Arbeitsmarkt Ver.dis Befreiungsschlag

Im öffentlichen Dienst ist die Gewerkschaft in der Defensive. Ein Streik soll das ändern

Wolfgang Denia hofft auf schlechtes Februarwetter. Bei Schneetreiben oder Eisregen wird es richtig unangenehm, wenn die Räum- und Streufahrzeuge in der Garage bleiben. Den Vorsitzenden von Niedersachsens Dienstleistungsgewerkschaft ver.di kann das nur freuen, die öffentlichen Arbeitgeber müssen dann private Räumdienste engagieren. Der Aktionstag am Mittwoch war erst der Auftakt. Paralell dazu lief in Niedersachsen und Baden-Württemberg bereits die Urabstimmung – für einen unbefristeten Streik im öffentlichen Dienst.

Sind da verwöhnte Staatsbedienstete nur zu faul zum Arbeiten? Oder kämpfen sie zu Recht dagegen, dass sie mehr arbeiten sollen, ohne dabei mehr zu verdienen?

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Martin Biermann sieht dem Streik »mit großer Gelassenheit« entgegen. Der CDU-Mann ist Oberbürgermeister der niedersächsischen Stadt Celle und Chef von 780 kommunalen Mitarbeitern, darunter nur 160 Beamten. Rund 80 Prozent seiner Leute dürfen also theoretisch die Arbeit einstellen: Kindergärtnerinnen und Krankenschwestern, Müllfahrer, Friedhofsgärtner und Verwaltungsangestellte. »Die Bürger werden angesichts von fünf Millionen Arbeitslosen kein Verständnis für den Streik haben«, sagt er. Ohnedies seien seine Leute kaum bereit, die Arbeit tatsächlich niederzulegen.

Womöglich täuscht er sich.

Seit sich der Konflikt zuspitzt, steigen die Mitgliedszahlen bei ver.di. Denn die Beschäftigten fühlen sich verschaukelt. Und wenn es den Kommunen jetzt gelingt, die Arbeitszeit per Federstrich zu erhöhen, dann hat die Gewerkschaft im öffentlichen Dienst künftig nichts mehr zu melden.

Vor gerade einmal vier Monaten trat ein neuer Tarifvertrag in Kraft. Zulagen wurden gestrichen, Jahresarbeitszeitkonten eingerichtet, neue Niedriglohngruppen installiert. Und auch die unterschiedliche Bezahlung je nach Leistung ist jetzt möglich. Die umfassende Tarifreform macht im öffentlichen Dienst nun manches möglich, woran in der Wirtschaft noch nicht zu denken ist. »Wir mussten viele Kröten schlucken«, sagt Wolfgang Denia. »Wir haben eine Menge gezahlt für die Modernisierung des öffentlichen Dienstes.«

Doch kaum war das neue Vertragswerk gültig, da nutzten die kommunalen Arbeitgeber in Niedersachsen und Baden-Württemberg die darin enthaltene Option, die Arbeitszeit neu auszuhandeln: Bei gleichbleibender Bezahlung wollen sie die Wochenzeit, die den Jahreskonten zugrunde liegt, von 38,5 auf 40 Stunden erhöhen. Mit diesem Tempo hatten die Gewerkschaften nicht gerechnet. »Das zeigt die moralische Verkommenheit unserer Vertragspartner«, sagt Denia. Zweimal habe man sich seither zusammengesetzt, um über die 40-Stunden-Forderung zu sprechen. Doch dann kündigten die Arbeitgeber einseitig die Vereinbarung zur Arbeitszeit. Für die Gewerkschaft heißt das: Streik.

