Salman Rushdie Ich habe einen Traum

»Heimat ist für mich an keinen spezifischen Ort gebunden, es ist ein Gefühl. Ich fühle mich dort zu Hause, wo ich glücklich bin. Und glücklich machen mich bestimmte Menschen«

Salman Rushdie, 58, wurde in Bombay geboren. Er studierte in Cambridge Geschichte und begann seine Karriere als Journalist und Werbetexter. 1981 wurde er bekannt mit »Mitternachtskinder«, seinem zweiten Roman. »Die Satanischen Verse« (1988) führten wegen seiner satirischen Auseinandersetzung mit dem Koran zu heftigen Protesten von Muslimen, die 1989 in einem vom iranischen Staatsführer Chomeini ausgesprochenen Todesurteil gipfelten. Neun Jahre lang führte Rushdie ein verstecktes Lebens, bis Irans Staatschef Chatami 1998 vor den UN die »Angelegenheit Rushdie als völlig abgeschlossen« erklärte. Kürzlich erschien sein jüngster Roman, »Shalimar der Narr«. Rushdie träumt von dem Heimatgefühl, das sein Elternhaus in Bombay in ihm auslöst.

Eine Zeit lang hatte ich diesen Traum vom Fliegen. Ich träumte, ich sei in meinem Kinderzimmer zu Hause in Bombay und schraubte mich langsam hoch zur Decke. Dann öffnete ich das Fenster und flog hinaus, aber sofort verlor ich an Höhe und landete allmählich wieder auf der Erde. Der Zauber funktionierte nur im Haus.

Anzeige

Mein Elternhaus ist tatsächlich ein magischer Ort. Es ist mehr oder weniger das Haus, das ich in Mitternachtskinder beschrieben habe – mit dem Unterschied, dass die Hauptfigur dort eine sehr turbulente Kindheit erlebt hat, während meine eigene sehr glücklich war. Ich war schrecklich wütend, als mein Vater das Haus verkaufte. Damals war ich fünfzehn und ging in England aufs Internat. Ich glaube, mein Leben wäre anders verlaufen, wenn er das Haus behalten hätte. Dann wäre ich nach dem Examen zurückgekommen und hätte dort gelebt. Wer weiß, was für Bücher ich dann geschrieben hätte. Mit Sicherheit hätte ich nicht dieses komische Leben gelebt, das mich von einem Ort zum anderen trieb.

In Indien war es damals, Ende der sechziger Jahre, praktisch unmöglich, Schriftsteller zu werden. Es gab keine literarische Infrastruktur, keine Magazine, nichts. Also beschloss ich, nachdem mein Vater das Haus verkauft hatte, in England zu bleiben und es dort zu probieren.

Heimat ist für mich an keinen spezifischen Ort gebunden, es ist ein Gefühl. Ich fühle mich dort zu Hause, wo ich glücklich bin. Und glücklich machen mich bestimmte Menschen. Heute geht es doch nicht mehr darum, wo man sich physisch zu Hause fühlt, sondern wie man es schafft, sein Leben zu synchronisieren mit den Menschen, die einem wichtig sind. Meine Frau ist Schauspielerin, sie hat letztes Jahr drei Filme gemacht, und wir haben uns ein halbes Jahr lang kaum gesehen. Wir mussten uns verabreden wie zu einem Rendezvous – hier mal drei Tage, dort ein Wochenende. Im Augenblick bin ich in Berlin, und sie ist in Los Angeles. Wir müssen es regelrecht planen, mehr Zeit gemeinsam an einem Ort zu verbringen.

In meinem Herzen bin ich indisch, keine Frage. Ein indischer Schriftsteller. Aber ich fühle mich nicht besonders einer Nation zugehörig, viel eher einer Stadt. Momentan fühle ich mich in London und in New York sehr zu Hause. Ich bin New Yorker, aber kein Amerikaner.

In London leben meine Kinder und meine ältesten Freunde, eine meiner Schwestern und meine Nichten. Ich habe wirklich tiefe Wurzeln in London, eine gewisse Kontinuität, die mir sehr gefällt. In New York lebe ich erst seit sieben Jahren, und ich kann schwer ausdrücken, warum ich dort glücklich bin. Ich kann dort zum Beispiel gut arbeiten, es herrscht ein unglaubliches Arbeitsethos in New York, die Stadt ist getrieben davon. Jeder arbeitet von früh bis spät, und wer nicht arbeitet, ist ein Idiot. Ich kann sehr gut hart arbeiten, aber ich kann auch sehr gut gar nichts tun. Ich kann problemlos den Stecker rausziehen und abschalten. Ich habe vier Jahre lang an dem Roman gearbeitet, der jetzt erscheint. Am Ende fühlte ich mich total leer. Aus Erfahrung weiß ich, dass jetzt nur hilft, gar nichts zu tun. Schreiben ist ein sehr einsamer Vorgang, deshalb suche ich als Gegengewicht die Gemeinschaft. Manche Autoren mögen nicht ausgehen, während sie an einem Buch arbeiten. Mir macht das nichts aus, ich finde es sogar gut für meine Arbeit. Abends Freunde zu treffen lässt mich am nächsten Tag erfrischt wieder an die Arbeit gehen.

Ohne meine Söhne wäre mein Leben einfacher zu strukturieren: Ich müsste nicht dauernd hin und her über den Atlantik fliegen. Ich glaube, ich bin ein guter Vater. Jedenfalls ist es mir sehr wichtig, einer zu sein. Ich investiere da eine Menge Zeit. Was einen guten Vater ausmacht? Liebe und Aufmerksamkeit. Man muss dicht dranbleiben am Leben seiner Kinder und schauen, was sie brauchen. Mein großer Sohn ist jetzt 26, und obwohl er schon erwachsen ist, braucht er mich sehr. Man hört nicht auf, seine Eltern zu brauchen, bloß weil man 26 ist. Mein kleiner Sohn ist acht.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service