ZeitläufteEs begann in Mekka

Im November 1979 überfielen religiöse Eiferer die Große Moschee – ein Anschlag, der zum Auftakt des weltweiten islamistischen Terrors werden sollte von Florian Peil

Am frühen Morgen des 20. November 1979 geschieht in Mekka das Unfassbare: Hunderte bewaffneter Männer besetzen den heiligsten Ort des Islams, die Große Moschee. Viele werden von ihren Ehefrauen und Kindern begleitet. Es ist der Neujahrstag des islamischen Jahres 1400.

Mehr als 50000 Menschen sind in dem gewaltigen Gebäude mit seinen sieben Minaretten, dessen Anfänge in die Zeit vor 800 zurückreichen, zusammengekommen, um am ersten Gebet im neuen Jahrhundert teilzunehmen. In engen Reihen haben sich die Gläubigen um die Kaaba, das würfelförmige Heiligtum im weiten Innenhof, gruppiert, als die Aktion beginnt.

Über die Lautsprecheranlage ruft der Anführer der Besetzer, Juhaiman al-Utaibi, die Menschen dazu auf, einem Theologiestudenten namens Mohammed Ibn Abdallah al-Qahtani zu huldigen. Dieser sei als Mahdi, als der Erlöser, zu ihnen gekommen: »Der Mahdi wird der Welt Gerechtigkeit bringen! Huldigt dem Mahdi, der dieses Königreich von seiner Verkommenheit reinigen wird!«

Plötzlich fallen Schüsse. Einige Polizisten und Bedienstete der Moschee stürzen zu Boden. Die Gläubigen geraten in Panik und drängen zu den Toren. Dem Imam der Moschee, Scheich Mohammed Ibn Sabil, gelingt es in dem Chaos, per Telefon Alarm zu schlagen.

Doch die Sicherheitskräfte treffen erst drei Stunden später ein. In der Zwischenzeit haben sich die Besetzer verschanzt; die Tore sind geschlossen, Scharfschützen auf den Minaretten postiert. Alle Besucher der Moschee, die nicht rechtzeitig haben fliehen können, werden so zu Geiseln. Per Lautsprecher – und damit auch draußen gut zu hören – beginnen die Männer, Traktate zu verlesen und ihre Forderungen zu verkünden.

Vor allem wollen sie den Sturz des saudischen Regimes, da es korrupt und gottlos sei. An seine Stelle müsse ein wahrer islamischer Staat treten. Vom Königshaus verlangen sie, dass kein Öl mehr in die USA geliefert wird. Die Beziehungen zum Westen seien abzubrechen, alle Ausländer des Landes zu verweisen. Die Frauen sollen aus dem öffentlichen Leben verbannt, Radio und Fernsehen verboten werden, ebenso alle Fotografie, überhaupt alle Bilder, das Fußballspiel, Musik, Zigaretten und Alkohol.

Als Saudi-Arabiens König Khaled im rund 800 Kilometer entfernten Riad von den Ereignissen in Mekka erfährt, reagiert er panisch. Es ist das erste Mal seit der Staatsgründung im Jahre 1932, dass militante Oppositionelle öffentlich gegen sein Haus aufbegehren. Vollkommen überrascht von den Ereignissen, dazu unerfahren im Umgang mit offenem Widerstand und aus Furcht vor einem möglicherweise aus dem Ausland gesteuerten Putschversuch befiehlt er, die Landesgrenzen zu schließen, alle Telefonleitungen zu kappen und Truppen nach Mekka zu verlegen. Innenminister Prinz Nayif und Verteidigungsminister Sultan – der heutige Kronprinz – fliegen sofort in die heilige Stadt. Am Nachmittag des 20. November ist die Moschee umstellt und die Stromzufuhr unterbrochen.

Die Behörden wissen mittlerweile, mit wem sie es zu tun haben: Erst im Vorjahr waren Juhaiman al-Utaibi und rund 100 seiner Anhänger wegen aufrührerischer Umtriebe verhört worden und hatten sechs Wochen in Riad im Gefängnis gesessen.

Die Rebellen nennen sich Ikhwan, die Brüder. Ihren Anführer und theoretischen Kopf Utaibi treibt neben der Religion auch persönlicher Hass auf die Königsfamilie: Bereits sein Großvater ist 1929 im Kampf gegen die Al Saud gefallen. Er hat zu den ebenfalls Ikhwan genannten fanatischen Beduinenkriegern gehört, mit deren Hilfe der Staatsgründer Abd al-Aziz Al Saud, bekannt als Ibn Saud, sein Königreich zusammenerobert hatte. Als sich die Ikhwan gegen ihren Herren auflehnten, wurden sie im Jahre 1929 von den Truppen Ibn Sauds in der Schlacht von Sabila vernichtend geschlagen.

