Integration DeutschstundenSeite 3/3

Und genau so kommt es dann auch: Der Türkische Bund erkennt »Diskrimierung«, der Türkische Elternverein bemerkt »Ausgrenzung«, der Türkische Lehrerverband sieht die »Grundrechte der Schüler verletzt«, der Türkische Studentenverband befürchtet die sprachliche Verarmung der betroffenen Kinder. Doch wie können die Kritiker erklären, dass die vermeintlichen Opfer freiwillig mitmachen? Turgut Hüner, der Vorsitzende des Elternvereins, weiß nur eine Erklärung: Sie müssen wohl »hinters Licht geführt worden« sein. Er muss zwar zugeben, dass ihm keine Klagen von Eltern oder Schülern bekannt sind: »Ich spreche aber für die Eltern, die sich noch beschweren werden.«

Geht es um bessere Chancen für die Schüler – oder um einen Kulturkampf?

Anzeige

Keiner der empörten Verbandsvertreter und Politiker hat es für nötig befunden, mit der Schule oder mit den Elternvertretern ein klärendes Gespräch zu suchen. Der Elternsprecher der Hoover-Schule, Yener Polat, selber Deutschtürke, verwahrt sich denn auch gegen die Entmündigung durch die selbst ernannten Minderheitensprecher. Er lässt sich nicht einreden, durch seine Zustimmung das Türkentum verraten zu haben. Die Sprecherin des Türkischen Bundes, Eren Unsal, kümmert das alles nicht. Sie reagiert genervt, wenn man ihr mit den Details des Weddinger Schulkonzepts kommt. Es gehe gar nicht um »Regelungen an einzelnen Schulen: Wir wollen politisieren.«

Diesen Eindruck kann man allerdings gewinnen. Es ist nicht das erste Mal, dass türkischstämmige Politiker in Hürriyet und Türkiye an die gekränkte Ehre ihrer Landsleute appellieren und den türkischen Nationalismus hemmungslos bedienen – offenbar in der trügerischen Sicherheit, dass die türkischen Medien eine abgeschottete Suböffentlichkeit darstellen. Die wohlorganisierte Einheitsfront aus türkischer Presse, türkischen Verbänden und Politikern, die über die Hoover-Schule hergefallen ist, muss sich die Frage gefallen lassen, ob es ihr überhaupt um bessere Chancen für die Schüler geht. Oder sollte hier bloß ein Kulturkampf eröffnet werden, in dem es schlichtweg um die Hegemonie im Streit um Integration geht? Das wäre dann allerdings gründlich danebengegangen.

Die Schule, die man sich für dieses Exempel herausgepickt hat, konnte in dem erhitzten Meinungsklima der vergangenen Woche ihre erfolgreiche Arbeit nicht fortführen. Es herrschte Ausnahmezustand. Jutta Steinkamp erwischte sich eines Morgens dabei, dass sie überlegte, ihre Lieblingsjacke – einen Trachtenjanker – lieber nicht zur Schule anzuziehen. Ein türkisches Fernsehteam hatte sich nämlich angekündigt. »Mit dieser kerndeutschen Jacke«, ging ihr durch den Kopf, »bist du da gleich unten durch. Als Nächstes habe ich mich dann allerdings gefragt, ob hier eigentlich alle verrückt geworden sind.« Jetzt sind zum Glück erst einmal Ferien in Berlin.

Die Hoover-Schule hat eine erstaunliche Achterbahnfahrt hinter sich: Als Zwangsgermanisierungsanstalt in die Öffentlichkeit gezerrt, wird sie jetzt als ein mögliches Modell für Problemschulen in ganz Deutschland debattiert. Manchmal arbeiten sich die richtigen Fragen wie von selbst heraus, und die Wirklichkeit rebelliert gegen die Meinungsmacherei. Es ist erfreulicherweise doch nicht so einfach, die deutsche Öffentlichkeit zu hysterisieren. Dass es diesmal am Ende nicht so kam, haben wir jungen Leuten wie Asad zu verdanken, die gegen viele Widerstände Deutsch lernen und für sich selbst zu sprechen beginnen.

 
Leser-Kommentare
  1. Den jungen Mann, der bei der S.Christiansen Talkshow den Gegnern den Wind aus den Segeln nahm wird sicher seinen Weg machen.Gut so

  2. 2. Lob!

    \N

  3. http://www.radikal.com.tr/
    u. das sprichwort ist bereits im titel übersetzt, wer lesen kann ist bekanntlich klar im vorteil...

  4. Lese Ihren Kommentar muss aber sagen SOL...

  5. Deinen Worten entnehme ich, dass Du dich ziemlich unwohl fühlst hier in Deutschland.
    Schade ! Aber kann ich manchmal verstehen!

    Deine Zusammenfasung ist:
    Politiker alle ignorant und diese Direktorin eine germanische Zwangspädagogin.
    Das der deutschen Regierung die "Gastarbeiter" sehr lange ziemlich egal waren und nur als billige Arbeitskräfte für die Bandarbeit gut waren, den Eindruck bekommt man wirklich.

    Die Bildungspolitik hat viele Jahre die Situation der Einwanderer ignoriert. Speziell denke ich an Einwanderer mit geringer Bildung und mangelhaften Sprachkompetenzen.
    Deren Kinder müssen daher um so mehr dazu animiert werden, die Sprache dieses Landes zu beherrschen, um nicht schon deswegen aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein.

    Versuche einmal die Intention der Direktorin zu erkennen, die ist kein germanische Kasernentante, so wie Du das unterschwellig rüberbringst.
    Komm einfach von deinem hohen moralischen Ross herunter.
    Du hast ja das Schulkonzept "durchleuchtet". Bitte dann schicke mir mal das Original per mail!

    Überdenke einmal dein Feindbild "Lehrer", deine Pauschalisierungen sind indiskutabel.

    Meine Mutter war 35 Jahre Lehrerin (Russisch und Geographie) und auch Direktorin einer Schule.
    Nach der deutschen Einheit gab es sehr viele Zuzüge von Russlanddeutschen und jüdischen Migranten in die Neuen Bundesländer.
    Da existiert genau das gleiche Problem mit der Sprache.
    Sie hat sich den Arsch aufgerissen für die Kinder !!!
    Ja, Sie kennt Russland und Sie kann Russisch sehr gut !!!Das gab ihr einen besseren Zugang zu den Schülern die nur Russisch sprechen konnten.
    Aber leider ist Eltern die Problematik mit der Sprache nicht immer bewusst und einigen ist es auch manchmal
    scheinbar ziemlich egal!
    Na klar hat das Gründe ... Arbeitslosigkeit, kaputte Familien ... .
    Genauso wie bei vielen deutschen Eltern !

    Daher kann ich das ohnmächtige Gefühl der Direktorin gut nachvollziehen.

    Du scheinst ja eher ein eher liberaler Mensch zu sein, dann lese auch liberale Presse! Oder gibt es so etwas nicht für Dich hier in Deutschland?

    Wer ist "man" ? Dein schlechtgelaunter deutscher xenophobischer Nachbar? Die Konservativen, die SPD oder irgendwie alle? Sei mal konkreter!
    Gibt es für Dich überhaupt noch besonnene Politiker und Menschen hier in Deutschland?
    Während meines Studiums habe ich in Leipzig einige unschöne Diskussionen mit megaüberzeugten Moslems miterleben dürfen.
    Deutschland und den Westen allgemein fanden Sie ziemlich verkommen. Bloss die Art, wie Sie das überbrachten war wirklich befremdlich: "Wir sind die Guten und Ihr die Bösen"
    In deren megaüberzeugter Sichtweise war ich nur ein bedauernswerter "armer Ungläubiger" der sein Leben wie ein Tier gestaltet.
    Diese Menschen sind allerdings keine Richtschnur für mich, wenn ich über den Islam und die arabische Welt urteile.
    Ich habe zu viele angenehme Erlebnisse mit anderen aufgeklärten Moslems und Arabern gehabt.
    Das gleiche solltest Du auch mit Deutschen versuchen !!!
    Schreib mir eine Mail! Vielleicht machst Du neue Erfahrungen mit den Germanen hier.

