Diskothek Mein liebster Mozart

Wer spielt die Klaviersonaten am schönsten? Wer dirigiert das ergreifendste Requiem? Acht CD-Empfehlungen

Adagio wie von KubrikVon Michael Naumann

Mozart war 18 Jahre alt, als er die Klaviersonate in F KV 280 zu Papier brachte. Der erste Satz, Allegro assai, kommt als temperamentvolle Verbeugung vor Joseph Haydn einher. Seine durchsichtige Heiterkeit dient aber nur einem Zweck: die Tür zu öffnen zu einem Adagio, für das dieser Autor – kein Musikkritiker, sondern nur einer jener blöden Schwärmer, für die aller Musikgenuss nach Bildern sucht –, für das also dieser Enthusiast nur ein Bild bemühen möchte, und zwar eins von Stanley Kubrick. In seinem Film Barry Lyndon (1975), der zu Lebzeiten Mozarts spielt, erblickt, nein erschauert die Kamera vor dem unerhört schönen Gesicht der Schauspielerin Marisa Berenson, Tochter der Elsa Schiaparelli. Sie ist die leibhaftige Widerspiegelung jenes Adagios – eine Schönheit von allergrößter Hoffnungslosigkeit. Und man ahnt leider, dass sie niemals von dieser Verwandtschaft mit einer Sonate Mozarts auch nur geträumt hat. Ja, hätte doch Clara Haskil so ausgesehen. So aber empfehlen wir die Prager Aufnahme von Svjatoslav Richter aus den sechziger Jahren: Er spielt es gerade so, als blätterte Marisa B. die Noten um (Svjatoslav Richter, Le Chant du Monde, No. 10, CMX 356029; die CD ist Teil eines 15-CD-Pakets mit Aufnahmen Richters).

Nicht zu übertreffenVon Jens Jessen

Arthur Grumiaux, letzter Exponent der berühmten belgischen Geigerschule, hat 1956/59, also kurz vor Clara Haskils Tod, sechs der besten Violinsonaten Mozarts zusammen mit ihr eingespielt, als hätten die beiden ein Leben lang auf diesen Moment hingeübt. Es ist ein nachgerade rauschhaftes Gemeinschaftswerk und, zum Ärger späterer Interpreten sei’s gesagt, weder stilistisch noch klanglich überholbar (Philips/Universal 412 253 2). Wer Glanz und Attacke, die unbeschreibliche Leuchtkraft und Lebhaftigkeit von Grumiauxs Violine gehört hat, wird den unsubtilen, warmen Brummton einer Anne-Sophie Mutter nie wieder ertragen. Manchmal verrät sich die Aufnahmetechnik der fünfziger Jahre in einem leicht dumpfen Klavierklang. Aber Clara Haskil ist dominant genug, um gleichwohl klarzustellen, dass sie Mozart hier wie andernorts nicht nur mit Intelligenz und Esprit, sondern auch dem nötigen Biss musiziert; wie denn überhaupt das Musikantische, Unweinerliche, von jeder zärtelnden Zartheit weit Entfernte der größte Vorzug dieser Einspielung ist.

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Tränen aus LakritzVon Christof Siemes

Es gibt Menschen, die wollen zu den Klängen aus dem 2. Satz des Klarinettenkonzerts KV 622 beerdigt werden. Ein tear jerker, ein Tränenzieher, die großen Bögen dieses Adagios führen direkt in die Ewigkeit. Letzte Musik für letzte Dinge: Es ist Mozarts letztes vollendetes Werk überhaupt. Und doch kein Schwanengesang, sondern eine Freundschaftsmusik. Mozart schrieb sie für den Wiener Hofklarinettisten Anton Paul Stadler, mit dem er sogar die Gründung der Freimaurerloge Die Grotte plante. Mozart vertraute dem Freund so sehr, dass er ihm selbst in Zeiten eigener finanzieller Not 500 Gulden lieh, die Stadler auch bei Mozarts Tod noch schuldig war (weshalb Mozarts Schwägerin ihn einen Blutsauger und wertlosen Menschen nannte).

Leser-Kommentare
    • rabin
    • 18.08.2008 um 9:11 Uhr

    Vergleichende Rezensionen sind immer ein Problem . Wieviele Aufnahme kennt der Rezensent denn, wenn er /sie vergleicht ?Mozart Requiem zum Beispiel, wieviele Aufnahmen müsste man kennen, damit man ein vergleichendes Urteil abgeben kann ? 20 oder 40 ? Kann man den Höreindruck von 20 oder 40 Aufnahmen speichern, um dann zu einem vergleichenden Urteil zu kommen ?Richter bei Mozart zu schätzen, als Referenz, kann man das, ohne die Interpretation von Haskil, Pires,Zacharias zu kennen ?Meine Lieblingsaufnahme, das kann man stehen lassen. Vielleicht kennt man nur eine, aber das ist dann "meine" Lieblingsaufnahme.Aber, ein Urteil, wer spielt am besten Mozart ?  Angesichts der Überfülle von Aufnahmen der Kompositionen von Mozart ist dies immer fragwürdig.

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