integrationGerechtigkeit für die Muslime!

Die deutsche Integrationspolitik stützt sich auf Vorurteile. So hat sie keine Zukunft. Petition von 60 Migrationsforschern von Yasemin Karakasoglu und mark Terkessidis

Vor einiger Zeit hat der Berliner Stadtteil Neukölln eine Kampagne gegen die Zwangsheirat gestartet. Mit riesigen Plakaten wird über das Phänomen aufgeklärt und Beratung angeboten. Auf der Seite wird zwar politisch korrekt darauf hingewiesen, dass die Zwangsheirat »in allen Kulturkreisen« anzutreffen sei, doch der Klick auf die Literaturhinweise spricht eine ganz andere Sprache. Dort findet man nämlich eine Liste der derzeit populären Sachbücher über den Islam – an erster Stelle Necla Keleks dann von Ayaan Hirsi Ali und von Seyran Ates. Bei diesen Werken handelt es sich um eine Mischung aus Erlebnisberichten und bitteren Anklagen gegen den Islam, der durchweg als patriarchale und reaktionäre Religion betrachtet wird. Zudem werden Romane empfohlen – alles Boulevard-Storys, in denen »muslimische Mädchen« ganz »authentisch« berichten, wie sie gequält und geschunden wurden. Schließlich finden sie ihr Refugium im Schoße der westlichen Zivilisation. Die Stoßrichtung dieser Literaturempfehlungen ist eindeutig: Es ist der unverbesserlich rückschrittliche Islam, der verantwortlich ist für Zwangsverheiratungen und andere Grausamkeiten. Als Gegenmittel hilft nur »Integration« in die deutsche, sprich westliche Gesellschaft.

Dass diese Bücher mit der Autorität der städtischen Verwaltung empfohlen werden, ist kaum verwunderlich – schließlich hatte der ehemalige deutsche Innenminister Otto Schily höchstpersönlich das Buch von Necla Kelek den Lesern des Spiegels ans Herz gelegt. Allerdings sollte man annehmen, dass Verwaltung und Ministerium dem interessierten Publikum eine Literatur empfehlen, die eine aufklärende Wirkung hat, also eine Literatur, deren Aussagen wissenschaftlich abgesichert sind. Tatsächlich ist aber genau das Gegenteil der Fall – bei den erwähnten Büchern handelt es sich um reißerische Pamphlete, in denen eigene Erlebnisse und Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt werden, das umso bedrohlicher erscheint, je weniger Daten und Erkenntnisse eine Rolle spielen.

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Die Literatur ist unwissenschaftlich und arbeitet ganz offensichtlich mit unseriösen Mitteln. Necla Kelek beispielsweise hat vor etwa drei Jahren ihre Dissertation zum Thema Islam und Alltag vorgelegt, in der sie zu ganz anderen Ergebnissen kommt als in Die fremde Braut. Sie stellte damals fest, dass der Islam für die jungen Leute türkischer Herkunft vor allem ein Mittel der sozialen Identifikation sei – und weniger eine unhinterfragte religiöse Tradition. In den Islamvorstellungen der von ihr interviewten jungen Leute zeige sich eine Modernisierung des Islam – eine Anpassung an die hiesigen Lebensumstände und eine Subjektivierung des Hergebrachten.

Dass sie in Die fremde Braut das genaue Gegenteil behauptet, scheint für Necla Kelek kein Problem zu sein. Sie verwendet sogar Interviewmaterial aus ihrer früheren Untersuchung – allerdings wird es nun neu gedeutet. 2002 schrieb sie: »Das Bekenntnis zum Muslim-Sein darf im Regelfall nicht als traditionelle Selbstverortung missverstanden werden.« 2003 werden Interviewaussagen von »Mete« und »Emil«, die aus der Untersuchung Islam im Alltag stammen, völlig anders interpretiert. Das Menschen- und Weltbild des Islam, das den Einzelnen der Gemeinschaft und dem Willen Gottes unterwerfe, werde von den Jugendlichen überhaupt nicht hinterfragt, schreibt sie. Und weiter: »Es kann auch gar nicht infrage gestellt werden, weil der Islam als Gesetzesreligion gottgegeben ist. Dieses Kulturmuster prägt das Handeln der muslimischen Migranten in Deutschland bis in den letzten Winkel ihres Alltags – ihr Leben, ihr Verhalten, die Erziehung der Kinder. Und diese Werte haben mit den Werten und Normen der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht viel gemein.«