    Ich diskutiere gerade mit Herrn Mutlu per Mail und versuche ihm gerade klar zu machen, dass es unseriös ist Pressemitteilungen zu verschicken, die auf dürftigen Informationen basieren.
    Seinen "sachlichen" Ton durfte ich letzte Woche per Telefon geniessen. Mich wundert die Reaktion von der Dirktorin gar nicht.
    Finde ich schon sehr exemplarisch: ein Politiker ruft empört die Presse und gibt später kleinlaut zu: "Hätte ich gewusst das ...., dann hätte ich nicht das gesagt"
    Die Grundintention seiner politischen Arbeit finde ich trotzdem gut, bloss die Intention der Direktorin ist es auch.
    Als Politiker der sich für Integration engagiert sollte er jedoch sachlich auf die Eltern einwirken, die dann gleich zu Hürriyet weiterspaziert sind.

    Wieviel Zeitungen von "Radikal" werden denn in Deutschland vertrieben? Bestimmt nicht sehr viele oder?
    Schick mir mal bitte den Link der Online-Ausgabe von "Radikal".

    So und Hürriyet ... die brauchst Du nicht zu verteidigen.
    Das ist ja eine Zeitung auf Bild-Niveau.
    Nur unter der Bild steht nicht "Deutschland den Deutschen".
    Die Hürriyet hat mit dem Motto "Die Türkei den Türken" kein Problem. Wahrscheinlich nutzt Sie dieses Motto auch ganz bewusst.
    Trotzdem ist Bild eine typische Boulevardzeitung und ich bedauere jeden Deutschen der dieses Blatt als alleiniges Informationsmedium nutzt. Das wäre echt schädlich für die Demokratie.
    Gefährlich wird es, wenn Hürriyet und Bild politisch-
    moralische Kampagnen anschieben und Politiker es sich, wie in diesem Fall, sehr einfach machen und in die nächste Fernsehkamera ihre Empörung reinblaffen.

    Leider war die Hürriyet Zeitung mit ein Motor des Skandals. Klar, die Bild war auch ziemlich peinlich.

    Mh ... wiklich ein schönes Sprichwort. Ist es das vollständige Sprichwort?
    Ich dachte es heisst: "Bir dil bir insan œ ikidil, ikiinsan"
    Wenn du nicht nur zeigen willst, wie gut dein türkisch ist, dann darf man ja mal auch die deutsche Übersetzung hinschreiben.
    Ich habe mal gegoogelt, aber viele Übersetzungen gibt es nicht.

    So ... und zu welchem Schluss kommen wir ?

    Ich werde mich mit der türkischen Sprache beschäftigen, denn ich möchte mir nämlich mal das Grabmal von Hannibal anschauen und rate mal wo das liegt?
    Nu skaschi mne? W kakom gorode w turzii on leschit?

    Das ist Russisch mit lateinischen Buchstaben :-) Gib das mal einem russischsprechenden Bekannten von Dir zum übersetzen!
    Mich interessiert deine Antwort!

    E-Mail: tmieth@hotmail.com

    • texter
    • 02.02.2006 um 14:09 Uhr

    Lieber Jörg Lau,

    ich gratuliere zur guten Recherche! Der unaufgeregte Stil bildet einen wunderbaren Kontrast zu der Absurdität der medialen Debatten in den vergangenen zwei Wochen, die beim Lesen Ihres Artikels im lauten Lachen untergeht.