Zwischen 1935 und 1940 in der zentralarabischen Provinz Qasim geboren, wird Utaibi als Angehöriger des großen Beduinenstammes der Utaiba von seinem Vater nach alter Tradition erzogen. Früh verlässt Juhaiman – was sich gut mit »kleiner Griesgram« übersetzen lässt – sein Heimatdorf und tritt in die saudische Nationalgarde ein, eine paramilitärische Einheit, die hauptsächlich aus Angehörigen der Beduinenstämme besteht. In seiner 18 Jahre währenden Laufbahn bringt er es bis zum Korporal, bevor er 1973 den Dienst quittiert, um sich an der Scharia-Fakultät der Islamischen Universität Medina einzuschreiben. Dort besucht er die Vorlesungen von Abd al-Aziz Ibn Baz, dem zu dieser Zeit bedeutendsten wahhabitischen Religionsgelehrten und späteren Großmufti von Saudi-Arabien.

Scheich Ibn Baz gilt als einer der strengsten Vertreter der Wahhabiya, der radikal-puritanischen Interpretation des sunnitischen Islams, die in Saudi-Arabien so etwas wie die Staatsdoktrin ist. Seine Forderungen nach einer Rückkehr zu den unverfälschten Traditionen, zu den Wurzeln der Religion verschaffen ihm viele Sympathien in der konservativen saudischen Gesellschaft. Denn in jenen Jahren, den Siebzigern, durchläuft das Land – als Reaktion auf den heftigen sozialen Wandel infolge der Modernisierung – einen Prozess der Re-Islamisierung.

Die zwei Jahre an der Universität scheinen Utaibi inspiriert zu haben. Er beginnt, sich intensiv mit der Theologie zu beschäftigen und selber religiöse Schriften zu verfassen. Seine Traktate, eigentlich eine Sammlung von Briefen, lässt er 1978 in einer Auflage von wenigen hundert Stück in Kuwait drucken. Seine Anhänger schmuggeln die Schriften anschließend nach Saudi-Arabien, wo sie illegal in Moscheen verteilt werden.

Immer wieder geht es Utaibi um das bevorstehende Ende der Welt. In oft düsterem Duktus verdammt er irdische Freuden als Hindernisse auf dem Weg zu Gott und preist stattdessen das Leben im Jenseits. Utaibi behauptet, die Muslime hätten sich vom richtigen Glauben entfernt, weshalb nun fitna, Zwist und Unruhe, unter ihnen herrsche. Zudem würden sie von unrechtmäßigen Herrschern wie den Al Saud regiert. Diese seien nur durch Gewalt an die Macht gelangt, kümmerten sich nicht um das Seelenheil der Menschen, sondern instrumentalisierten vielmehr die Religion zur Verfolgung ihrer weltlichen Interessen. Die entscheidende Stelle in Utaibis erstem Brief lautet: »Die Muslime leben unter Zwangsherrschern, die die Religion nicht bewahren. Wir sind nur denen zu Gehorsam verpflichtet, die nach dem Buch Gottes führen. Wer […] von der Religion allein das nimmt, was ihm gefällt, für den gibt es weder Gehör noch Gehorsam.«

Die gegenwärtige fitna, schreibt Utaibi, sei ein Zeichen, das den nahenden Jüngsten Tag ankündige. Am Ende der Welt werde der Mahdi auf die Erde herabkommen, um Gerechtigkeit zu verbreiten; Ort seiner Ankunft werde die Kaaba sein. Am Jüngsten Tag seien es allein die Taten der Menschen, die über ihr Schicksal im Jenseits entschieden, darüber, ob sie ins Paradies eingehen oder in der Hölle schmoren werden. Den Ausweg aus dem Unglück seiner Zeit weist für Utaibi das Beispiel des Propheten Mohammed: Jeder Muslim müsse sein Leben an den Vorschriften des Korans und am Beispiel des Propheten ausrichten. Alle Feinde des Islams aber – »Polytheisten, Ungläubige und Abtrünnige« – seien zu bekämpfen. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass er zur letzten Kategorie auch das Königshaus zählt.

Utaibis Ausführungen sind – bei allen inhaltlichen Sprüngen und Widersprüchen – in einem klaren und wuchtigen Arabisch verfasst. Er zitiert Gedichte, den Koran und die Hadithe, die überlieferten Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed. So zeigt der Autor, dass er im klassischen Arabisch und in den Schriften der sunnitischen Tradition belesen und tief verwurzelt ist.