Offenbar wurden hier die eigenen – und zwar wissenschaftlich abgesicherten – Erkenntnisse mutwillig verbogen, um am Buchmarkt einen Erfolg zu landen und sich dabei selbst als authentischen und vorgeblich wissenschaftlich legitimierten Ansprechpartner für alles, was mit »den Türken« oder »dem Islam« zu tun hat, in Szene zu setzen. Das Kalkül geht auf, von der taz bis zur ZEIT wird Kelek gern konsultiert, wenn es darum geht, »türkische« oder »islamische« Verhaltensweisen zu deuten. Sie darf gewalttätige Übergriffe türkischer Fußballnationalspieler gegen die Schweizer Mannschaft unreflektiert auf die islamische Religionszugehörigkeit der türkischen Spieler zurückführen oder Vandalismus von jungen Migranten nach französischem Vorbild mit Hinweis auf das Unvermeidliche der »türkisch-islamischen Kultur« auch für Deutschland prognostizieren. Dabei sind die »Analysen« nichts mehr als die Verbreitung billiger Klischees über »den Islam« und »die Türken«, angereichert durch schwülstige Episoden aus Keleks Familiengeschichte.

Dass Politik mithilfe der Medien zur Verbreitung solch unseriöser Literatur beiträgt, um eigene integrationspolitische Fehler im Umgang mit dem Thema Zuwanderung zu verschleiern – diese Entwicklung beobachten wir mit Besorgnis. Wir, die Verfasser und Unterzeichner dieses offenen Briefes, sind Forscher und Forscherinnen, die zu unterschiedlichsten Facetten des Themas Migration gearbeitet haben – zu Generationenbeziehungen, Zugehörigkeit, Islamvorstellungen, Lebensentwürfen, Ethnizität und Ethnisierung, Rassismus und Identitätsentwicklung.

In den letzten Jahren hat sich in Deutschland eine quantitativ und qualitativ-empirische Migrationsforschung entwickelt, die international anschluss- und konkurrenzfähig ist. Wenn auch Unterschiede existieren, was die theoretische Rahmung der Befragungsergebnisse betrifft, so gibt es doch ganz erstaunliche Übereinstimmungen in den Ergebnissen unserer Forschung. Im Großen und Ganzen werden die Ergebnisse gestützt, zu denen auch Necla Kelek gekommen ist, als sie noch wissenschaftlich vorgegangen ist.