    Die Reportage bildet ein starkes und wertvolles Gegengewicht zu einem in der vorigen ZEIT erschienen Kommentar von Susanne Mayer, der sich zwar auf das gleiche Thema bezog, aber zu völlig verqueren Schlussfolgerungen kam (http://www.zeit.de/online...).

    Holger Klemm

  6. Stimmt, mit dem Lesen hast du recht.
    Allerdings dachte ich, ohne in Krümelkackerei jetzt verfallen zu wollen, dass der Spruch noch weitergeht. Nämlich:

    Bir dil bir insan œ ikidil, ikiinsan.
    Eine Sprache, ein Mensch. Zwei Sprachen, zwei Menschen.

    Aber vielleicht ist dieser Zusatz nicht so verbreitet. Ich beziehe mich da auf eine Quelle aus dem Internet und mir fehlen die Türkischkenntnisse um diese beurteilen zu können.

    Danke für die Mail und den Link.

  7. Schlagzeilen, die Migranten betreffen, sind momentan mehr "in" denn je. Gemach, gemach, möchte man zurufen, denn der Blick hinter die Kulissen führt vor Augen, dass sich an der Art wie debattiert wird, nichts grundlegendes geändert hat. Nach wie vor wird einem das Generalschuldgefühl indoktriniert, Migranten hätten keine anderen Motive wie sich immer in Unterdrückung zu wähnen und je neuer bildungspolitischer Massnahme auf der Lauer nach einer Opferrolle zu sein. Migrantenkinder würden sich als Opfer der Zwangsgermanisierung in deutschen Schulen sehen, so wird auf höchst seriösem Niveau berichtet. Ob man uns beschimpft, "Berufsempörte" zu sein u. dauerhaft Repressalien diesen Staates zu beklagen, an Neulogismen fehlt es derzeit keinem Journalisten. Vorallen Dingen - so sagt man uns nach - vermuteten wir hinter jedem Vorstoss, Zustände der Verständigung zwischen Migranten und Nicht-Migranten zu schaffen, aggressives Werben für eine Assimilationspolitik. Doch wie sieht denn dieses pädagogisch wertvolle Verständigungskonzept denn de facto aus ? Durchleuchtet man das Neukonzept dieser Schule in Berlin, sticht einem sofort ins Auge, dass die Direktorin der Hoover Schule verkündet, es gebe an dieser Schule gute u. weniger gute Schüler. Meint sie schwarze und weisse Schafe ? Oder guter Polizist ? Böser Polizist ? Deutscher ? Türke ? Die Hoover Schule ist eine "Problemschule", so lesen wir weiter. Nicht rein zufällig, weil 90% der Schüler nicht deutscher Herkunft sind ? Wann hören diese ohnmächtigen Versuche auf, mit Alibiversuchen und Ablenkungsmanöver, Versuche für defizitäre Schulpolitik und bildungspolitischem Versagen zu rechtfertigen ? Zu guter letzt schliesst der Artikel mit einer Ohrfeige auf die türkische "Yellow Press" ab. Dass ist so, wie wenn ich mich über einen "Artikel" in der Bild aufregen würde... ergo vergebens. Anspruchsvolle Zeitungen wie z.B. Radikal, in der sachlich debattiert wird, oder andere kritische türkische Medienorgane haben Ihren bis nach Deutschland scheinbar noch nicht gemacht. Jeder soll die Sprache sprechen, die er vermag. Bitte auch auf Klassenfahrten und Schulhöfen. Jeder möge Förderunterricht in Deutsch erhalten, wo begrüsst. Statt Sprachverbot möchte man kontern mit dem Angebot, auch an Berliner Schulen nachmittags in einer AG Fremdsprachenunterricht der nicht konventionellen Sorte anzubieten ? Wie wäre es mit Arabisch, Kroatisch oder Swahili ? Esperanto ? Nicht umsonst heisst ein türkisches Sprichwort: "Bir dil, bir insan". Wenn das die hiessige Schulpolitik doch nur auch verstünde...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service