Utaibis radikale Gedanken sorgen an der Universität in Medina für Aufsehen – und Begeisterung. Nach und nach wächst die Zahl der Anhänger, die sich von ihm und seinen eschatologischen Ideen angezogen fühlen. Zugleich schlägt Utaibis Begeisterung für seinen Mentor Ibn Baz in Enttäuschung um – er kann dessen Loyalität gegen das Königshaus nicht länger akzeptieren. Mittlerweile ist er davon überzeugt, dass sein Lehrer kein unabhängiger Kopf, sondern nur ein Werkzeug in den Händen der Königsfamilie ist.

1974 kommt es zum Bruch zwischen den beiden: Utaibi verlässt die Universität und kehrt in Begleitung einiger Anhänger zurück in seine Heimatprovinz Qasim. In den folgenden zwei Jahren predigt er seine Lehre in den Städten und Oasen des Nadschd. 1976 geht die Gruppe nach Riad, wo Utaibi in das Blickfeld des saudischen Geheimdienstes gerät und 1978 inhaftiert wird. Nach seiner Entlassung taucht er unter und versammelt seine Anhänger wieder um sich. Inzwischen gehört auch Mohammed al-Qahtani zu seiner Gruppe.

Über Qahtani ist nicht viel bekannt. Auch er gehört zu einem mächtigen Beduinenstamm und ist 1979 vermutlich 27 Jahre alt. Islamistische Autoren preisen ihn als »gebildeten Mann mit einer anziehenden Persönlichkeit«. Lange Zeit arbeitete er in einem Riader Krankenhaus; als dort der Tresor ausgeraubt wurde, bezichtigte man ihn der Tat. Er wurde inhaftiert – und verließ das Gefängnis als zutiefst gläubiger Muslim. Anfang der siebziger Jahre begann er, ein Theologiestudium, und schloss sich bald der Gruppe um Utaibi an, dessen enger Freund er wurde.

In einem Traum, so erzählte Utaibi dem saudischen Geheimdienst später während eines Verhörs, habe er von Gott den Befehl erhalten, Qahtani als den Mahdi auszurufen. Dieser sei gekommen, um die Umma, die Gemeinschaft der Muslime, wieder zu einen und zum endgültigen Sieg gegen die Ungläubigen zu führen.

Utaibis Traum inspiriert und motiviert die Gruppe offensichtlich, denn bald beginnt sie mit konkreten Vorbereitungen für die Besetzung der Großen Moschee: Waffen werden beschafft und Vorräte eingekauft. Ende des Jahres 1399 treffen immer mehr Ikhwan in Mekka ein, leicht zu erkennen an ihren langen Bärten, gestutzten Schnurrbärten und über den Knöcheln abgeschnittenen Gewändern – dem Vorbild des Propheten entsprechend. Es ist die Zeit des Hadsch, der Pilgerfahrt nach Mekka. Die saudischen Sicherheitskräfte, die nach der Islamischen Revolution im Iran im Januar 1979 Unruhen befürchten, kontrollieren vor allem iranische Pilger und kümmern sich nicht um die Ikhwan und deren Familien. Ein Angriff von Sunniten auf das Allerheiligste des Islams liegt außerhalb der Vorstellungskraft. Doch am 20. November geschieht das Unvorstellbare.

Am Nachmittag zögert König Khaled in Riad noch, eine Militäraktion anzuordnen. Denn im Bezirk der Moschee ist es verboten, Waffen zu tragen. So beauftragt er zunächst die saudischen Religionsgelehrten, eine Fatwa, ein Rechtsgutachten, zu verfassen, die es ihm erlauben soll, mit Gewalt vorzugehen.

Inzwischen haben sich die vagen Berichte der Augenzeugen bereits wie ein Lauffeuer verbreitet und ganz Saudi-Arabien in Aufruhr versetzt. Die Menschen reagieren mit Abscheu auf den Anschlag, viele bezeichnen Utaibi als wahsch, als Bestie.

Vier Tage später ist die Fatwa endlich da. Darin verdammen die führenden Gelehrten des Landes das Verbrechen, das die Muslime entzweit habe, und fordern, die Aufständischen zu töten.

Die Truppen erhalten den Befehl zum Angriff. Mit Hilfe von Panzern und Hubschraubern versuchen sie, die Moschee zu stürmen. Doch die militärisch gut ausgebildeten Besetzer wehren sich erbittert; ihre Scharfschützen reißen große Lücken in die Reihen der saudischen Einheiten.

Die Kämpfe ziehen sich tagelang hin. Sie erregen weltweit Aufsehen und sorgen vor allem in der islamischen Welt für Entsetzen. Kritik und Spott treffen die saudischen Machthaber, welche die Situation nicht unter Kontrolle bekommen – ein herber Prestigeverlust für die Al Saud.

