Salman Rushdie Ich habe einen TraumSeite 2/2
Die Jahre der Fatwa, als ich nur unter maximalen Sicherheitsvorkehrungen leben konnte, hat meinen großen Sohn und mich untrennbar verbunden. Wir sind uns sehr nah, denn in gewisser Weise hat er das alles mit mir gemeinsam überstanden. Er war neun, als es losging. Niemand versteht mein Leben heute besser als er.
Von Zeit zu Zeit besuche ich in Bombay das Haus meiner Eltern. Es steht auf einem kleinen Hügel oberhalb der Stadt. Ich kenne die jetzigen Eigentümer, momentan lebt die Tochter jenes berühmten Gynäkologen, der mich auf die Welt brachte, im Haus. Nach meiner Geburt pflanzte mein Vater rechts vom Eingang einen Baum, und als meine Schwester kam, pflanzte er links gegenüber einen anderen. Ich hatte den Eigentümern gesagt – diese Bäume, das sind meine Schwester und ich, die dürft ihr nicht fällen, aber als ich letztes Mal dort war, waren die Bäume weg.
Ich kann es mir nicht leisten, mein Elternhaus zu kaufen, denn die Immobilienpreise in Bombay sind irrwitzig hoch. Aber es ist mein Traum, dort zu leben – ein schöner Traum. Ich habe noch eine Menge Freunde in Indien, und vor allem gibt es diese riesige Familie meiner Frau. Unsere Herkunft könnte unterschiedlicher kaum sein, sie kommt aus dem Süden und ist brahmanisch, ich komme aus dem Norden und bin muslimisch. Ihre Familie ist gigantisch, wir sind jetzt sechseinhalb Jahre zusammen, und ich habe immer noch nicht alle kennen gelernt. Ihr Großvater hatte neun Geschwister, ihre Großmutter sieben. Die ganze Familie ist sehr eng und funktioniert wie ein eigener Organismus, das gefällt mir sehr. Alle verstehen sich gut und interessieren sich für das Leben der anderen. Ich mag das. Meine eigene arme, alte, dysfunktionale Familie ist ganz anders.
Mein Vater starb 1987, ich war damals vierzig. Seither träume ich regelmäßig von ihm. Im Traum ist er sehr weise und mitfühlend, viel netter als früher. Er gibt mir gute Ratschläge, und wir verstehen uns gut. Er war ein brillanter Mann, sehr klug und gebildet, aber er hatte ein Alkoholproblem. Gegen Ende seines Lebens war er abhängig, und das machte die Sache ziemlich hart. In meinem Traum trinkt mein Vater nicht.
Aufgezeichnet von Ilka Piepgras
- Datum 01.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Serie Traum
- Quelle DIE ZEIT 01.02.2006 Nr.6
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