Berlinale Der Gott der Prärie
In Robert Altmans neuem Film »A Prairie Home Companion« spielt der US-Showmaster Garrison Keillor sich selbst. Ein Besuch beim Idol der Kleinstadtliberalen
Es ist ein Samstag um die Mittagszeit, die Wochenendler in der kleinen US-Airways-Maschine sind freundlich und entspannt, und niemand nörgelt über die Tüte mit kargem Lunch, während wir von Philadelphia aus nach Norden über flyover-America fliegen, die unbekannte Provinz, zu der, seien wir ehrlich, auch unser Zielflughafen gehört, St. Paul/Minneapolis. Oder? Schon mal dort gewesen? Doppelstadt am Mississippi. Dort, wo Kanada nicht mehr weit und der Fluss monatelang gefroren ist. Seien wir ehrlich, beim Mississippi denken wir Europäer immer nur an das Eine. Seinen Unterlauf.
Die Flugbegleiterin ist eine Schwarze um die vierzig mit festen Rundungen. Auf ihrem Namensschild steht »Sharonne«. Sharonne spricht autoritativ und bewegt sich wie eine satte Schlange, und jetzt singt Sharonne ins Bordmikrofon, no kidding. (Warnung an die Leser: Dieser Text enthält Denglisch.) Schöne Gospelstimme. Als Sharonne vorhin die Lunchreste einsammelte, fragte sie nach Geburtstagskindern, und jetzt ruft sie »Cheers für Keith aus Duluth in Sitz 12C!« und singt. Aber nicht das Nächstliegende, sondern das andere Happy Birthday, von Stevie Wonder. Sharonne ist eine Schau vor der Show, zu der wir wollen. Die übliche Ansage vor dem Start klang bei ihr so: »Ladies and gentlemen, there may be fifty ways to leave your lover, but in an emergency there are only four doors to leave this airplane, one in the front, two in the middle, and one in the rear.« And thanks a bunch, Sharonne – passender kann ein Trip zu einem Phänomen amerikanischer Populärkultur kaum losgehen.
In vier Stunden beginnt in St. Paul Garrison Keillors Show A Prairie Home Companion. Wahrscheinlich schreibt er noch daran. Seit 30 Jahren haut er jede Woche 40 titanische Manuskriptseiten raus, das heißt jede zweite Wochenhälfte, denn in der ersten schreibt Garrison Keillor Bücher, Kolumnen, Gedichte, rasch mal das Libretto für eine Oper. (Inhalt: Es ist Frühling. Er denkt ans Rasenmähen. Sie denkt an Scheidung. – Die Oper Mr and Mrs Olson wurde ein Erfolg.) Er schreibt Essays gegen die Bush-Bande, schreibt Ratschläge für Liebeskranke, schreibt Schreibhilfen für Schreibgestörte, ach Garrison, Mr. Keillor, Sir, Ihre Produktivität möchte man haben. Und dann sogar noch Zeit für Musik und die Messe am Sonntag und viel großartigen, langsamen Sex, Sir, so wie Sie ihn haben, erfinden oder beides, Sie sind so – inspirierend. Sir. Die Show beginnt um fünf. Wie jeden Samstag. Wir haben noch keine Karte. Die Show ist im Fitzgerald Theater. Es ist nach Scott Fitzgerald benannt, der in St. Paul geboren wurde und in dem Viertel, wo Keillor heute wohnt, das Buch geschrieben hat, das ihn berühmt machte und hinausschleuderte nach Manhattan und Paris und Hollywood, This Side of Paradise .
Um 1960 hat der Student Gary Keillor, Jahrgang 1942, schüchternes, großes und plumpes Kind kleiner Leute, voll gesogen mit Literatur und Ambition, im Drugstore an der Ecke seine Filterlosen gekauft, genau dort, wo einst auch Scott Fitzgerald seine kaufte. Und er hat zu Gott gebetet, denn Gary war fromm erzogen worden: Lieber Gott, gib mir Erfolg als Schreiber, mach mich zum Turgenjew der Tundra, zum Proust der Prärie, zum Maupassant des armen Mannes, schleudere mich nach Manhattan, und wie findest du übrigens, dass ich mich jetzt Garrison nenne?
Seine Stimme ist ein samtiger Bariton, die Intonation ein Singsang
Gott fand das okay und tat wie gewünscht, mehr oder weniger. Garrison Keillor ist heute in Amerika ein berühmter Mann. Er hat es nach Manhattan geschafft zum ikonografischen Intellektuellenmagazin The New Yorker, sogar wieder zurück nach St. Paul, er hat 16 Bücher geschrieben, darunter mehrere Bestseller. A Prairie Home Companion ist als Bühnen-Show jede Woche ausverkauft, und im nutzerfinanzierten public radio, für das er sie 1974 konzipiert hat, hören der Live-Übertragung fünf Millionen Menschen zu, jeden Samstag von fünf bis sieben, amerikaweit, auf 558 Sendern. Übers Internet kann man sie weltweit hören; deshalb unter anderem sitzen wir jetzt im Flugzeug. Sharonne macht inzwischen eine Art Sportquiz mit den Passagieren. Von Baseball haben wir keine Ahnung, wir erlauben uns, Scheuklappen aufzusetzen und zu lesen. Wir haben Keillor-Bücher dabei, Keillor-Artikel, Keillor-Hörkassetten, wir versinken nun im Fluss seiner kunstvoll beiläufigen Prosa, lassen uns vorlesen, freuen uns über unbekanntes Englisch: balderdash ? foofaraw ? doinking niblicks ? Bloviating wingalings ? Keillors Stimme schwingt in uns wie Katerschnurren, und wenn wir durchs Bullauge schauen, sehen wir Wolken über Amerika.
- Datum 09.02.2006 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren