Arbeitsmarkt Ver.dis BefreiungsschlagSeite 3/3
Gegen die Strategie von Hartmut Möllring war ver.di machtlos. Ein Streik der Landesangestellten und -arbeiter hätte wenig bewirkt. Wen stört es, wenn Hochschulsekretärinnen oder Beschäftigte in den Ministerien die Arbeit niederlegen? Bei den Kommunen ist das anders. Wenn in Kindergärten und Altenheimen gestreikt wird oder die Müllabfuhr nicht kommt, zeigt das Wirkung. Insofern kann es ver.di recht sein, dass sich der Kommunale Arbeitgeberverband in Niedersachsen jetzt auf Möllrings Seite schlug. Der Streik richtet sich nun gegen die Kommunen, was Aufmerksamkeit verspricht – und bei der Gelegenheit auch gegen das Land. »Anstatt den Arbeitszeitvertrag zu kündigen«, sagt Hannovers Oberbürgermeister Schmalstieg, »hätte wir lieber auf das Land einwirken sollen, dass es an den Verhandlungstisch zurückkehrt.«
Sind 40 Wochenstunden wirklich nötig?
Die öffentlichen Haushalte müssen sparen, das ist für Ulrich Mädge klar. Der Oberbürgermeister von Lüneburg hat seine Personalkosten bereits drei Jahre in Folge gesenkt. Er hat keine frei werdenden Arbeitsplätze mehr neu besetzt, so zehn Prozent der Stellen eingespart und viele Jobs in Servicegesellschaften zu Sonderkonditionen ausgegliedert. »Vor einem Jahr hätte ich noch gesagt: Ja, die Beschäftigten müssen länger arbeiten«, sagt er. Jetzt ist er gegen die 40-Stunden-Woche, die seine Arbeitgebervertretung durchsetzen will.
Denn nun gilt der neue Tarifvertrag mit den Jahresarbeitszeitkonten. So spart Mädge einen siebenstelligen Euro-Betrag, weil keine Überstunden mehr anfallen. »Die Beschäftigten im Klärwerk oder bei der Schneeräumung zum Beispiel verzichten damit auf bis zu 300 Euro«, sagt der SPD-Mann. Zudem hat er sich gerade erst mit ver.di darauf geeinigt, dass die Krankenhausmitarbeiter fünf Prozent weniger Gehalt erhalten, damit die Kliniken in die schwarzen Zahlen kommen. »Das bringt mir mehr als anderthalb Stunden mehr Arbeit«, sagt er. Wozu da »ideologisch festhalten an den 40 Stunden«?
Mädge ist stolz auf seine »hochmotivierten« Mitarbeiter. Er fürchtet, sie könnten die Lust verlieren, wenn sie sich nun ausgetrickst fühlen. »Ich denke perspektivisch«, sagt der Oberbürgermeister. »Um das Unternehmen Lüneburg voranzubringen, brauche ich Leute, die mitziehen – und keinen Konflikt.«
- Datum 01.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 01.02.2006 Nr.6
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Auf die Gefahr hin, Sie zu langweilen: Wir haben einen dramatischen Abfluss an Industriearbeitsplätzen aufgrund zu ungünstiger Standortbedingungen. Gelingt es uns nicht, dies zu stoppen, dann wird es zukünftig nicht mehr genügend sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geben, die Ihre und meine Rente in Zukunft zahlen werden. Als Ausgleich die Stellen im öffentlichen Dienst festschreiben zu wollen, obwohl sicher auch dort die Produktivität je Beschäftigtem zugenommen hat, halte ich für - gelinde gesagt - verwegen. Wenn es speziell im Krankenhausbereich so schlecht aussieht - und ich glaube Ihnen das- dann sollte im öffentlichen Dienst insgesamt eine für die Allgemeinheit kostenneutrale Lösung zugunsten der Pflege und ärztlichen Betreuung gefunden werden. Angesichts der dramatischen Lage sind 7000 DM (!) netto monatlich und zwei zwar anstrengende aber gesicherte Arbeitsplätze ein Grund, ruhig schlafen zu können. Für uns übrige, die nicht so gut abgesichert sind, wird die Zukunft erheblich nervenaufreibender.
...ihr Kommentar. Ich bin kein Gewerkschaftler, in der mittleren Führungsebene Pflege und kann beide Seiten in ihrer Argumentation nachvollziehen. Es geht hier nicht um ein paar Minuten länger arbeiten. Der TVÖD ist ausgehandelt worden mit ziemlich bitteren Pillen für die Arbeitnehmer mit der Kondition das es nicht zu einer 40h Woche kommt. Ihre Argumentation das die Arbeitsplätze nicht wegfallen zeigt leider das sie keine Ahnung in diesem Bereich haben. Wenn ich in meinem Bereich mit 55 Mitarbeitern einen Dienstplan schreibe und hat das einen ziemlich großen Einfluss ob 55 Leute 38,5 oder 40 h arbeiten sollen. Da reden wir sofort über ganze Vollkraftstellen die wegfallen. Und das tun sie unmittelbar sobald ein Mitarbeiter in Teilzeit gehen möchte, Schwanger wird, ausscheidet etc. Auf ein Großklinikum bezogen reden wir dann über das Jahr gesehen leicht von hundert Stellen. Die Rechnung nach oben können sie gerne selber machen. Und eines sei auch angemerkt- wenn ich meinen tatsächlichen Nettolohn betrachte ( Leitungskraft im Regeldienst bei ca.50 Wochenarbeitsstunden) dann verdiene ich ca.7 50. Dafür trage ich die Verantwortung für 55 Mitarbeiter. Meine Frau ist Ässistenzärztin in einem anderen Klinikum. Zusammen kriegen wir 3.400 Netto auf die Wage - dafür sind wir bis zur Belastungsgrenze in der Klinik - sie noch im Dreischichtbetrieb. Das einfach mal in realen Nettozahlen zu den Themen Ärztefinanzierung und 40 h Woche im öffentlichen Dienst. Personalkosten sind der größte Löwenanteil in Kliniken - das ist klar - aber man kann sie nicht beliebig nach unten schrauben. In den Kliniken aber ist die Grenze erreicht von dem was sich für die Mitarbeiter wie auch für die Patienten verantworten lässt.
Gruß Runan
..während wir alle ohnmächtig zusehen, wie Arbeitsplätze von Deutschland nach Osteuropa verlagert werden, weil das Lohnkostengefälle zu groß geworden ist, meint verdi, das Gefälle weiter erhöhen zu müssen, wohl in dem Glauben, diese Arbeitsplätze seien nicht zu verlagern. Wie unsolidarisch; denn die Industriearbeitsplätze werden letzten Endes die Zeche zahlen müssen. Hier kann einer Abwanderung nämlich nichts entgegengesetzt werden. Und das alles nur weil man sich außer Stand sieht, ein paar Minuten am Tag länger zu arbeiten. Das verdi-Argument, durch die Mehrarbeit würden netto Arbeitsplätze verloren gehen, ist Unfug, weil die Gemeinden entweder das vorhandene Personal neue Aufgaben erledigen lassen oder - falls die Stellenzahl weiter schrunpft - mit dem gesparten Geld dringendere Aufgaben erledigen können, die dort, wo sie erledigt werden, natürlich neue Arbeitsplätze entstehen lassen.
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