Theo Sommer:Fritz Stern, Sie waren sieben, als Hitler an die Macht kam; zwölf, als Ihre jüdische Familie nach Amerika ausgewandert ist; neunzehn, als der von Hitler vom Zaun gebrochene Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Mit einundzwanzig sind Sie amerikanischer Bürger geworden. Aber das Drama der deutschen Geschichte ist Ihr Lebensthema geblieben. Wenn Sie heute auf achtzig Jahre Ihres Lebens und damit auf achtzig Jahre deutscher Geschichte zurückblicken – sind Ihre Sorgen über Deutschland größer als Ihre Erleichterung darüber, welchen Weg es in den vergangenen sechzig Jahren genommen hat? BILD

Fritz Stern: Der Weg, den die Bundesrepublik genommen hat, hat eine große Vitalität gezeigt: die Möglichkeit, eine Demokratie aufzubauen. Das schafft natürlich Erleichterung. Was mich lange beschäftigt hat und wohl auch nie ganz loslassen wird, ist die Frage: Wie war das andere möglich? Wie war Hitler möglich?

Sommer: Es gibt zwei Denkschulen. Nach der einen war Hitler die logische Folge der vorangegangenen deutschen Entwicklung. Nach der anderen war er ein Unfall in der deutschen Geschichte.

Stern: Er war bestimmt ein Unglück. Unfall würde ich nicht sagen. Und Hitler war vermeidlich.

Sommer: Also war er nicht der logische Endpunkt einer Linie Luther – Bismarck – Hitler?

Stern: Das habe ich bereits 1946 als Blödsinn bezeichnet. Eine logische Folge, nein. Er konnte an Grundtöne deutscher Geschichte irgendwie anknüpfen. Aber es gab ja viele solche Töne, viele solche Strömungen.

Helmut Schmidt: Kann man sagen: Weil Weimar schief gegangen ist, ist Hitler möglich gewesen?

Stern: Das ist gar keine Frage. Aber ich würde noch einen Schritt weitergehen. Ich glaube nicht, dass man in der Entwicklung zu Hitler die Rolle des Ersten Weltkriegs überschätzen könnte, Tirpitz und seine Vaterlandspartei, die Niederlage, die Dolchstoßlegende. Weimar hat vielleicht eine schlechtere Presse, als es verdient hätte. Dass es nach 1930 nicht funktionsfähig war, ist allerdings ganz richtig.

Schmidt: Würden Sie zustimmen, dass ohne Versailles und ohne die Massenarbeitslosigkeit als Folge einer Weltdepression Hitler möglicherweise nicht an die Macht gekommen wäre?

Stern: Ich würde sagen: Trotz Versailles und trotz der gewaltigen Wirtschaftskrise, die Deutschland wie Amerika mehr als andere Länder ergriffen hat, wäre Hitler noch vermeidbar gewesen, wenn es wirklich einen demokratischen Willen gegeben hätte. Aber das ist auch unter Historikern umstritten.

Sommer: Sie haben gesagt, die Kette der Schrecken, die 1914 begann, sei 1989 zerrissen. Und Sie haben beklagt, dass die Deutschen dieses Glück der zweiten Chance nicht genug gewürdigt hätten, dass es nach der Wiedervereinigung keine Aufbruchstimmung gab, sondern sehr viel Bedrücktheit. Sehen Sie das heute noch so?

Stern: Eher noch schlimmer. Dass man in der alten Bundesrepublik das, was in Ostdeutschland vor sich gegangen ist, nicht richtig bewertet hat, dass man nicht verstanden hat, dass hier die erste friedliche Revolution der deutschen Geschichte geschah, war für mich moralisch bedrückend. Und es stellte sich die Frage: Was sagt das über die Zukunft, wenn ihr nicht anerkennt, was dort geschehen ist?