Archäologie Grundpfeiler des Glaubens
Vor fast 12000 Jahren errichtete ein rätselhaftes Volk die ersten Tempel der Menschheit. Die gewaltige Anlage diente vermutlich einem Totenkult
Ihr Name ist verloren, ihre Mythen sind lange verschollen. Niemand wird je ihre Sprache enträtseln, Herkunft und Schicksal der Jäger und Sammler bleiben ein Mysterium im Dunkel der Vorgeschichte. Doch sie waren Revolutionäre.
Am Ende der Altsteinzeit, rund 6000 Jahre bevor die Ägypter am Nil die ersten Pyramiden hochzogen, errichtete das vorderasiatische Urvolk einen gewaltigen Bau. Die Entdeckung der rund neun Hektar großen Anlage auf dem Göbekli Tepe (»Nabelberg«) bei der Stadt Urfa im Südosten Anatoliens gilt als eine archäologische Sensation, ihre Erforschung hat ganze Szenarien der Prähistoriker auf den Kopf gestellt.
Es ist das älteste Großbauwerk der Menschheitsgeschichte, erbaut vor 11600 Jahren. Vermutlich diente es als Tempel eines Totenkults und womöglich zugleich als Nekropole. Sicher ist: Seine Schöpfer waren Meister der Baukunst. »Das ist Monumentalarchitektur«, sagt Klaus Schmidt, »errichtet noch vor der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht.«
Seit 1995 leitet Schmidt, Experte für Vorgeschichte am Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Berlin, die Grabungskampagnen auf dem anatolischen Kalksteinplateau. In diesen Tagen ist im Verlag C. H. Beck sein Buch Sie bauten die ersten Tempel erschienen, in dem er die Befunde vorstellt. Obwohl erst fünf Prozent des Areals halbwegs erkundet werden konnten, förderte Schmidts Grabungstruppe Erstaunliches zutage. Für die vier größten Bauwerke hatten die Handwerker des Frühvolks massive drei Meter hohe Steinmauern zu Kreisbauten von 30 Meter Außendurchmesser aufgeschichtet. Eingelassen in das Mauerwerk, stehen noch immer gewaltige Kalksteinpfeiler in den Ruinen, bis zu sieben Meter hoch und etwa fünfzig Tonnen schwer.
Zwei weitere Monolithen fanden sich freistehend auf dem steinzeitlichen Terrazzoboden im Innenraum. Sie alle symbolisierten offenbar Menschen oder überirdische Wesen: Die Steinmetze versahen die sorgfältig geglätteten Steinoberflächen mit Andeutungen von Armen und Beinen und bedeckten sie mit kunstvoll stilisierten Tierreliefs. Kranich, Fuchs, Schlange, Eber und Gazelle kamen in der Mythologie der prähistorischen Jägerkultur offenbar eine wichtige rituelle Bedeutung zu. »Die Anlage hat die architektonische Wucht von Stonehenge«, schwärmt Schmidt, »aber sie ist viele Jahrtausende älter.«
39 dieser T-Pfeiler haben die Ausgräber vom DAI inzwischen freigelegt, insgesamt dürften 30 kreisförmige Bauwerke mit 200 der kolossalen Pfeiler in dem bis zu 15 Meter mächtigen Grabungsfeld verborgen sein. Zudem stießen Schmidt und sein Team auf steinerne Tierskulpturen. Auch Menschenköpfe meißelten die vorzeitlichen Bildhauer aus Kalksteinblöcken.
Mit Göbekli Tepe dürften die Forscher den Ursprungsort – oder zumindest einen der Ausgangspunkte – des gewaltigsten Umbruchs in der Menschheitsgeschichte entdeckt haben: der neolithischen Revolution. Denn die Architekten von Göbekli Tepe, da ist sich Schmidt sicher, taten kurz darauf als Erste den Schritt in die Jungsteinzeit: »Hier liegt zugleich die Kernregion der entstehenden Landwirtschaft«, sagt der Archäologe. »Von hier breitete sie sich aus nach Europa und auch nach Osten.« Den anatolischen Baumeistern glückte also offenbar auch die Erfindung der Landwirtschaft. Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit auf der eigenen Scholle – eine Innovation, mit der die Menschheit zum ersten Mal das Gesicht des Planeten verändern sollte.
Mit der neuen bäuerlichen Lebensweise erstarb der Totenkult vom Göbekli Tepe. Vor 9500 Jahren endete die Bautätigkeit auf der heiligen Höhe abrupt. Zurück blieb, nach fast zwanzig Jahrhunderten gigantomanischer Ahnenverehrung, ein schweigender Tempel. Bislang bietet das Vorzeitmonument Rätsel über Rätsel. Nur wenige sind gelöst. So haben die Ausgräber inzwischen herausgefunden, dass die Rundbauwerke sukzessive entstanden. Bevor sie jeweils mit dem Bau des nächsten begannen, wurde der Vorgänger mit Geröll verfüllt. Ein Widersinn, so scheint es, und doch könnte der seine Logik haben – und die DAI-Truppe zur nächsten Überraschung leiten. Denn offenbar wurden die Monumente von außen nach innen gebaut: Erst errichtete man die massive Außenmauer, dann wurde der Innenraum nach und nach durch Einbauten gefüllt. Irgendwann war der zu klein geworden für weiteres Mauerwerk. Dann musste ein neuer Bauplatz her.
Wozu dienten die Einbauten im Innenraum? Schmidt ist sich ziemlich sicher: »Das sind die Totenkammern.« Erst in zwei Jahren wollen die Archäologen es wagen, die mutmaßlichen Grüfte zu öffnen. Werden sie darin, nach fast 12000 Jahren, auf die Skelette der Baumeister stoßen?
Ein Skelettfund wäre eine archäologische Sensation. Denn Gebeine haben den Forschern inzwischen eine Menge zu erzählen. Ihre Knochenstruktur verrät Lebensweise, Ernährung und Krankheiten. Auch die Gene im Knochen können Auskunft geben: Woher kamen die Vorfahren dieses rätselhaften prähistorischen Volkes, das vor 12000 Jahren den fruchtbaren Halbmond besiedelte, das Gebiet des heutigen Anatoliens, Syriens und des Iraks? Und was wurde aus ihren Nachkommen?
Schon jetzt zeigt der Fundplatz, dass die bisherigen Vorstellungen über die vorhistorischen Menschheitskulturen wohl in die Irre gehen. Hunderte von Arbeitern und Handwerkern müssen über Jahrzehnte an den einzelnen Anlagen auf dem Göbekli Tepe geschuftet haben. Die wiederum mussten mit Nahrung und Baumaterial versorgt werden – auch logistisch eine erstaunliche Leistung. Göbekli Tepe war nur möglich durch »eine soziale Organisation, die weit über das hinausgeht, was man dieser Zeit zugetraut hat«, sagt Schmidt, »eine High-Tech-Gesellschaft, deren Jägerkultur auf ein langes Erbe aus der Altsteinzeit zurückgriff und die im großen Stil agieren konnte«.
Tatsächlich aber ist die Einmaligkeit des Fundes auch seine große Schwäche. In Raum und Zeit steht Göbekli Tepe völlig isoliert da. Eine Kultur, die Monumentalbauten errichtet, entsteht nicht aus dem Nichts, dennoch sind die Vorläufer der grandiosen Baumeister nicht bekannt.
Auch nach den Architekten von Anatolien kommt erst mal lange nichts. Zwar dürfte, just zur Zeit der Göbekli-Kultur, weiter im Süden eine später als Jericho bekannt gewordene Siedlung gegründet worden sein. Die berühmte Siedlung Çatal Höyük in Zentralanatolien entstand vor 9000 Jahren. Doch die ersten Stadtkulturen im Zweistromland folgen erst Jahrtausende später. Womöglich brachte der Übergang zur Landwirtschaft zunächst einen architektonischen Rückschritt. In den neuen bäuerlichen Gesellschaften der Jungsteinzeit waren Großbaustellen vermutlich weniger gefragt als Hütten, Ställe und Ackergeräte.
Wie hoch entwickelt die untergegangene Jägerzivilisation vom Göbekli Tepe wirklich war, zeigen die jüngsten Erkundungen des deutschen Archäologenteams unzweideutig. Offenkundig standen die Altsteinzeitler kurz vor der Entwicklung einer Schrift. Erst bei den letzten Grabungskampagnen entdeckten die DAI-Forscher eingemeißelte Botschaften auf den mächtigen Kalksteinpfeilern: Tiersymbole, ein aufrechtes und ein liegendes H sowie ein Kreissymbol. Die Zeichen sind angeordnet wie die Worte eines kurzen Satzes und enthalten wohl Nachrichten an die Nachwelt. »Das war noch keine Lautschrift«, wiegelt Schmidt ab, »aber ein an Hieroglyphen erinnerndes Symbolsystem könnten die Zeichen gewesen sein.«
Leider, sagt der DAI-Forscher, werde sich die Bedeutung der Symbole nach 12000 Jahren wohl nie mehr rekonstruieren lassen. Die Bekenntnisse der Steinzeitjäger sind für immer verloren.
- Datum 09.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7
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