Und es kommt noch schlimmer: Angesichts des Versagens der eigenen Soldaten sieht sich der König gezwungen, in Frankreich um militärische Hilfe zu bitten. Paris schickt ein Team von fünf Anti-Terror-Spezialisten der Nationalen Gendarmerie nach Mekka. Mit dieser Unterstützung gelingt es den saudischen Truppen nach zwei Wochen, die Oberhand zu gewinnen. Mittels Gas treiben sie die letzten Aufständischen Anfang Dezember aus den labyrinthischen Kellergewölben.

Juhaiman al-Utaibi und 170 weitere Überlebende werden gefangen genommen. Der zum Mahdi ausgerufene Mohammed al-Qahtani ist in den Gefechten getötet worden; seine Leiche wird zum Beweis im saudischen Fernsehen gezeigt. Innenminister Prinz Nayif gibt später bekannt, dass bei der Belagerung und der Befreiung der Moschee insgesamt 177 Besetzer, 127 Soldaten und 26 Geiseln umgekommen seien; darüber hinaus habe es mehr als 600 Verwundete gegeben.

Nach kurzem Prozess werden Utaibi und 63 seiner engsten Gefolgsleute – neben 43 Saudis einige Ägypter, Jemeniten, Kuwaiter, ein Sudanese und ein Iraker – am 8. Januar 1980 in acht verschiedenen Städten enthauptet. Die bis dato größte kollektive öffentliche Hinrichtung in Saudi-Arabien soll Härte und Entschlossenheit demonstrieren. Die an dem Anschlag beteiligten Frauen erhalten Haftstrafen und müssen ein religiöses Umerziehungsprogramm absolvieren; die Kinder werden ihnen weggenommen und in Heimen untergebracht.

Indessen bemüht sich König Khaled, die Blamage vergessen zu machen und seine Autorität wiederherzustellen. Von nun an geben sich die Al Saud noch religiöser als die Eiferer, regelmäßig demonstriert die Herrschersippe ihre Frömmigkeit in der Öffentlichkeit.

Parallel dazu gehen sie zur Gegenpropaganda über. Das Sakrileg der Moscheebesetzung macht es einfach, die Aufständischen zu »Feinden der Religion und des Vaterlands«, zu »Verbrechern« oder »Verrückten« zu erklären. Vor allem aber zielt die Kampagne auf Utaibi selbst: Zum einen denunziert sie ihn als Analphabeten, ungebildet und unfähig, den Koran zu interpretieren; zum anderen werden Gerüchte lanciert, Utaibi sei homosexuell und drogensüchtig gewesen.

Um ihre Allianz mit den Religionsgelehrten zu festigen, verschärfen die Al Saud zahlreiche Gesetze: Die Rechte von Frauen werden weiter eingeschränkt mit dem Ziel, sie möglichst aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Fortan erhalten sie nur noch dann Geschäftslizenzen, wenn sie nachweisen können, dass Männer die Geschäfte führen; Auslandsstipendien bekommen sie nicht mehr. Zudem lässt die Regierung alle Videotheken schließen; Ausländern wird jede Form nichtislamischer Religionsausübung verboten.

Auf diese Weise löst der Anschlag auf die Große Moschee in Mekka auch eine forcierte Wahhabisierung Saudi-Arabiens aus. Ideologisch fällt das Wüstenkönigreich zurück ins 18. Jahrhundert, in die Zeit Mohammed Ibn Abd al-Wahhabs, des Begründers der Wahhabiya.

Die Religionsgelehrten revanchieren sich mit Kooperation. Gleichwohl sind sie genötigt, sich mit den Lehren der Fundamentalisten zu befassen. Besonders heikel ist die Situation für Ibn Baz, den früheren Mentor der Ikhwan. Einerseits kann er weder einen Aufstand noch die Anwendung von Waffengewalt in der Großen Moschee gutheißen. Andererseits unterscheidet sich die Ideologie der Aufständischen, mit Ausnahme der Mahdi-Lehre, nur geringfügig von der wahhabitischen Staatsdoktrin – sie bedeutet im Grunde nur eine strengere Auslegung. Einige der führenden Theologen des Landes können ihre Sympathie für Utaibis Gruppe deshalb auch nur schwer verbergen.

Und die Zahl dieser Gelehrten wächst rasch. Überall an den Schulen und Universitäten des Landes beginnen sie die Schüler und Studenten zu indoktrinieren. Parallel dazu verstärkt Saudi-Arabien seine Missionstätigkeit und exportiert seine rigide Islam-Interpretation in alle Welt. Das radikale Gedankengut begeistert fortan Tausende junger Muslime für den Dschihad. Es ist jene Saat, die heute aufgeht – im blutigen Terror von al-Qaida.

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  • Schlagworte Mekka | Saudi Arabien | Allianz | Koran | Königshaus | Minarett
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