Leserkommentare
    • kb26919
    • 05. Februar 2006 5:03 Uhr

    Da Sie sich in ihrem Kommentar als 'Tuerkische Frau in D"ausgaben durfte ich annehmen dass sie auch tuerkin sind-nun behaupten Sie dass sie einen deutschen Pass haben ,also 'tuerkisch-staemmig mit deutschem Pass'- ok.Die Lebenssituation der muslimschen Einwander und die Probleme die Muslime in Deutschland sind nicht mein Problem.Schliesslich kamen sie meisten von ihnen nach Deutschland aus freiem Willen weil sie sich in D.Arbeit,Loehne,Krankenversicherung und Rente erhofften-also ganz klare wirtschaftliche Ueberlegungen. Mich sorgt nur wie die nicht existierende Einwanderungs Politik sich auf mein Leben auswirkt.Denn egal wie minimal die Bildung dieser Immigranten war,sie wussten dass sie in ein Land mit anderen Sitten und Gebraeuchen und auch Religion ausreisen .Das kann keine Ueberraschung gewesen sein.Sie fanden die Jobs,bekamen Loehne entschieden hoeher als sie sich in der Tuerkei erhoffen konnten da die meisten offenbar vom Lande kamen.Sie liessen sich hier nieder brachten die Familie mit und machten keine Versuche sich anzupassen,lernten die Sprache nicht und fanden es auch nicht notwendig dass ihre Kinder sie lernten was zum Ergebnis hat dass die tuerkisch-staemmigen Jugendliche schlechter Deutsch sprechen als die Generation davor..Es wird immer behauptet dass es eine Generation oder 2 dauert bis sich die Wellen glaetten,bei den Italienern,Portugiesen und Jugoslawen klappte das -doch bei den Muslimen wachsen die Probleme Jahr fuer Jahr.Sie schreiben dass es die tuerkische Frau in der deutschen Gesellschaft nicht gibt-stimmt- aber das ist nicht Schuld der Deutschen.Dass es den Islam gibt weiss seitdem die Horden im Gaza Streifen und anderen islamischen Laendern die europaeischen Botschaften abfackeln auch wohl der letzte Hinterwaeldler; der Islam zeigt sich was viele schon lange befuerchtet haben ist eine Religion die gefaehrlich ist weil sie intolerant und menschenverachtend ist.Ich kenne keine andere Immigranten-Gruppe die ihre Landsleute zu Gewalt gegen Andere aufruft.Sie schreiben,sie haetten noch keine Imame getroffen die zur Gewalt aufrufen- mag ja sein-deswegen gibt es sie aber doch.Im Monitor,der nicht rechtslastig ist wurden mehrere Beispiele bezeigt und einige sind ja auch schon ausgewiesen worden.Sie scheinen zu glauben dass die Deutschen sich in Geduld ueben muessen bis die muslimischen Immigranten sich hier eingelebt haben und dass die Integration so gestaltet wird dass es fuer die Einwanderer simpel und ohne Konditionen-am besten auf tuerkisch oder was immer die Nationalitaet des Einzubuergenden ist.Sie bestreiten dass es Zwangsheiraten gibt, wer sind denn die Maedchen die im Fernsehen ( mit verdecktem Gesicht und verzerrten Stimmen von ihren Aengsten erzaehlen und die sich in Frauenhauesern vor ihren maennlichen Familien Mitgliedern verstecken muessen da sie Angst haben muessen umgebracht zu werden wenn sie entdeckt werden? alles Statisten die man fuer extra fuer diese Sendungen eingestellt hat? wohl kaum. Persoenlich habe ich es aufgegeben zu glauben dass muslimische Einwanderer sich hier irgendwann mal anpassen,die Sprache lernen und Deutsche werden- ich rede hier nicht nur vom deutschen Pass.Wenn ich die Entwicklung der Immigranten inDeutschland ansehe dann sehe ich wenig Bereicherung sondern massenhaft Probleme wegen der enormen kulturellen Unterschiede und ich glaube dem Iman,der in einer daenischen Zeitung in einem Interview sagte dass ein Muslim kein Buerger wie jeder andere sein kann weil Muslime nur die Gesetze des Islam,die Sharia anerkennen fuer sie gibt es keine Trennung von Staat und Kirche.Diese Eigenheiten der muslimischen Immigranten macht eine Integration unmoeglich,auch nicht in
    100 Jahren. Man kann Wasser und Oel nicht mischen.

  1. In der Türkei erschießt am 5.2.2006 ein 16-jähriger einen katholischen Priester aus blankem Haß auf alles Christliche. Einige Woche später spricht ein evangelischer Pfarrer, der Bonner Superintendent Burkhard Müller, das Wort zum Sonntag (11.2.2006). Er meint (Pfarrer Müllers Einlassungen sind unverändert in Anführungszeichen gesetzt)

    "Das Fass läuft über. Der Islam ist..."

    Ja bitte?

    "eine großartige Religion."

    Bitte was? Der Mann macht offenbar Witze...

    "Vielen von uns ist sie fremd..."

    Das wollen wir als Christen doch inständig hoffen...

    "oder weithin unbekannt. Menschen, die den Islam lieben, bedauern zutiefst die Bilder der Gewalt in den Medien..."

    Bitte wo? Bitte - wo ist die Gewalt? In den Medien? Verräterischer Lapsus: Pfarrer Mül­ler kann nicht schreiben, was er sich nicht zu denken erlaubt: Die Gewalt ist nämlich im Iran, in In­donesien oder in Syrien. Dort und auschließlich dort findet sie statt und nicht in den Me­dien

    "...die abgefackelten Fahnen, die gestürmten Botschaften, die zertrümmerten Autos, die aufgehetzten grölenden Massen. Dies und anderes lässt uns von der Schönheit und Tiefe ihrer Religion wenig ahnen. Ich weiß aber, dass trotzdem manche aus meiner christlichen Kirche..."

    zum Beispiel jene, die ihren Jesus für ein Linsengericht gleich an den nächsten Mohammed verraten möchten

    "...mit mir überzeugt sind: der Islam hat viel Segen über die Welt gebracht..."

