Integration : Deutschstunden

Asad Suleman kämpft für die deutsche Sprache auf seinem Schulhof in Berlin-Wedding. Plötzlich steht er im Mittelpunkt einer Debatte, die das Land verändern kann

Zu den Dingen, die Asad Suleman in diesen Tagen gelernt hat, gehört zum Beispiel, dass man von seinesgleichen eigentlich keine eigene Meinung erwartet. Einer wie Asad Suleman kann nur ein Opfer der deutschen Gesellschaft sein. Wenn so einer etwas sagt, dass nicht in dieses Schema passt, ist das für manche höchst verwirrend. Asad jedoch scheint allmählich Spaß daran zu finden, ebendiese Verwirrung zu erzeugen.

Eine Woche lang stand seine Realschule im Mittelpunkt der Debatte um Integration. Ist es legitim, auf dem Schulhof den Gebrauch der deutschen Sprache vorzuschreiben? Vom Weser-Kurier bis hin zu al-Dschasira wurde diese Frage leidenschaftlich diskutiert. In dem Drama, das um die Deutschpflicht an seiner Schule inszeniert wurde, fiel Asad Suleman eine ungewöhnliche Rolle zu: Er musste sein Bekenntnis zur deutschen Sprache gegen eine geschlossene Front der Ablehnung verteidigen. Verkehrte Welt: Ein Migrantenkind – Asads Eltern kommen aus Pakistan – stand unerschütterlich gegen seine selbst ernannten Fürsprecher von den Grünen und von den türkischen Verbänden. Asad verteidigte Mal um Mal die Hausordnung seiner Schule, in der festgelegt ist, dass jederzeit Deutsch zu sprechen sei, in den Pausen ebenso wie im Unterricht und auf Klassenfahrten.

Die Stimmungsmache gegen die Schule hat ihre Spuren hinterlassen

Der Höhepunkt dieser Woche, die Asad und seine Schulfreunde wohl nie vergessen werden, ereignete sich vergangenen Freitag. Auf einer Pressekonferenz am letzten Schultag vor den Winterferien drängten Dutzende Reporter sich in einem der winzigen Klassenzimmer der Weddinger Schule zusammen. An der hinteren Wand hatten mehrere Fernsehteams ihr schweres Gerät aufgebaut. Der Konrektor der Schule, ein Sprecher des Bildungssenators und einige Schüler standen wieder einmal Rede und Antwort. Die Reporter wollten wissen, ob die Deutschpflicht nicht doch unter Zwang und Sanktionen durchgepaukt worden sei. »Nein«, antwortete Halime Narin, Asads Stellvertreterin. »Wir wurden nicht gezwungen. Wir wollen selber gerne Deutsch sprechen. Es gibt auch keine Strafen, wenn wir doch einmal in unsere Muttersprachen überwechseln.« Bedrückte Mienen auf den Rängen. Die zahlreich anwesenden Vertreter der türkischen Verbände mochten es dabei nicht belassen und versuchten geradezu verzweifelt, den anwesenden Schülern ein Gefühl der Unterdrückung zu entlocken. Vergebens.

Denn mit einem wie Asad hatte niemand gerechnet. An seiner ruhigen, selbstbewussten Präsenz prallte die Aufgeregtheit der Kritiker ab, die seine Schule als Exempel für Diskriminierung und Ausgrenzung hinstellen wollen. Eine Reporterin fragte: »Wie fühlt ihr Schüler euch denn hier so als Opfer?« Asad gab lächelnd zurück: »Ich verstehe die Frage nicht. Können Sie bitte präzisieren?« Der ganze Saal – bis auf die zunehmend säuerlichen Migrantenvertreter und einen Herrn aus der türkischen Botschaft – brach in Gelächter aus. Die inszenierte Aufregung brach in sich zusammen. Man hatte etwas Erstaunliches erlebt: Ein junger Mann mitten aus der viel beschworenen Parallelgesellschaft, der die wohlwollende Nötigung der angereisten Berufsempörten, er möge sich endlich ordnungsgemäß als Opfer darstellen, freundlich und bestimmt zurückweist. Es war ein bemerkenswerter Moment für das Einwanderungsland Deutschland.

Um zu verstehen, wie es zu diesem Moment kommen konnte, muss man zwei Geschichten erzählen, die sich in ihm verknoten. Die Erste handelt von einer Schule, die sich verändert, weil die Gesellschaft um sie herum sich radikal wandelt. Die zweite Geschichte handelt davon, wie diese Schule eben darum zur Zielscheibe einer Kampagne wird.

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 4
Der Kommentarbereich dieses Artikels ist geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

und dennoch...

...werden wohl weiterhin befürworter und gegner dieser regelung fröhlich aneinander und am thema vorbei diskutieren. die befürworter werden argumentieren, dass es höchste zeit sei, von migranten eine anpassung zu verlangen. die gegner werden das schreckgespenst der aufgezwungenen leitkultur bemühen. dass es weder um das eine noch das andere geht, ficht in dieser sinnfreien debatte keinen an.

Gerne mehr!

Lieber Jörg Lau,

ich gratuliere zur guten Recherche! Der unaufgeregte Stil bildet einen wunderbaren Kontrast zu der Absurdität der medialen Debatten in den vergangenen zwei Wochen, die beim Lesen Ihres Artikels im lauten Lachen untergeht.

Die Reportage bildet ein starkes und wertvolles Gegengewicht zu einem in der vorigen ZEIT erschienen Kommentar von Susanne Mayer, der sich zwar auf das gleiche Thema bezog, aber zu völlig verqueren Schlussfolgerungen kam (http://www.zeit.de/online...).

Holger Klemm

Lesepflicht

Gibt es für Ihre Autoren eine Pflichtlektüre? Andere Meinungen und vor allem Fakten? Dann sollte man das hier mal der Susanne Mayer zu lesen geben. Vielleicht ist sie doch stark genug, mal die Betroffenen kennen zu lernen. EInfach mal den Horizont erweitern kann auch Spaß machen!

"Die Türkei den Türken" ... "Türkiye Türklerindir"

Mit diesem Motto empfängt die konservative Boulevardzeitung Hürriyet jeden Morgen Ihre Leser.
Staatsgründer Atatürk schaut streng daneben in die Runde.

Ali Varli der Journalist der meisten Artikel über die Herbert-Hoover-Schule mag meine Frage während eines Telefongespräches, wie denn dieses Motto zu verstehen sei, nicht erklären ... " Ich solle mal die Chefredakteure fragen".

Bin sehr froh über Ihren Artikel Herr Lau. Besonders weil er in der ZEIT zu lesen ist. Der Artikel
http://www.zeit.de/online... "Zwangsdeutsch? Typisch deutsch!" von Ihrer Kollegin Susanne Meyer hatte mich ehrlich gesagt etwas aus den Latschen kippen lassen.
Sehr schön geschrieben, leider von einer anderen Welt und mit den Betroffenen hat Sie scheinbar nicht gesprochen.

Ihr Artikel war wirklich sachlich! Respekt !

Der Kommentarbereich dieses Artikels ist geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.