integration : Gerechtigkeit für die Muslime!

Die deutsche Integrationspolitik stützt sich auf Vorurteile. So hat sie keine Zukunft. Petition von 60 Migrationsforschern

Dass diese Bücher mit der Autorität der städtischen Verwaltung empfohlen werden, ist kaum verwunderlich – schließlich hatte der ehemalige deutsche Innenminister Otto Schily höchstpersönlich das Buch von Necla Kelek den Lesern des Spiegels ans Herz gelegt. Allerdings sollte man annehmen, dass Verwaltung und Ministerium dem interessierten Publikum eine Literatur empfehlen, die eine aufklärende Wirkung hat, also eine Literatur, deren Aussagen wissenschaftlich abgesichert sind. Tatsächlich ist aber genau das Gegenteil der Fall – bei den erwähnten Büchern handelt es sich um reißerische Pamphlete, in denen eigene Erlebnisse und Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt werden, das umso bedrohlicher erscheint, je weniger Daten und Erkenntnisse eine Rolle spielen.

Die Literatur ist unwissenschaftlich und arbeitet ganz offensichtlich mit unseriösen Mitteln. Necla Kelek beispielsweise hat vor etwa drei Jahren ihre Dissertation zum Thema Islam und Alltag vorgelegt, in der sie zu ganz anderen Ergebnissen kommt als in Die fremde Braut. Sie stellte damals fest, dass der Islam für die jungen Leute türkischer Herkunft vor allem ein Mittel der sozialen Identifikation sei – und weniger eine unhinterfragte religiöse Tradition. In den Islamvorstellungen der von ihr interviewten jungen Leute zeige sich eine Modernisierung des Islam – eine Anpassung an die hiesigen Lebensumstände und eine Subjektivierung des Hergebrachten.

Dass sie in Die fremde Braut das genaue Gegenteil behauptet, scheint für Necla Kelek kein Problem zu sein. Sie verwendet sogar Interviewmaterial aus ihrer früheren Untersuchung – allerdings wird es nun neu gedeutet. 2002 schrieb sie: »Das Bekenntnis zum Muslim-Sein darf im Regelfall nicht als traditionelle Selbstverortung missverstanden werden.« 2003 werden Interviewaussagen von »Mete« und »Emil«, die aus der Untersuchung Islam im Alltag stammen, völlig anders interpretiert. Das Menschen- und Weltbild des Islam, das den Einzelnen der Gemeinschaft und dem Willen Gottes unterwerfe, werde von den Jugendlichen überhaupt nicht hinterfragt, schreibt sie. Und weiter: »Es kann auch gar nicht infrage gestellt werden, weil der Islam als Gesetzesreligion gottgegeben ist. Dieses Kulturmuster prägt das Handeln der muslimischen Migranten in Deutschland bis in den letzten Winkel ihres Alltags – ihr Leben, ihr Verhalten, die Erziehung der Kinder. Und diese Werte haben mit den Werten und Normen der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht viel gemein.«

Offenbar wurden hier die eigenen – und zwar wissenschaftlich abgesicherten – Erkenntnisse mutwillig verbogen, um am Buchmarkt einen Erfolg zu landen und sich dabei selbst als authentischen und vorgeblich wissenschaftlich legitimierten Ansprechpartner für alles, was mit »den Türken« oder »dem Islam« zu tun hat, in Szene zu setzen. Das Kalkül geht auf, von der taz bis zur ZEIT wird Kelek gern konsultiert, wenn es darum geht, »türkische« oder »islamische« Verhaltensweisen zu deuten. Sie darf gewalttätige Übergriffe türkischer Fußballnationalspieler gegen die Schweizer Mannschaft unreflektiert auf die islamische Religionszugehörigkeit der türkischen Spieler zurückführen oder Vandalismus von jungen Migranten nach französischem Vorbild mit Hinweis auf das Unvermeidliche der »türkisch-islamischen Kultur« auch für Deutschland prognostizieren. Dabei sind die »Analysen« nichts mehr als die Verbreitung billiger Klischees über »den Islam« und »die Türken«, angereichert durch schwülstige Episoden aus Keleks Familiengeschichte.

Dass Politik mithilfe der Medien zur Verbreitung solch unseriöser Literatur beiträgt, um eigene integrationspolitische Fehler im Umgang mit dem Thema Zuwanderung zu verschleiern – diese Entwicklung beobachten wir mit Besorgnis. Wir, die Verfasser und Unterzeichner dieses offenen Briefes, sind Forscher und Forscherinnen, die zu unterschiedlichsten Facetten des Themas Migration gearbeitet haben – zu Generationenbeziehungen, Zugehörigkeit, Islamvorstellungen, Lebensentwürfen, Ethnizität und Ethnisierung, Rassismus und Identitätsentwicklung.