    Nachbarin, Euer Fläschchen!

    "Wenn ich in Teheran geboren wäre oder in dem Armenviertel zu Djakarta, wäre der Islam auch für mich Halt und großer Hoffnungsanker. Aber nun bin ich in der christlichen Welt geboren..."

    Klingt so, als täte Pfarrer Müller das ganz furchtbar leid

    "Und ich bin von Herzen Christ."

    Hier haben wir inzwischen leise Zweifel...

    "Auch..."

    Auch? Was haben Sie da gesagt – auch?

    "...der christliche Glaube ist eine großartige Religion. Diese Religion ist vielen fremd und weithin un­bekannt. Und es wird den Muslimen nicht leicht gemacht, die Schönheit und Tiefe der christli­chen Religion zu erkennen. Die amerikanischen Soldaten im Irak werden als Besatzer erlebt. Über bombardierte Orte in Afghanistan wird berichtet. Die Bilder von Abu Ghraib, die Gerüchte von Schändungen des Koran in Guantanamo, und jetzt die gemeinen und diffamierenden Karikaturen aus Dänemark!"

    Die Wohltaten, die unsere christlich geprägten Sozialstaaten den Anhängern Allahs Monat für Monat aufs Konto überweisen (wir erinnern an die Sozialhilfe für den Kalifen von Köln), überse­hen wir mal genauso wie die weltanschauliche Freiheit, die wir in Deutschland allen Moslems gewährleisten – eine Freiheit, die von den Amerikanern gebracht worden ist und von uns Deutschen seit über 50 Jahre als demokratischer Rechtsstaat bewahrt wird... Von einem entscheidenden Beitrag der Moslems zu diesem Staat ist mir nichts bekannt. Bekannt ist freilich, daß sie unseren Rechtsstaat bedrohen und einzuschüchtern versuchen und ihn kaum respektieren...

    "Die dänischen Karikaturen waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Und dieses Fass ist voll mit Demütigungen und Verletzungen der islamischen Welt durch die christliche, die westliche Welt während vieler Jahrhunderte..."

    Genau. Wer erinnert sich nicht an Bismarck, der Kairo erobert und niedergebrannt hat, an Friedrich Ebert, der Mekka zur Hadsch rot anstreichen wollte, an Konrad Adenauer, der jeden Morgen auf dem Koran gefrüh­stückt hat. Na, zum Glück genießt wenigstens ein Deutscher im arabischen Raum ein bißchen Anerkennung, nämlich Adolf Hitler. Der war nämlich auch gegen die Juden!

    "Die Kreuzzüge sind nicht vergessen, denn das Gedächtnis der Völker ist lang, die demütigende Ko­lonialisierung, der Wirtschaftsimperialismus des Westens, der nicht an den Völkern, nur an ihrem Öl interessiert ist. Wie soll man da als Muslim glauben, dass die christliche Religion viel Segen in die Welt gebracht hat..."

    Und deshalb lehnen alle Moslems entschieden jedes Almosen aus westlichen Sündenkassen ab!

    "...viele Christen bedauern das zutiefst und schämen sich zwar nicht ihres Glaubens, aber dieser Ge­schichte..."

    Pfarrer Müller ist da eine Ausnahme: Er schämt sich auch seines Glaubens!

    "Ich träume davon, dass..."

    der ganze Müllerische Irrsin übrigens im irrsinnigen Neurechtschreib

    "...irgendwann Christen und Muslime eine 'Charta des religiösen Miteinanders' erarbeiten und durch ihre geistlichen Führer öffentlich feierlich unterzeichnen und dann den Mitgliedern zur Unterschrift vorlegen. Folgendes könnte die Selbstverpflichtung beinhalten:

    "Wir wollen einander mit Respekt begegnen.
    Wir wollen die gegenseitigen Vorurteile im Gespräch abbauen.
    Wir wollen einander besser kennen lernen.
    Wir wollen den Glauben des andern respektieren.
    Wir wollen einmal jährlich gemeinsam feiern.
    Wir Christen bitten Gott, dass er uns um Jesu willen zu wahren Christen macht.

