Franz Kafka tritt seinen Dienst in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag erstmals am 30. Juli 1908 an. In der bei S. Fischer herausgegebenen Kritischen Ausgabe widmet sich der Band Amtliche Schriften den Texten und Schriftstücken, die Kafka dort verfasst hat, wobei bereits das Wort »verfassen« hier kaum zu verwenden ist. Denn die Textentstehungskriterien eines Beamten sind mit denen eines literarischen Autors nicht vergleichbar. Ediert und teilweise wissenschaftlich erschlossen waren hinsichtlich Kafkas Tätigkeit in der »AUVA« bislang Bilanz- und Rechenschaftsberichte, also zumeist größere, selbstständig verfasste Jahresabschlussberichte und Ähnliches, in denen Kafka als fachwissenschaftlicher »Autor« im normalen Sinn auftritt. Um sich die komplizierte Frage der Autorschaft bei den in dieser Ausgabe erstmals edierten Texten bewusst zu machen, muss man auf Kafkas alltägliche Tätigkeit als »Concipist« schauen. Ein undatiertes Porträt des österreichischen Schriftstellers Franz Kafka BILD

»Den größeren Teil der amtlichen Schriften Franz Kafkas bilden juristische ›Schriftsätze‹ – eine nachgerade unauslotbare Menge von Texten, die auch aus dem weitherzigsten Begriff des Literarischen herausfallen, jedoch das Produkt seiner eigentlichen und alltäglichen Beschäftigung im ›Bureau‹ darstellen«, heißt es im Vorwort der Herausgeber. Kafkas Aufgabe als »Concipist« bestand darin, Texte oder Textbausteine zu konzipieren, sie aber nicht selbst (und eigenhändig unterzeichnend) im behördlichen Verkehr zu »veröffentlichen«, sondern quasi als Vorlage zur Verfügung zu stellen.

Autor und Unterzeichner treten in der Behörde auseinander (manche Dokumente sind vice versa von Kafka unterzeichnet, aber gar nicht von ihm geschrieben). Das macht die Textgrundlage natürlich zu einer gewaltigen Verwirrung. Akten entstehen nicht durch »Autoren. Akten sind im Unterschied zu Büchern und anderen Schrifterzeugnissen ›prozeßgeneriert‹, wie die Archivwissenschaft es nennt.« Kafkas berühmtestes Werk heißt notabene der Prozess und beschreibt, wie ein Herr Franz K. in behördlichen Zusammenhängen (beziehungsweise Zusammenhangslosigkeiten) untergeht – so wie Kafkas Autorschaft in der AUVA ebenfalls allerorten zu vermuten, aber kaum zu rekonstruieren ist. Querverweise aus Briefen sind ein Mittel, Kafka als Urheber von Texten zu ermitteln. Aber die Herausgeber sagen, dass sich nur »ein Korpus wahrscheinlicher oder möglicher Schriften« Kafkas ergeben kann. Stilistische Indizien sind verlockend, aber vage: »So glaubt man in den aus Manuskripten mehrerer Beamter zusammengesetzten Tätigkeitsberichten den Kafkaschen Text schon daran zu erkennen, daß man ihn versteht.«

Das »Bureau« hat man sich riesig und natürlich kafkaesk vorzustellen (vielleicht könnte man das Wort kafkaesk in Zukunft einfach durch »beamtisch« ersetzen, denn nach Lektüre dieses gewaltigen Bandes der Kritischen Ausgabe wird einem vieles über Kafka und das Beamtentum noch klarer als vorher): Es erstreckt sich über fünf Stockwerke mit insgesamt zweieinhalbhundert Angestellten.

Nur ein Spezialwissenschaftler wird dieses gewaltige Textcorpus im Ganzen lesen wollen, aber für den Laien ist es voller Trouvaillen, etwa das Unterkapitel zum »Jahresbericht 1909« mit dem Titel Unfallverhütungsmaßregel bei Holzhobelmaschinen. Man lernt dort zum Beispiel, in herrlich luziden Kafka-Satzperioden übrigens, was der sicherheitstechnische Unterschied zwischen runden Wellen und Vierkantwellen ist: »Ein solcher Unfall aber (mit der letztgenannten Welle) ging nicht vorüber, ohne daß mehrere Fingerglieder, ja selbst ganze Finger abgeschnitten wurden.« Dazu findet sich eine Tafel mit Zeichnungen der bei solchen Unfällen typischerweise auftretenden Verstümmelungen.