In den letzten Jahren hat sich in Deutschland eine quantitativ und qualitativ-empirische Migrationsforschung entwickelt, die international anschluss- und konkurrenzfähig ist. Wenn auch Unterschiede existieren, was die theoretische Rahmung der Befragungsergebnisse betrifft, so gibt es doch ganz erstaunliche Übereinstimmungen in den Ergebnissen unserer Forschung. Im Großen und Ganzen werden die Ergebnisse gestützt, zu denen auch Necla Kelek gekommen ist, als sie noch wissenschaftlich vorgegangen ist.

Kommentare

103 Kommentare Seite 1 von 26
Der Kommentarbereich dieses Artikels ist geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Endlich

Es wurde wirklich Zeit, dass Journalisten den Mut bekommen, den allgewärtigen Moral Mainstream von den schlimmen Ehrenmorden zu kritisieren. Es ist wichtig das Thema rational und differenziert zu betrachten, da hilft die ständige moralische Entrüstung einer Necla Kelek wenig, noch dazu, wenn sie eigene Forschungsergebnisse nachweislich mißintepretiert. Migration ist zu wichtig, als das wir dieses Thema dem moralischen Stammtisch einer Necla Kelek zu überlassen. Der Artikel ermöglicht einen Perspektivwechsel, den es zu überdenken gilt. Die eigentliche Frage ist doch: Wie wollen wir in einem durch Migration grundlegend veränderten Deutschland leben und welches Selbstverständnis haben wir von uns selbst. Die alte Formel: Islam versus Demokratie ist kontraproduktiv und schürt nur Vorurteile.

Aufklärung ja, aber nicht im Sinne einer Necla Kelek!

gerechtigkeit

Es geht hier ja gar nicht um Zwangsheirat oder sonstwas, der ganze Aufruf ist ein Hilfeschrei, kauft nicht diese minderwertigen Bestseller sondern laßt uns Gutachten liefern, in Talkshows auftreten, gebt uns öffentliche Aufträge, setzt uns in (gutbezahlte) Kommissionen usw. Wir sind die "Wissenschaftler", dies alles gebührt uns nicht diesem Pack.

Einwanderung

Dadurch dass ich teilweise im Ausland lebe sehe ich diese Debatte anders.Das Problem scheint zu sein dass Immigranten erwarten dass man sich an sie anpasst,ihre Sitten,Sprache und Kultur akzeptiert und am besten gleich mit annimmt-dann waere sicher alles bestens.Aber durch die so verschiedenen Werte ist ein Zusammenleben mit Menschen einer so unterschiedlichen Kultur,die total durch ihre Religion gepraegt ist fast unmoeglich.Es sind ja nicht die Deutschen,die sich sperren.Das Problem sind die Muslime,die auch nach Jahrzehnten in D die Sprache kaum oder nur mangelhaft beherrschen.Da ist die Tatsache dass viele Muslime keinen Verkehr mit Deutschen wollen da sie die westlichen Werte nicht fuer sich akzeptieren und annehmen wollen.Wenn Mitglieder einer tuerkischen Familie ihre Tochter ermorden 'weil sie wie eine Deutsche leben will'dann ist das sicherlich kein Beweis fuer den Integrationswillen sondern eher das Gegenteil.Durch fehlende Sprachkenntnisse schottet man sich automatisch ab-Kinder auf muslimischen Familien nehmen nur teilweise am Schuluntericht teil,Ausfluege,Turnen,Schwimmen sind ein Tabu fuer die Maedchen.Dazu kommt die Tatsache dass die meisten Immigranten mit weniger Ausnahmen freiwillig eingereisst sind weil sie in D.bessere Lebensbedingungen fanden.Sie blieben auch bei hoher Arbeitslosigkeit wegen der Sozialleistungen,Krankenversicherung,Rente usw., nicht weil sie Deutschland moegen.Ihre Kinder sprechen oft die Sprache nicht genuegend um auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu haben.Viele jugendliche Immigranten begehen kriminelle Taten wenn dann die Presse berichtet dass ein tuerkischer Jugendlicher irgendwo eingebrochen ist dann hagelt es Proteste dass derartige Berichte zum Fremdenhass aufrufen.
Deutschland hat ueberhaupt keine Immigrations Politik es wurde zugelassen dass ein staendiger Strom von Fremden mit ganz anderen Sitten und Gebraeuchen ins Land zog und blieb.Sie naehmen Arbeiten an zu der keine Ausbildung noetig war..diese Jobs sind heute nicht mehr da...und die wenigern Arbeitsstellen die es in der Wirtschaft gibt verlangen eine solide Schulausbildung,deutsche Sorachkenntnisse und Studium.Alles Kriterien die viele jugendliche Immigranten nicht erfuellen -nicht weil man sie nicht foerdert oder foerdern will sondern weil sie von zu Hause aus daran gehindert werden.Ausnahmen beweisen dass
in vielen Migrantenfamilien Schulausbilding nicht den 1.Platz in den Prioritaeten einnimmt.Immigranten haben eine Bringschuld wenn es um Integration geht-sie haben die Pflicht gewisse Bedingungen zu erfuellen denn sonst sind sie fuer das Einwanderungsland keine Bereicherung sondern ein Irritant.

Der Kommentarbereich dieses Artikels ist geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.