Leser-Kommentare
  1. 1. @runan

    Auf die Gefahr hin, Sie zu langweilen: Wir haben einen dramatischen Abfluss an Industriearbeitsplätzen aufgrund zu ungünstiger Standortbedingungen. Gelingt es uns nicht, dies zu stoppen, dann wird es zukünftig nicht mehr genügend sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geben, die Ihre und meine Rente in Zukunft zahlen werden. Als Ausgleich die Stellen im öffentlichen Dienst festschreiben zu wollen, obwohl sicher auch dort die Produktivität je Beschäftigtem zugenommen hat, halte ich für - gelinde gesagt - verwegen. Wenn es speziell im Krankenhausbereich so schlecht aussieht - und ich glaube Ihnen das- dann sollte im öffentlichen Dienst insgesamt eine für die Allgemeinheit kostenneutrale Lösung zugunsten der Pflege und ärztlichen Betreuung gefunden werden. Angesichts der dramatischen Lage sind 7000 DM (!) netto monatlich und zwei zwar anstrengende aber gesicherte Arbeitsplätze ein Grund, ruhig schlafen zu können. Für uns übrige, die nicht so gut abgesichert sind, wird die Zukunft erheblich nervenaufreibender.

    • Runan
    • 05.02.2006 um 9:23 Uhr

    ...ihr Kommentar. Ich bin kein Gewerkschaftler, in der mittleren Führungsebene Pflege und kann beide Seiten in ihrer Argumentation nachvollziehen. Es geht hier nicht um ein paar Minuten länger arbeiten. Der TVÖD ist ausgehandelt worden mit ziemlich bitteren Pillen für die Arbeitnehmer mit der Kondition das es nicht zu einer 40h Woche kommt. Ihre Argumentation das die Arbeitsplätze nicht wegfallen zeigt leider das sie keine Ahnung in diesem Bereich haben. Wenn ich in meinem Bereich mit 55 Mitarbeitern einen Dienstplan schreibe und hat das einen ziemlich großen Einfluss ob 55 Leute 38,5 oder 40 h arbeiten sollen. Da reden wir sofort über ganze Vollkraftstellen die wegfallen. Und das tun sie unmittelbar sobald ein Mitarbeiter in Teilzeit gehen möchte, Schwanger wird, ausscheidet etc. Auf ein Großklinikum bezogen reden wir dann über das Jahr gesehen leicht von hundert Stellen. Die Rechnung nach oben können sie gerne selber machen. Und eines sei auch angemerkt- wenn ich meinen tatsächlichen Nettolohn betrachte ( Leitungskraft im Regeldienst bei ca.50 Wochenarbeitsstunden) dann verdiene ich ca.7 €50. Dafür trage ich die Verantwortung für 55 Mitarbeiter. Meine Frau ist Ässistenzärztin in einem anderen Klinikum. Zusammen kriegen wir 3.400 € Netto auf die Wage - dafür sind wir bis zur Belastungsgrenze in der Klinik - sie noch im Dreischichtbetrieb. Das einfach mal in realen Nettozahlen zu den Themen Ärztefinanzierung und 40 h Woche im öffentlichen Dienst. Personalkosten sind der größte Löwenanteil in Kliniken - das ist klar - aber man kann sie nicht beliebig nach unten schrauben. In den Kliniken aber ist die Grenze erreicht von dem was sich für die Mitarbeiter wie auch für die Patienten verantworten lässt.

    Gruß Runan

  2. ..während wir alle ohnmächtig zusehen, wie Arbeitsplätze von Deutschland nach Osteuropa verlagert werden, weil das Lohnkostengefälle zu groß geworden ist, meint verdi, das Gefälle weiter erhöhen zu müssen, wohl in dem Glauben, diese Arbeitsplätze seien nicht zu verlagern. Wie unsolidarisch; denn die Industriearbeitsplätze werden letzten Endes die Zeche zahlen müssen. Hier kann einer Abwanderung nämlich nichts entgegengesetzt werden. Und das alles nur weil man sich außer Stand sieht, ein paar Minuten am Tag länger zu arbeiten. Das verdi-Argument, durch die Mehrarbeit würden netto Arbeitsplätze verloren gehen, ist Unfug, weil die Gemeinden entweder das vorhandene Personal neue Aufgaben erledigen lassen oder - falls die Stellenzahl weiter schrunpft - mit dem gesparten Geld dringendere Aufgaben erledigen können, die dort, wo sie erledigt werden, natürlich neue Arbeitsplätze entstehen lassen.

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