Ein Mosaik fehlte mir noch, Heft Nummer10, Der Kampf um den Korsarenschatz, vom September 1957. Nur einer besaß es an der Schule, der Haudrauf, ein wüster Zehntklässler mit geschlechtlichen Prioritäten. Scheu trug ich ihm mein Begehren vor. »Was löhnste?« Ich bot mein letztes Matchbox-Auto: Nr. 47, Ice Cream Canteen, den Kleinbus mit dem Eisverkäufer, von Patenonkel Reinhold aus Stuttgart übersandt. Der Unhold lachte höhnisch und forderte fünf Mark plus drei Pornobilder. »Aber Frontalware!« Ich beschaffte die erfrischenden Motive aus Bergarbeiterkreisen, empfing den Korsarenschatz und war im Himmel der kompletten Sammlung Mosaik.

Vor 50 Jahren kam er auf die Welt, der einzige und beste Comic der DDR. Hannes Hegen (Johannes Hegenbarth) hieß sein Schöpfer. Allmonatlich schickte er die Kobolde Dig, Dag und Digedag auf eine turbulente Reise durch Raum und Zeit, vom alten Rom auf den Planeten Neos, an die Höfe des Sonnenkönigs und der Zarin Katharina, durch den Wilden Westen, zu James Watt. Zu Hegens Opus magnum wurden die 62 Hefte mit der Morgenlandfahrt des donquichottehaften Ritters Runkel von Rübenstein – fünf Jahre lang Witz und Spannung, zeitlos große Zeichenkunst (heute als Buchreihe erhältlich im Berliner Verlag Junge Welt).

1975 verlor Hegen nach ideologischen Querelen die Lust. Das Copyright der Figuren gehörte ihm, nicht der Name Mosaik . Seine Mitarbeiter erfanden Ersatzkobolde: die Abrafaxe. Das neue Konzept kolportierte das alte: gewaltfreie Unterhaltung in historischer Kulisse. Das zeichnerische Niveau sank nach der Wende, aber Mosaik überlebte, wird heftig gesammelt und kultisch verehrt und ist heute Deutschlands erfolgreichster Comic. Derzeit reisen die Abrafaxe mit Kreuzritter Hugo durch Al-Andalus; auf Extraseiten lernen Leser jeden Alters gar manches übers Mittelalter und die großen Religionen. Was Hugo fehlt, sind Runkels Ritterregeln. »Ein Ritter, der den Weg nicht kennt, kommt niemals in den Orient.«

1991 beschilderten Mosaik-Freaks den Berliner Leninplatz als Ritter-Runkel-Platz. Heute heißt er Platz der Vereinten Nationen, weil Mosaik nun auch in Griechenland, Korea, Ungarn, Vietnam… erscheint.

Ich bin noch immer Abonnent. Auch Matchbox-Auto Nr. 47 blieb mir erhalten. Damit spiele ich momentan etwas seltener.

Christoph Dieckmann