    Wir Muslime bitten Gott, dass er uns durch den Koran zu wahren Muslimen macht. Wir bitten ge­meinsam um Geduld, wenn wir auf dem Weg zu einander hin nur langsam vorankommen.
    Gelobt sei Gott."

    Der müßte doch in diesem Falle „Allah“ heißen.
    Bei unseren evangelischen Mitbrüdern ist offenbar alles erlaubt.
    Bloß nicht Christ zu sein...

    Eine Leserempfehlung
    • nesape
    • 03. Februar 2006 10:00 Uhr
    3. Elite

    Unglaublich, und das ist Elite?

  2. Jesses! Das Ahmadiyya-BILDchen zum Artikel "Gerechtigkeit für die Muslime" ist verschwunden...

    Ob mein bescheidener Beitrag über diese Sekte doch etwas genutzt hat?

    Eugen Prinz

    • Scoob
    • 15. Februar 2006 12:18 Uhr

    ich glaube, Sie erkennen allmählich, was mein tatsächliches Anliegen ist. Bevor ich aber auf diesen Punkt und auf Ihren Kommentar kurz eingehe, möchte ich folgende bereinigende Bemerkungen machen, damit wir auf einer sauberen Grundlage diskutieren können:

    Einverstanden, wir legen den „unfruchtbaren Streit“ über Kelek bei, zumal ich glaube, dass jegliche Diskussionen hierüber in einem übergeordneten Kontext, wie Sie ihn nun aufgegriffen haben, am Besten betrachtet und bewertet werden können.

    In Ihrem Kommentar haben Sie nach dem Zitat aus meinem Beitrag folgenden Satz angefügt: „Da stimmen wir überein, aber genau da liegt doch aus das Problem“. Ich teile mit Ihnen dieses Urteil. Hierin verbirgt sich tatsächlich das essentielle Problem, den man allen Kommentaren im Zeit-Forum zugrunde legen kann. Aber ich möchte im Folgenden möglichst knapp darlegen, dass man diese Problematik auf ein beherrschbares Niveau reduzieren kann, wenn sie analytisch erschlossen und auf mehrere Diskussionsebenen aufgeschlüsselt wird:

    1. Der Islam in der Welt (globaler Aspekt)
    2. Der Islam in Europa / Deutschland (regionaler Aspekt)

    Punkt 1: Hierin können die von Ihnen angebrachten Zitate von Khoury subsumiert werden. Khoury ist mir vom Namen bekannt, seine Bücher hingegen kenne ich (noch) nicht.

    Als jemand, der Teil der islamischen Gemeinde ist, kann ich ausgehend von meinem Wissen und meinen Erfahrungen die Auslegungen von Khoury bestätigen. (Er hat es übrigens sehr gut auf den Punkt gebracht.) Allerdings betreffen seine Aussagen die „Reinform des Islams“, der den islamischen Staaten – bezeichnen wir es mal - als eine Hintergrund-Folie dient. Das soll heißen, dass ihre realpolitische Ausprägungen in der islamischen Welt variieren. Eine einfache, deskriptive Analyse der betroffenen Länder wird diesen Sachverhalt offen legen.

    Ich möchte dies thesenartig konkretisieren: Die Hintergrund-Folie, die aus der reinen Lehre des Islams abgeleitet ist, stellt den „Wertehimmel“ in islamischen Ländern dar, innerhalb dessen Staaten, als diesseitige Institutionen, realpolitisch agieren.

