel zum »Jahresbericht 1909« mit dem Titel Unfallverhütungsmaßregel bei Holzhobelmaschinen. Man lernt dort zum Beispiel, in herrlich luziden Kafka-Satzperioden übrigens, was der sicherheitstechnische Unterschied zwischen runden Wellen und Vierkantwellen ist: »Ein solcher Unfall aber (mit der letztgenannten Welle) ging nicht vorüber, ohne daß mehrere Fingerglieder, ja selbst ganze Finger abgeschnitten wurden.« Dazu findet sich eine Tafel mit Zeichnungen der bei solchen Unfällen typischerweise auftretenden Verstümmelungen.
Gerade durch die ausführlichen Vorbemerkungen lernt man insgesamt das Arbeitsklima besser verstehen, das sich hinter dem Wort Versicherungs-Anstalt verbirgt. Die Etagen und die Struktur des »Bureaus« entstehen erstmals fast plastisch vor einem; nicht uninteressant, wenn man sich beispielsweise vorstellt, dass Kafka ja fast die ganze Zeit während seiner eigenartigen Liebschaft mit Felice Bauer nicht zu Hause am Schreibtisch oder im Park oder Café war, sondern in diesem Monsterapparat festsaß, mit meist erheblichen Kopfschmerzen. Insofern bildet der ebenfalls erschienene Band Briefe April 1914 bis 1917 eine ideale Ergänzung zu dem erwähnten Band.
Wenn man sich die quälerischen Briefe an Felice Bauer oder die an seine zweifelhafte Beraterin in der Bauer-Affäre, Grete Bloch, zu den amtlichen Schriften dazudenkt, dann hat man beide Hälften eines ganzen Kafka-Tages in diesen Jahren vor sich (abgesehen natürlich von der zeitgleich entstehenden Literatur) und kann sich die Kopfschmerzen gut vorstellen. Die meisten der im Band enthaltenen Briefe sind bekannt, allerdings besticht die Ausgabe durch den sehr handlichen Apparat am Ende und vor allem durch die Kurzbiografien mit den Viten der Adressaten und der in den Briefen erwähnten Personen. Insofern ist der Band auch ein Nachschlagewerk.
»Bureau« und (natürlich immer hochkomplizierte) Liebesdinge überschneiden sich nicht selten, etwa wenn Kafka Ende März 1914 ans Telefon ins »Präsidialzimmer« gerufen wird, die Leute hinter sich in der Warteschlange »durch einen Fußtritt« zur Ruhe bringt und mit »F.« (Felice Bauer) telefoniert, im allgemeinen Lärm überhaupt nichts versteht und anschließend vom bestens gelaunten Direktor darauf hingewiesen wird, er solle lieber den Mund ans Telefon legen, nicht die Augen.
Wer Kafkas Nachtleben studiert, versteht den »Prozess« besser
Der scheue Franz Kafka, der einigermaßen peinlich genau darauf achtete, nicht allzu viel Lebenszeugnisse zu erhalten, wird langsam, aber sicher zu einer der meisterforschten Personen der Gegenwart. Er erinnert darin an Cicero, die besterforschte Person der klassischen Antike. Ciceros Leben kann man geradezu Tag für Tag rekonstruieren, wie bei Kafka. Cicero aber hat es darauf angelegt, indem er unermüdlich sämtliche seiner Lebenszeugnisse selbst edierte. Bei Kafka müssen es andere tun. Cicero verdankt sein detailliertes Überleben seiner gigantischen Eitelkeit, bei Kafka ist es genau umgekehrt. Dass gerade Kafka als Person des 20. Jahrhunderts so plastisch bewahrt wird (und immer plastischer wird), liegt vielleicht an seinem neurotischen Dasein und seiner insgesamten Nähe zu Freud. Wo Thomas Mann in unersättlichen Camouflagen das eigene Wesen dadurch preisgibt, indem er es verbirgt, macht Kafka sein neurotisches Dasein selbst zur Sprache und zum Inhalt. Insofern ist er der ideale Repräsentant des Freudschen Jahrhunderts und vielleicht deshalb so tauglich zur Ikone.
Eine weitere Portion Kafka bekommt man nun auch durch die neue Biografie von Peter-André Alt. Sie heißt Franz Kafka, Der ewige Sohn . Die psychologische These des Buchs liegt im Titel: Kafka habe nie die Sohnesrolle transzendiert, sich so immer seine Unselbstständigkeit bewahrt, habe Entscheidungen gescheut, habe alles, was in Richtung eigene Familie (mit ihm als Vater) gehe, höchst zögerlich unternommen und immer wieder vorzeitig beendet, Frauen seien für ihn eher Personen in Schwesterrollen gewesen (die man also auch nicht heiraten könne) und so weiter. Alt vertieft das, indem er sich, auch sozialgeschichtlich interessant, recht ausführlich dem Sexualhaushalt Kafkas widmet, der Bordellbesucher war und insgesamt mit anderen Männern einen regelrechten Informationsaustausch über die Möglichkeit von Frauenbeschaffung unterhielt. Man trifft sich beim Hofrat Pachinger, schaut sich gemeinsam pornografische Fotografien an (»Er liebt Rubensweiber wie er sagt«, schreibt Kafka), der Hofrat gibt »handfeste Ratschläge«, die Kafka zitiert: »Sehr ergiebiger Fasching in München. Nach dem Meldeamt kommen während des Faschings über 6000 Frauen ohne Begleitung nach München offenbar nur um sich koitieren zu lassen«.
Wenn man sich die Briefe an Felice Bauer anschaut und dann mit Alt Kafkas Nachtleben studiert (während der Verlobung mit Felice Bauer schränkte er es etwas ein), dann wird einem schlagartig bewusst, worin die eigentliche Schuld in Josef K.s Prozess bestehen dürfte, den dieser ja letztlich gegen sich selbst führt. Es ist die Epoche Freuds, und Kafka wird einem durch Alt zunehmend freudianisch. Aber das ist nur ein Teilaspekt des umfangreichen Buchs.
Alt streut Exkurse verschiedenster Art ein, manchmal geradezu Miniaturen, über chassidische Überlieferungen, über Prostitution in Prag, über moderne Kommunikationstechnik (angestoßen durch den erwähnten Brief mit den Augen am Telefon), über die erzählerischen Darstellungsformen des Talmuds und über vieles mehr. Dennoch ist das Leben Kafkas hier in einem Bogen durcherzählt, und am Ende (das Buch schließt mit Kafkas Tod) hätte man gern genauso ausführlich weitererzählt bekommen, wie es anschließend, peu à peu, weiterging mit Kafka und wie aus dem noch zu Lebzeiten eher unbekannten Mann postum langsam der öffentliche Riese wurde, der er heute ist.
- Datum 16.5.2008 - 10:37 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 01.02.2006 Nr.6
- Kommentare 1
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Sicherlich handelt es sich um einen Flüchtigkeitsfehler, der seinen nahe liegenden Grund wohl in dem von Kafka für mehrere seiner Figuren verwendeten Initial "K." hat, das allzu leicht als Verweis auf einen Autor gelesen werden kann, bei dem sich ohnehin nahezu immer auch autobiographische Spuren in den literarischen Text einschreiben. Gleichwohl müsste der Protagonist des Romans "Der Process" mit Vornamen korrekterweise J o s e f heißen, und nicht Franz.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren