Archäologie Grundpfeiler des GlaubensSeite 2/2
Ein Skelettfund wäre eine archäologische Sensation. Denn Gebeine haben den Forschern inzwischen eine Menge zu erzählen. Ihre Knochenstruktur verrät Lebensweise, Ernährung und Krankheiten. Auch die Gene im Knochen können Auskunft geben: Woher kamen die Vorfahren dieses rätselhaften prähistorischen Volkes, das vor 12000 Jahren den fruchtbaren Halbmond besiedelte, das Gebiet des heutigen Anatoliens, Syriens und des Iraks? Und was wurde aus ihren Nachkommen?
Schon jetzt zeigt der Fundplatz, dass die bisherigen Vorstellungen über die vorhistorischen Menschheitskulturen wohl in die Irre gehen. Hunderte von Arbeitern und Handwerkern müssen über Jahrzehnte an den einzelnen Anlagen auf dem Göbekli Tepe geschuftet haben. Die wiederum mussten mit Nahrung und Baumaterial versorgt werden – auch logistisch eine erstaunliche Leistung. Göbekli Tepe war nur möglich durch »eine soziale Organisation, die weit über das hinausgeht, was man dieser Zeit zugetraut hat«, sagt Schmidt, »eine High-Tech-Gesellschaft, deren Jägerkultur auf ein langes Erbe aus der Altsteinzeit zurückgriff und die im großen Stil agieren konnte«.
Tatsächlich aber ist die Einmaligkeit des Fundes auch seine große Schwäche. In Raum und Zeit steht Göbekli Tepe völlig isoliert da. Eine Kultur, die Monumentalbauten errichtet, entsteht nicht aus dem Nichts, dennoch sind die Vorläufer der grandiosen Baumeister nicht bekannt.
Auch nach den Architekten von Anatolien kommt erst mal lange nichts. Zwar dürfte, just zur Zeit der Göbekli-Kultur, weiter im Süden eine später als Jericho bekannt gewordene Siedlung gegründet worden sein. Die berühmte Siedlung Çatal Höyük in Zentralanatolien entstand vor 9000 Jahren. Doch die ersten Stadtkulturen im Zweistromland folgen erst Jahrtausende später. Womöglich brachte der Übergang zur Landwirtschaft zunächst einen architektonischen Rückschritt. In den neuen bäuerlichen Gesellschaften der Jungsteinzeit waren Großbaustellen vermutlich weniger gefragt als Hütten, Ställe und Ackergeräte.
Wie hoch entwickelt die untergegangene Jägerzivilisation vom Göbekli Tepe wirklich war, zeigen die jüngsten Erkundungen des deutschen Archäologenteams unzweideutig. Offenkundig standen die Altsteinzeitler kurz vor der Entwicklung einer Schrift. Erst bei den letzten Grabungskampagnen entdeckten die DAI-Forscher eingemeißelte Botschaften auf den mächtigen Kalksteinpfeilern: Tiersymbole, ein aufrechtes und ein liegendes H sowie ein Kreissymbol. Die Zeichen sind angeordnet wie die Worte eines kurzen Satzes und enthalten wohl Nachrichten an die Nachwelt. »Das war noch keine Lautschrift«, wiegelt Schmidt ab, »aber ein an Hieroglyphen erinnerndes Symbolsystem könnten die Zeichen gewesen sein.«
Leider, sagt der DAI-Forscher, werde sich die Bedeutung der Symbole nach 12000 Jahren wohl nie mehr rekonstruieren lassen. Die Bekenntnisse der Steinzeitjäger sind für immer verloren.
- Datum 09.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7
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