    Wie unterschiedlich der Islam ausgeprägt ist, gelebt und politisch ausgestaltet wird, zeigt ein einfacher Ländervergleich beispielsweise zwischen der Türkei und Iran oder Ägypten und Saudi Arabien. Wie unterschiedlich es gar in einem einzigen Land ausgeprägt sein kann, demonstriert Iran auch. Der Vorgänger des heutigen iranischen Staatspräsidenten Ahmadinejad hatte nach innen und nach außen hin andere politische Akzente gesetzt als der gegenwärtige Präsident. Und Sie stimmen mir sicherlich in dem Punkt zu, dass Religion bzw. religiöse Fragen (nicht nur in den islamischen Ländern) oftmals durch die politische Führung instrumentalisiert wird, um Loyalitätspotenziale zu mobilisieren, die eigene Machtsbasis zu stabilisieren usw. usf.

    Was die Ausgestaltung des Verhältnisses der westlichen, laizistischen, demokratischen Ländern zu den islamischen Ländern anbelangt, so müssen sie die grundlegende Frage beantworten, ob sie in der Welt „Kulturrelativismus“ oder „Kulturuniversalismus“ durchsetzen möchten. Dies ist mir – auch in Anlehnung an den Karikaturen-Streit – nicht ganz klar.

    Punkt 2: Hier siedeln sich meine persönlichen Schwerpunkte und Interessen an. Wie Sie vielleicht aus meinen früheren Beiträgen insbesondere in Korrespondenz zu den Kommentaren von kb26919 erkannt haben, ist die Integrationspolitik ein sehr wichtiges Anliegen von mir.

    Auf dieser Ebene spitzt sich die Problematik auf folgende grundlegende Fragen zu:

    Stellen die Moslems bzw. die Türken eine Gefahr für die freiheitliche, demokratische Grundordnung Deutschlands dar? Sind die Moslems bzw. die Türken in eine solche Gesellschaft integrierbar?

    Hierfür muss aber zuerst der Begriff „Integration“ operationalisiert werden. Dies stellt doch die Vorbedingung dar, um überhaupt die obigen Fragen beantworten zu können. Dies ist auch das Defizit in der deutschen Integrationspolitik. Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens, was Integration bedeutet und wie sie inhaltlich ausgefüllt werden kann – teils aus mangelndem Interesse. Stattdessen wird in marginalen Diskussions-Arenen über diese Thematik diskutiert – teils aus politischem Kalkül. Angeblich soll die Multi-Kulti-Gesellschaft gescheitert sein und stattdessen eine Parallelgesellschaft sich entwickelt haben. Dieser Zugang zur Problematik ist nicht nur falsch, er behindert auch die Integration dieser Bevölkerungsgruppe in die Mehrheitsgesellschaft. Anbei möchte ich erwähnen, dass hierdurch ein wichtiges Humankapital der Gesellschaft durch Ausgrenzung vergeudet wird.

    Es gibt aber eine Reihe von interessanten Studien, die sehr wichtige Impulse für die Integration von „Ausländern“ geben, auf die aber kein Bezug genommen wird. Ich beziehe mich erneut auf die Arbeiten von Frau Prof. Dr. Boos-Nünning, ohne diese näher auszuführen.

    Resümee: Was ist eigentlich im Zeit-Forum passiert?

    Mir ist aufgefallen, dass viele Kommentatoren diese beiden Ebenen (globaler und regionaler Aspekt) vermischen. Zudem fließen ihre Ängste in die Diskussion ein, über der ich mich im vorigen Artikel auseinandergesetzt habe. Zusätzlich werden ihre Ängste durch Orientierungslosigkeit in der Integrationspolitik und durch ihre vereinzelten, subjektiven Beobachtungen in ihrem Alltag, die nicht repräsentativ sind, angereichert. Hieraus leiten sich auch die subtilen Assimilations-Postulate ab, hierdurch sie den Ausweg auf dieser „Gefahrenlage“ sehen.

    Wenn man eine ergebnis- und lösungsorientierte Diskussion über diese Thematik führen möchte, müssen folglich

    1. die beiden Ebenen getrennt betrachtet und
    2. endlich ein Maßstab für Integration festgelegt werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    • rberger
    • 12. Februar 2006 11:17 Uhr

    Yasemin Karakasoglu hat in der Zeit – zusammen mit einem Koautor und unterstützt von „60 Migrationsforschern“ – ein Pamphlet verfasst, das als „Petition“ bezeichnet wird. Petitionen – Bittstellungen – richten sich an den Souverän um einen als ungerecht empfundenen Sachverhalt abzustellen. Und so lautet auch die Überschrift, den Muslimen geschehe in der Bundesrepublik und in Europa Ungerechtigkeit. Als Beleg für diese Ungerechtigkeit werden drei Publikationen von muslimischen Frauen angeführt, von Necla Keleks, Ayaan Hirsi Ali und Seyran Ates. Der Vorwurf gegen die drei Frauen lautet, sie hätten ganz unwissenschaftlich die Unterdrückung von Migrantinnen kritisiert: Zwangverheiratungen, Ehrenmorde. Die Untersuchung dieser Phänomene sei nun aber gerade nicht die Aufgabe der Wissenschaft – dafür gebe es Gesetze. Aha, die Soziologie soll sich nicht mehr den Problemen der Gesellschaft widmen, sondern diese bagatellisieren (oder ist es keine soziologische Frage, wenn ein junger Türke einen Ehrenmord kommentiert, „das geschieht der Hure recht, sie hat gelebt wie eine Deutsche“?). Was wir dagegen erwarten dürfen lässt Karakasogulo ahnen, als herausragendes Ergebnis der 60 Forscherinnen gibt sie zur Kenntnis: „In der »zweiten Generation« muslimischer Einwanderer erfährt der Islam eine komplizierte Neuinterpretation, die sowohl mit dem familiären Umfeld als auch mit den Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft interagiert.“ Wer hätte das gedacht, trivialer geht’s nicht. Diese Petition diskutiert nicht unterschiedliche Erkenntnisse wissenschaftlichen Arbeitens, es geht um Diffamierung, und das in einem unsäglich schmierigen Stil. Was aber problematischer als die Niederträchtigkeit ist, ist die Legitimierung der Gewalt gegen die genannten Frauen, eine ist mit dem Tode bedroht, gegen eine zweite wurde ein Mordanschlag verübt. Bereits zweimal hat sich in Deutschland die Wissenschaft in den Dienst der Unterdrückung und des Terrors gestellt. Das sollte eigentlich reichen.
    Dr. Rainer Berger, Prof. für Politikwissenschaft

    • geshon
    • 18. Februar 2006 14:41 Uhr

    Welche Literatur ist denn nun wiaaenschaftlich gesehen korrekt?

  3. Wer anderen die 'Wissenschaftlichkeit'abspricht sollte zumindest in der Lage sein, seine 'Gefühle' unter Kontrolle zu haben; dies aber hat die Verfasserin nicht, was an ihrer ständig wertenden - sich selbst auf- andere abwertend -Wortwahl ihres Pamphletes überdeutlich wird.
    Statt ständig die Opferrolle für die 'ach so geschundenen' Muslime zu suchen, sollte Frau Karakasoglu sich überlegen, warum die Mehrheitsgesellschaft sich nicht einer Kultur anpassen will, die die Rechte des Individuums nicht achtet und die von der Aufklärung erkämpften Rechte wieder ins Mittelalter zurückstoßen will.
    Typisch für dieses Rollenspiel ist neben dem anmaßenden Unterton die fehlende Selbstkritik.
    Wie einseitig und in der Tendenz deutschenfeindlich Frau K. ist, belegt ihre Selbsteinschätzung : hier die selbsternannte Hüterin der Wissenschaft, die einzig in der Lage ist, "differenzierte wissenschaftliche Forschung" zu betreiben, da die "unseriöse/n/ Pamphlete" aus Verwaltung, Ministerien und Medien. Differenzierter geht diese Pauschalkritik nun wirklich nicht mehr!!
    Diese Anmaßung ist unerträglich und läßt bösen Realitätsverlust befürchten.
    Ich bin zwar kein 'Wissenschaftler' und nur Lehrer an einer Schule mit mehr als 30% Kindern mit Migrationshintergrund, behaupte allerdings weitaus mehr Primärerfahrung zu haben als die 'Forscherin' K., die einmal ihren 'wissenschaftlichen Elfenbeinturm' verlassen sollte und den Schritt in die europäische Realität wagen sollte, dann würde sie hoffentlich ihre einseitige Sicht aufgeben und uns solche Peinlichkeiten wie die Forderung 'Gerechtigkeit für die Muslime' ersparen.

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